Konzert-Tipp

Aktuelles Interview

Barbara Hannigan

Barbara Hannigan im aktuellen Interview.

Zum Interview

Mario Venzago im Interview

Mario Venzago

« Urtext zu dirigieren ist Unsinn. »

Mario Venzago ist Chefdirigent und künstlerischer Leiter des Berner Symphonieorchesters und Artist in Association bei der finnischen Tapiola Sinfonietta. Vor seiner dirigentischen Tätigkeit war Venzago Konzertpianist beim Rundfunk der Italienischen Schweiz und spielte als Solist und Begleiter in ganz Europa.

Classicpoint.net: Sie haben zuerst Klavier studiert und waren als Pianist aktiv. Wie oft spielen Sie heute noch Klavier?
Ich wollte immer dirigieren, war aber der Meinung, dass JEDER Dirigent mindestens EIN Instrument konzertreif spielen können muss, bevor er anderen Ideen und Direktiven übermitteln darf. Nach meinen Auftritten als Pianist an den Luzerner Festwochen (heute Lucerne Fesival) habe ich aufgehört, öffentlich zu spielen. Ich lerne meine Partituren am Klavier, kann immer noch fast alles "vom Blatt" spielen, werde das aber nie mehr öffentlich tun.

Viele Dirigenten möchten möglichst getreu den Urtext des Komponisten verwirklichen. Sie sind anderer Auffassung?
Es ist wichtig, den Urtext zu kennen, eben das, was der Komponist notiert hat. Um dann herauszufinden, was er GEMEINT hat. Das Aufschreiben von Musik ist eine ungeheure kulturelle Erfindung. Aufgeschriebenes wieder in lebendigen Klang und Sprache mit allen nicht notierbaren Freiheiten zurückzuverwandeln, ist aber eine genau so ungeheure Leistung des musikalischen Verstandes. Einen Urtext zu dirigieren ist Unsinn.

Sie haben einmal gesagt «Dirigieren ist ein furchtbarer Beruf». Können Sie uns das erläutern?
Die letzten zehn Jahre meines Dirigentenlebens gehören zu meinen glücklichsten. Es ist ein Beruf mit unbeschreiblichen Privilegien. Aber der Weg dahin ist dornenvoll und führt über unangehehme Stationen mit zu wenig Proben, mit Anecken und vielen aussermusikalischen Kämpfen. Man ist auch nie zu Hause, sondern stets unterwegs. Auch sind oft die eigenen Ansprüche ungut. Da bin ich milder geworden. Und glücklich.

Wie vermitteln Sie Tradition und Kultur bei einem Orchester?
Um Tradition zu vermitteln, muss man sie kennen. Das ist ja heute mit den ganzen Internetangeboten nicht so schwierig. Zu entscheiden, was Tradition ist und weitergehen soll, und was  wie Mahler sagte  nur Schlamperei, ist oft nicht leicht zu entscheiden. Und bitte: welche Tradition? Zwischen den beiden Weltkriegen wurde in Deutschland auf höchstem Niveau musiziert. Danach ist alles kaputt gegangen. Ich mag diese alte deutsche Tradition mit ihrem dunklem Klang und wenig Lärm. Vermitteln lässt sich das alles in den Proben.

Was ist Ihr persönliches Klangideal?
Ein durchsichtiger Klang mit hellen, vibratoarmem Streicherklang und dunklen Holzbläsern, beleuchtet mit leise akzentuierenden Belchbläsern, etwa so, wie es das Concertgebouwe in Amsterdam spielt oder das Berner Symphonieorchester.

Als Schweizer haben Sie einige der grossen Orchester dieses Landes als Chefdirigent geprägt. Zurzeit sind Sie in Bern als Chefdirigent. Wo sehen Sie die Hauptunterschiede der Orchester innerhalb der Schweiz?
Schwer zu sagen. Das hängt doch sehr von den jeweiligen Chefdirigenten ab. Interessant ist aber, dass nicht die höchst gerankten oder best bezahlten Ochester die besten sind. Das kleine Winterthurer Orchester hat z.B. Gewichtiges mitzureden. Schade, dass es keinen Wettbewerb zwischen den Orchestern gibt, so eine Art Olympiade...

