Interview mit Jacques Forestier

«Ich möchte die Musik, die ich am meisten liebe, mit möglichst vielen Menschen teilen, die zuhören möchten.»
Der 2004 geborene kanadische Geiger Jacques Forestier begann im Alter von zwei Jahren mit dem Violinspiel. 2024 gewann er den Joseph-Joachim-Violinwettbewerb in Hannover gemeinsam mit Angela Chan und erhielt zudem den Publikumspreis. Seine Ausbildung führte ihn ans Curtis Institute of Music in Philadelphia zu Shmuel Ashkenasi und Pamela Frank. Als Solist trat er unter anderem mit der NDR Radiophilharmonie, dem Münchener Kammerorchester und dem Edmonton Symphony Orchestra auf. Er spielt eine Guadagnini-Violine von 1765, eine Leihgabe der Fritz Behrens Stiftung.
Sie haben im Alter von zwei Jahren angefangen, Geige zu spielen. Erinnern Sie sich daran, wann die Geige für Sie mehr als nur ein Instrument wurde?
Ich glaube, sie war für mich schon immer mehr als nur ein Instrument, weil ich aus einer Musikerfamilie komme. Musik war eng mit unserem Leben verwoben, deshalb war es ganz selbstverständlich, selbst zu musizieren. Einen echten Wendepunkt erlebte ich aber wohl in meinen frühen Teenagerjahren, als ich begann, ganz unterschiedliche Ideen und musikalische Erfahrungen aus aller Welt kennenzulernen.
Was wünschen Sie sich, dass das Publikum empfindet, wenn Sie auf die Bühne treten?
Ich möchte, dass das Publikum mehr als nur schöne Klänge hört – dass es den Ausdruck und die Absicht hinter der Musik wirklich wahrnimmt. Zugleich möchte ich unverfälscht vermitteln, was die Komponistin oder der Komponist geschrieben hat und was wir zum Leben erwecken dürfen.
Wann beginnt sich eine Interpretation wirklich wie Ihre eigene anzufühlen?
Wie gut ich ein Werk aufführen kann, hängt für mich ganz davon ab, wie tief und umfassend ich die Musik verstehe. Daraus schöpfe ich mein Selbstvertrauen. Eine Interpretation ist für mich deshalb erst dann wirklich ausgereift, wenn ich die Musik aus vielen verschiedenen Blickwinkeln erkundet habe.
Was haben Sie beim Internationalen Joseph-Joachim-Violinwettbewerb über sich selbst gelernt?
Eine der wichtigsten Erkenntnisse war, zu welchen Leistungen ich tatsächlich fähig bin. Manchmal kämpfe ich mit Selbstzweifeln. Doch so viele unterschiedliche musikalische Herausforderungen zu meistern und dafür Anerkennung zu erhalten, hat mir viel über meine eigenen Fähigkeiten gezeigt.
Hat Ihnen der Wettbewerbssieg in Hannover mehr Freiheit gegeben, oder ist dadurch auch zusätzlicher Druck entstanden?
Ein Wettbewerbssieg führt heutzutage nicht automatisch zu einer grossen Karriere. Er öffnet lediglich Türen und bringt einen der Möglichkeit näher, sich selbst eine solche Karriere aufzubauen. In gewisser Weise würde ich deshalb sagen, dass der Druck sogar grösser geworden ist. Dazu kommt der Anspruch, dem hohen Niveau gerecht zu werden, für das der Joachim-Wettbewerb und seine bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger stehen.
Welcher Rat Ihrer Lehrpersonen hat Sie als Musikerpersönlichkeit am stärksten geprägt?
Es ist ein ziemlich konkreter Rat: Eine meiner Lehrpersonen sagte mir, ich solle, wenn ich mich beim Spielen unsicher oder nervös fühle, einfach jemand anderem zuhören und mich daran erinnern, wie schön die Musik ist. So richte ich meine Aufmerksamkeit auf etwas ausserhalb meiner selbst, das grösser ist als ich. Das wirkt Wunder!
Wie hat sich Ihre Beziehung zu Ihrer Guadagnini-Geige entwickelt?
Sie entwickelt sich noch immer! Für mich sind solche Instrumente geradezu lebendige, atmende Wesen. Das kann im Umgang mit ihnen frustrierend sein, eröffnet aber zugleich grenzenlose Möglichkeiten, sie zu erkunden und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Gerade diese Guadagnini ist zwar wunderschön, aber auch sehr launisch. Deshalb muss ich ständig herausfinden, wie ich mich am besten auf sie einstellen kann – und genau das ist meine grösste Schwäche!
Welche Erfahrungen konnten Sie durch Ihre frühe musikalische Laufbahn schon in jungen Jahren machen – und worauf mussten Sie verzichten?
Mit dem, was man liebt, seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, ist wohl eines der grössten Geschenke im Leben. Aber es hat auch seine Schattenseiten. Vor allem wird es schwierig, ein Gleichgewicht zwischen Beruf und Privatleben zu finden. Deshalb ist es unglaublich wichtig, sich klare Grenzen zu setzen, damit diese Bereiche nicht auf eine Weise ineinanderfliessen, die einem schadet.
Gibt es ein Werk, mit dessen Aufführung Sie bewusst warten, bis Sie sich dafür bereit fühlen?
Grundsätzlich spiele ich sehr gerne ganz unterschiedliche Musik. Es kommt aber auf den Rahmen des Konzerts an. Ein Werk wie das Brahms-Violinkonzert möchte ich vielleicht zunächst in einem Umfeld mit weniger Druck aufführen, bevor ich es etwa in der Carnegie Hall spiele! Ich glaube: Wenn wir uns nicht erlauben, Risiken einzugehen und Dinge auszuprobieren, für die wir uns noch nicht bereit fühlen, werden wir nie erfahren, wozu wir wirklich fähig sind.
Wie möchten Sie in zehn Jahren als Musikerpersönlichkeit sein – unabhängig von Preisen und Anerkennung?
Ich möchte einfach weiterhin so glücklich mit meinem Leben und meiner Tätigkeit sein wie heute. Und ich möchte die Musik, die ich am meisten liebe, mit möglichst vielen Menschen teilen, die zuhören möchten. Das klingt einfach, aber letztlich ist genau das der Grund, warum ich tue, was ich tue. :)
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.11.2026
Bild Copyright: Jacques Forestier
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08.11.2026 - Jacques Forestier (Violine), Boris Kusnezow (Klavier)
15.11.2026 - Jacques Forestier (Violine), Münchner Symphoniker, Swann Van Rechem (Leitung)
18.11.2026 - Jacques Forestier (Violine)
25.11.2026 - Jacques Forestier (Violine), Duisburger Philharmoniker, Ariane Matiakh (Leitung)
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