Maestro Long Yu im Interview

« Ich hoffe, dass wir dieses Staunen teilen können. »
Maestro Yu Long gilt als einflussreichste Person in der klassischen Musikszene in China. Der chinesische Dirigent mit etablierter, internationaler Reputation ist Gründer und künstlerischer Leiter des Beijing Music Festival, künstlerischer Leiter des China Philharmonic Orchestra, Musikdirektor des Shanghai and Guangzhou Symphony Orchestra, Vizedirektor des MISA Shanghai Summer Festival und erster Gastdirigent des Hong Kong Philharmonic Orchestra.
Sie werden als einflussreichste Person in der klassischen Musikszene in China genannt. Wo sehen Sie das grösste Potenzial in der klassischen Musikszene in China?
Nachdem ich 50 Jahre alt geworden bin, habe ich mich noch mehr darauf fokussiert, Musik von meiner Generation an die nächste weiterzugeben. Die Begeisterung für Musik in China bietet eine grosse Plattform für junge Künstler. Ich hoffe, dass Chinas Möglichkeiten die Musikgeschichte der Welt mitentwickeln können. Mit 60-70 Orchestern und rund 50 Millionen Kindern, welche ein Instrument lernen, haben wir viel zu teilen. Auch wenn nicht alle dieser Kinder grosse Solisten werden, hoffe ich, dass China die nächste Generation mit Liebe zur klassischen Musik ausbildet. Das birgt ein gigantisches Potenzial.
Gibt es grosse Unterschiede innerhalb Chinas?
Klassische Musikkonzerte und Ausbildung sind immer noch eine laufende Entwicklung in China. Wegen der kulturellen Revolution ist alles nach wie vor neu. Einige unserer grossen Orchester, das China Philharmonic, das Shanghai Symphony Orhcestra, das Guangzhou Symphony Orchestra und andere halten mit den Besten in der Welt mit. Aber einige unserer provinziellen Städte lernen erst, wie Orchester funktionieren.
Was kann die europäische Klassik Musikszene von China lernen?
Die chinesische Bevölkerung hat einen unglaublichen Appetit und eine grosse Begeisterung für klassische Musik. Mit der langen Tradition der europäischen Klassik-Szene glaube ich, dass es einfach sein kann, zum Beispiel die Aufregung und Resonanz beim erstmaligen Hören einer Beethoven-Sinfonie oder beim Entdecken von Shostakovitch zu vergessen. Die meisten Europäer können sich nicht mal vorstellen, wie es war, als diese Musik für sie neu war. Aber viele Chinesen meiner Generation können sich noch deutlich daran erinnern, als wir das erste Mal Brahms oder Bach gehört haben. Ich hoffe, dass wir dieses Staunen teilen können.
Wenn Sie auf die letzten 20 Jahre zurückblicken, was waren die grössten Veränderungen in der klassischen Musikszene in China?
Da ist es schwierig, Dinge herauszupicken, denn fast alles in der chinesischen Klassik Musikszene hat sich in den letzten 20 Jahren stark geändert. Ich habe das Beijing Music Festival exakt vor 20 Jahren gegründet. Im Oktober feiern wir das 20-jährige Jubiläum. Dieses Festival ist ein gutes Beispiel für die spektakuläre Veränderung. Bei der Gründung fragten wir uns, ob so ein grosses Musik Festival in China überhaubt tragfähig sei. Aber es wurde nicht nur eines der wichtigsten klassischen Musikfestivals in Asien, sondern entwickelte sich zu einem von der Kritik gefeierten Event weltweit. Das Festival brachte einige grossartige Werke zur Uraufführung und zog die besten internationalen Solisten und Dirigenten an.
Wenn Sie die führenden Orchester in China mit den führenden Orchester in Europa vergleichen, was sind die Unterschiede?
Die Unterschiede werden kleiner. Meine Generation war die erste, welche im Ausland studiert hat. Nach dem Studium am Shanghai Conservatory habe ich an der Hochschule in Berlin meine Studien fortgesetzt. Dort hat sich mir eine neue Welt des Übens und der Musik geöffnet. Jetzt studieren sehr viele chinesische Musiker in der ganzen Welt und kommen dann zurück zu den Orchestern hier. Unsere Top-Orchester haben sich so entwickelt, dass sie vergleichbar sind mit den besten Orchester in Europa.
Was zeichnet die Besucher klassischer Konzerte in China aus?
Wenn Leute aus Europa oder Amerika unsere Konzerte besuchen, fällt ihnen auf, dass das Publikum sehr jung ist. Die Leute hier sind aktiv im Lernen von Neuem.
Was sind Ihre kommenden Projekte?
Das 20-jährige Jubiläum des Beijing Music Festivals wird ein grosses Projekt für mich sein. Das ist wirklich ein wahrgewordener Traum, denn durch dieses Festival hat China so viele neue Sachen erleben können: die Wiederkehr von Isaac Stern, die erste Auftragskomposition (Cellokonzert von Philip Glass), die Premiere von Wagners "Der Ring der Nibelungen" als Meilenstein, das erste Kirchenkonzert von einem Mozart Requiem. Die Liste geht weiter und weiter. Es wird eine gewaltige Feier werden. Ich bin berührt, wie gross die Unterstützung ist, welche wir erhalten.
Wo liegen Ihre Interessen ausserhalb der Musik?
Ich liebe es, die Welt zu entdecken und bin froh, dass mich meine Arbeit zu faszinierenden Orten auf der ganzen Welt bringt. Wenn ich an einem neuen Ort bin, versuche ich, Zeit zu finden, um das Essen auszuprobieren, mir alles anzuschauen und zu lernen.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 2.8.2017
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