Ilker Arcayürek im Interview

« Eine Stimme ist wie eine Blume, man muss sie als solche auch respektieren und pflegen. »
Ilker Arcayürek ist erster Preisträger des Internationalen Wettbewerb für Liedkunst der Hugo Wolf Akademie Stuttgart 2016. Im Vorjahr war er Finalist beim BBC Cardiff Singer of the World Wettbewerb und wurde von BBC Radio 3 zum New Generation Artist bis 2017 gewählt. Im Herbst 2016 gab er sein allseits erwartetes Rezital - Debüt in der Wigmore Hall in London. Seit der Saison 2015/16 ist Ilker Arcayürek Ensemblemitglied am Staatstheater Nürnberg. Ilker Arcayürek wurde in Istanbul geboren und wuchs in Wien auf.
Classicpoint.net: Ihre Familie ist aus der Türkei nach Wien gezogen, damit Ihre Halbschwester eine gute Geigenausbildung bekommen kann. Wie haben Sie diesen Umzug erlebt?
Es war Herbst 1989, als wir nach Österreich zogen. Der Wind und die Kälte war uns in dieser Form nicht bekannt. Am ersten Tag unserer Ankunft gingen wir spazieren und meine Mutter kaufte aus Sorge um mich die erstbeste Jacke, die sie sah. Leider war sie hellrosa und viel zu groß für mich aber sie hielt mich warm! Ich erinnere mich außerdem an meine ersten "Spare Ribs" in einem Strandcafé an der Alten Donau. Seither sind Rippchen mein Leibgericht. Das Meer nicht mehr zu sehen und plötzlich eine neue Sprache sprechen zu müssen, war sicherlich die größte Umstellung, aber ich habe mich schnell an die neuen Lebensumstände gewöhnt. Als Fünfjähriger stellt man sicher auch noch nicht so viele Ansprüche wie ein Erwachsener.
Ihre Schwester wollte später nicht mehr Geige spielen, dafür haben Sie Lust an der Musik bekommen. Was hat Ihr Interesse geweckt?
Meine Mutter hörte sehr gerne klassische Musik. Unser CD-Player war fast Tag und Nacht aktiv. Wir hörten gemeinsam CDs verschiedener Musikrichtungen von Guns N’ Roses, Tina Turner bis hin zu Glenn Gould und Anne-Sophie Mutter. Meine erste CD mit klassischem Gesang waren die “Drei Tenöre”.
Sie sind in den Wiener Mozart Knabenchor aufgenommen worden und fanden Spaß am Singen. Was hat Ihnen gefallen?
Die Gruppendynamik hat mich sofort gepackt. Wir sind sehr schnell als Gruppe zusammengewachsen und haben auch viel außerhalb des Chores unternommen.
Es waren Kinder aus verschiedensten Ländern und diverse Konfessionen waren im Chor vertreten. Es war eine Bereicherung für mein Leben, in diesem Umfeld aufzuwachsen und die ersten Erfahrungen in der Welt der Musik machen zu können.
Danach wurde es in Ihrem Leben schwierig. Die Eltern trennten sich und Ihre Mutter zog zurück in die Türkei. Sie lebten praktisch ohne Geld bei Ihrer Schwester. Sie brachen sogar die Schule ab, um Gelegenheitsjobs anzunehmen und überleben zu können. Können Sie uns aus dieser prägenden Zeit erzählen?
Ich hatte in meiner Jugend einige Herausforderungen zu bewältigen aber dennoch möchte ich betonen, dass ich eine glückliche Kindheit hatte. Ich versuche, mich so wenig wie möglich zu beklagen und trotz allem dankbar für das zu sein, was ich habe und mir vor Augen zu halten, dass es vielen vielleicht noch schlechter geht.
Manchmal waren die Lebensumstände nicht fair, aber man hat Großteile seines Lebens selbst in der Hand und kann durch harte Arbeit und mit etwas Glück seine Ziele erreichen.
