Günter Pichler im Interview

«Es war der Traum meines Lebens.»
Als Primarius des Alban Berg Quartetts hat Günter Pichler eine einzigartige Karriere erlebt: Er war mit diesem Quartett in den fast 40 Jahren seines Bestehens auf allen wichtigen Konzertpodien der Welt zu Gast. Mit dem Ende des Alban Berg Quartetts hat Günter Pichler 2008 seine Dirigiertätigkeit verstärkt, die er schon über 20 Jahren regelmäßig und erfolgreich pflegt.
Classicpoint.ch: Schon mit 18 Jahren sind Sie Konzertmeister der Wiener Symphoniker geworden, mit Mitte 20 wurden Sie unter Karajan Konzertmeister der Wiener Philharmoniker. Sie hätten sich auch voll auf eine Solokarriere konzentrieren können. Warum haben Sie sich für das Quartettspiel entschieden?
Mein Instinkt sagte mir, dass das Quartettspiel das Richtige für mich sei.
Gab es Momente, bei denen Sie den Entscheid für das Quartettspiel bereut haben?
Ich habe diese Entscheidung nie bereut, es stellte sich heraus, dass es der Traum meines Lebens war.
In 38 Jahren Alban Berg Quartett sind Sie vermutlich in fast jedem grösseren Saal schon zig Mal aufgetreten, haben tausende Konzerte gegeben. Gibt es da einige Konzerte, die Ihnen speziell in Erinnerung sind?
Die spannendsten Konzerte, natürlich auch die aufregendsten, waren diejenigen, von denen wir wussten, dass sie unsere Karriere entscheidend beeinflussen würden. Das war zuerst einmal unser Debüt im Herbst 1971 im Wiener Konzerthaus, dann die ersten Konzerte in den großen Konzertsälen Europas und Übersee, zum Beispiel in der Berliner Philharmonie, in der Züricher Tonhalle, im Concertgebow Amsterdam, in der Frankfurter Alten Oper, in der Kölner Philharmonie, im Münchner Herkules Saal, im Theatre des Champs Elysees in Paris, in der Santa Cecilia in Rom, in der Queen Elizabeth Hall in London, in der Suntory Hall in Tokio, im Theatro Colon in Buenos Aires und natürlich ganz besonders auch in der Carnegie Hall in New York. Unser Debut dort wurde mitgeschnitten und später auf EMI veröffentlicht, es war die Initialzündung zu unserem Entschluss, praktisch nur mehr live aufzunehmen.
Unvergesslich sind auch die Uraufführungen, die in Anwesenheit der Komponisten stattgefunden haben (zum Beispiel Berio, Schnittke, haubenstock-Ramati, Urbanner, Rihm) oder Konzerte, nach denen sich die Komponisten ganz ausdrücklich für die Aufführung bedankt haben (wie zum Beispiel Lutoslawski oder Boulez).
Ebenso sind in spezieller Erinnerung jene Konzerte, von denen Live-Mitschnitte gemacht wurden, davon wieder besonders der Live-Mitschnitt des Beethoven-Zyklus im Wiener Konzerthaus.
Wenn man so lange in gleicher Besetzung zusammen spielt, entsteht ja ein kompliziertes soziales Beziehungsgeflecht. Wie würden Sie die einzelnen Charaktere und deren Funktion im sozialen Gefüge des Quartetts beschreiben? Gab es jemanden, der die Führung in den Proben übernommen hat, oder z.B. jemanden, der ab und zu mit einem Spruch einen sich anbahnenden Streit auflösen konnte?
Ein Quartett kann nur auf demokratischer Basis funktionieren. Aber auch die Demokratie hat ihre Regeln. Es ist sicher günstig, wenn es einen Primus inter Pares gibt, was bei uns – so glaube ich – der Fall war; es ist notwendig, dass die Charaktere sich ergänzen, auch dieses Glück hatten wir... Und vor allem darf der Humor nicht fehlen.