Das tat ich und tue ich weiterhin. Ich war gesund, klar im Geist und hatte Talent. Somit hatte ich schon alle Voraussetzungen, um darauf eine Karriere aufzubauen und musste nur diesen steinigen aber schönen Weg einschlagen.
Die Musikhochschule wollte Sie erst nicht aufnehmen, da Sie als zu schüchtern eingestuft wurden?
Ich bin und war eine sehr sensible Person, weshalb man der Meinung war, dass ich an der Hochschule und vor allem in der Welt der Oper mit der Ellbogentechnik nicht mithalten könne. Einige Professoren an der Hochschule standen selbst nie auf der Bühne, was ich für sehr bedenklich halte. Ich würde beispielshaft keinen Fahrlehrer haben wollen, der selbst nie am Lenkrad eines Autos saß, sondern nur aus der Theorie weiß, wie es “richtig" funktioniert. Ich sehe auch heutzutage aus meinem Bekanntenkreis, dass Talente oftmals falsch analysiert werden und gleich in eine Schublade kommen.
Eine Stimme ist wie eine Blume und man muss sie als solche auch respektieren und pflegen. Sie fängt zunächst nur als Knospe an und muss langsam gedeihen. Wenn man ungeduldig ist und zu viel gießt, geht die Pflanze ein. Wenn man zu wenig gießt dann auch. Die Balance muss stimmen und man muss diesen geduldigen Weg gehen, bis die Blume in voller Pracht aufblüht. Das ist wahrscheinlich ein Thema, über welches ich Stunden lang reden und philosophieren könnte.
Warum haben Sie immer weitergekämpft? Was war Ihr Motor?
Singen war das Einzige, das ich wollte/konnte und das mich erfüllte. Ich fühlte mich außerdem vom Schicksal betrogen und hatte sehr viel Wut im Bauch. Diese Wut habe ich in Ehrgeiz umgewandelt und die damalige Situation nicht so hingenommen und beschlossen, mein Glück herauszufordern.
Beim Opernstudio Zürich haben Sie dann den Durchbruch geschafft. Hatten Sie auch einen Plan B?
Ich kam als einziger ohne Studium ans Opernstudio und hatte einiges aufzuholen. Manches konnte ich instinktiv vielleicht sogar besser als manch anderer.
Das Opernstudio war eine sehr lehrreiche Zeit und hat mir einen realistischen Blick auf den Beruf des Sängers gegeben. Für mich gab es im Leben keinen Plan B und das sehe ich weiterhin so.
Wie lauten Ihre nächsten Ziele und Projekte?
Ich freue mich auf mein USA-Debut in New York, San Francisco und Santa Fe und hoffe für die Zukunft, gesund zu bleiben und trotz Karriere möglichst viel Zeit mit meiner Tochter und meiner Frau verbringen zu können.
Welche sind Ihre Lieblingsrollen und Gesangsstücke?
Im Moment singe ich sehr gerne die Winterreise von F. Schubert. Dadurch, dass ich nicht den einfachsten Weg hatte, sehe ich sehr viele Parallelen, habe mir das Werk zu eigen gemacht und bin jedes Mal berührt, wenn ich es singe. Als lyrischer Tenor ist man froh, wenn man gelegentlich die Möglichkeit bekommt, nicht den Liebhaber, sondern einen Kriegshelden zu singen und Ausflüge zu machen mit Figuren wie z.B. Idomeneo, Ulisse, usw.
Ich habe sehr viel Freude, solche Figuren während der Probenphase zu entwickeln und darzustellen.
Wie bereiten Sie sich auf eine Rolle vor?
Zunächst musikalisch, nachher auch psychologisch und schließlich auch physisch. Ich versuche, wie die Figur zu denken, zu gehen und dann auch zu handeln.
Haben Sie Rituale, bevor Sie auf die Bühne gehen?
Ich bin überhaupt nicht abergläubisch und versuche, Rituale zu meiden. Ich bin meist auch zu nervös, um über Rituale nachzudenken. Aber ich singe mich täglich ein und anschließend heißt es "Augen zu und durch”.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 1.1.2019
© Bild: Janina Laszlo
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