Drei Jahre vor der Auflösung, als Thomas Kakuska (Bratschist) gestorben ist, war da das Ende des Quartetts bereits ein Thema?
Natürlich war zu diesem Zeitpunkt das Ende des Quartetts ein Thema. Aber Thomas wollte unter keinen Umständen, dass das Quartett seinetwegen aufhören würde zu spielen.
Auslöser für die Auflösung des Alban Berg Quartetts soll Valentin Erben gewesen sein. Wie war die Reaktion der anderen drei Mitglieder, als Valentin Erben seine Absichten kundtat, sich nochmals neu zu orientieren?
Ich glaube, zu dem Zeitpunkt, als Valentin uns von seiner Entscheidung informierte, waren wir alle ziemlich überrascht. Letztlich aber waren alle einverstanden. Ich weiß natürlich nicht genau, was meine Kollegen dachten, ich persönlich hätte tatsächlich vergessen, dass es ja auch einmal ein Ende geben muss, und als der Älteste des Quartetts und nach 50 Jahren “Berufsleben“ war der Zeitpunkt der Auflösung auch letztlich sehr natürlich für mich.
Wie haben Sie das allerletzte Konzert des ABQ erlebt?
Die Vorbereitungen für die letzten Tourneen des Quartetts wurden zwei Jahre vor dem Ende begonnen, wir hatten also genug Zeit, uns auf das Ende einzustellen. Da wir aber nicht wussten, wie emotional sich das letzte Konzert anfühlen würde, haben wir beschlossen, dieses nicht in Wien zu spielen. Es sollte an einem unserer Lieblingsplätze, weit ab von der Heimat aber doch bei Freunden stattfinden: in Buenos Aires, im unbeschreiblich schönen Teatro Colon. Dann kam aber im letzten Moment aus heiterem Himmel eine Bitte des Direktors des neuen Kulturzentrums in Peking. Er begründete seine Einladung mit folgenden Worten: Sie hören auf – wir fangen an, bitte kommen Sie doch. So haben wir unser letztes Konzert in einem Land gespielt, in dem es überhaupt keine Kammermusikkultur gab, haben damit aber für die Kammermusik in China offensichtlich Wichtiges getan. Denn heuer im Juli rief mich der Präsident des zentralen Konservatoriums Chinas in Peking an und sagte mir folgendes: "Seit Sie vor drei Jahren ihre Konzerte bei uns gegeben haben, gibt es an unserer Schule über 60 Streichquartette. Kommen Sie doch bitte, wir möchten Ihnen die fünf besten vorstellen, denn wir brauchen dringend den Kontakt zu ihrer Tradition." Zurück noch einmal zum letzten Konzert: Trotz aller Vorbereitungen war es doch ein sehr bewegendes Gefühl, das letzte Mal als Alban Berg Quartett auf der Bühne zu sein und die letzten Töne zu spielen ... für mich geschah es wie in Trance.
Was geben Sie heutigen jungen Quartettformationen als Tipp mit? Was ist in Ihren Augen das Wichtigste, um Erfolg zu haben?
Die brennende Liebe zur Musik, der unbedingte Wille zur Wahrheit, die Demut vor dem Werk, an sich selbst zu glauben und alles für möglich zu halten, jedes Konzert für das wichtigste des Lebens zu halten, unbedingt zuverlässig zu sein, unablässig zu arbeiten und sich selbst zu erkennen.
Nach dem Ende des ABQ haben Sie Ihre Dirigiertätigkeit verstärkt und unterrichten als Professor der Hochschulen in Wien, Köln und Madrid. Spielen Sie noch Kammermusik?
Nach monatelangem Ringen hatte ich mich, schon vor dem Ende des Quartetts, dazu entschlossen, obwohl viele gute Freunde mich eingeladen hatten, mit ihnen zu musizieren, als Geiger nicht mehr öffentlich aufzutreten.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 03.01.2012
Foto: n.a.
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