Und wie unterscheiden sich deutsche Orchester? Ist jedes Orchester anders, oder gibt es doch länderspezifische Merkmale?
Klar, dass die Orchester in Deutschland extrem Unterschiedliches leisten. Dass die Berliner Philharmoniker in ihrem Repertoire unschlagbar sind, ist klar. Wenn man das mag, wie sie es spielen. Aber dennoch müssen alle deutschen und schweizerischen Orchester gut aufpassen, dass sie nicht von den englischen oder nordischen überrannt werden. Diese Orchester haben ein ungeheures Prima Vista, d.h. sie spielen praktisch auf Anhieb perfekt. Und die amerikanischen haben eine geradezu beängstigende Probendisziplin. Das führt zu grosser Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Bei den kleineren deutschen Orchestern kann man vieles ausprobieren. Das kann zu grandiosen Neuleistungen führen. Also überall ist alles immer ein wenig anders. Deswegen lohnt es sich für einen Dirigenten, zu reisen...

Sie haben ein ganz spezielles Verhältnis zur Musik von Othmar Schoeck?
Er ist ein genialer Komponist. Vieles ist halt unfertig und bedarf akribischer Nachschöpfung. Manchmal erfreut einen das, manchmal ärgert es einen. Es ist eine mühsame grosse Liebe, die ich zu seinem Werk emfpinde.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Die Gegenwart ist spannend genug.

Was sind Ihre Interessen neben der Musik?
Die gleichen wie bei allen Menschen: Sex and crime. Aber das wollen Sie doch gar nicht wissen!


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 1.2.2018
© Foto: Alberto Venzago

Weitere Interviews

Ariel Lanyi
Interview

Interview mit Ariel Lanyi

30. September 2025
«Ich bin etwas skeptisch gegenüber Ritualen.» Im März 2023 wurde Ariel Lanyi mit dem Prix…
David Fray
Interview

Interview mit David Fray

02. August 2024
«Vielleicht mache ich nur deshalb weiter, weil ich nicht zufrieden bin. Ich habe Angst…
Gil Shaham
Interview

Gil Shaham im Interview

01. Mai 2023
«In vielerlei Hinsicht ist Musik sowohl Leben als auch Liebe.» Gil Shaham ist Solist bei…
Alexey Botvinov
Interview

Daniel Dodds im Interview

01. März 2023
«Bin ich nicht bei der Sache, verrät diese Geige es sofort.» Dodds ist eine inspirierende…
Max Volbers
Interview

Max Volbers im Interview

30. November 2022
«Historische Aufführungspraxis heißt Verstehen, nicht blindes Übernehmen.» Max Volbers…
Dirk Joeres
Interview

Dirk Joeres im Interview

31. Oktober 2022
«Die künstlerische Arbeit steht an erster Stelle.» In Bonn geboren, studierte Dirk Joeres…
René Jacobs
Interview

Irina Lungu im Interview

02. August 2022
«Man muss ein geistiges und körperliches Gleichgewicht finden.» Mit einer Stimme, die von…
John Adams
Interview

John Adams im Interview

01. März 2022
«Ich mache alles, was mich interessiert.» Adams lernte Klarinette bei seinem Vater und…
knauer gross
Interview

Gotthard Odermatt

30. April 2021
«Sich an den Geist von Mozart herantasten» Neben Einsätzen als freischaffender Oboist in…
knauer gross
Interview

Maximilian Hornung

01. April 2021
«Ich habe das Bedürfnis, mich mit Menschen zu umgeben.» Mit bestechender Musikalität,…
soryang
Interview

SoRyang im Interview

02. September 2019
« Man muss das Leben verstehen, um mit der Musik etwas sagen zu können. » SoRyang begann…
Amit Peled
Interview

Amit Peled im Interview

01. April 2019
« Niemand isst drei Hauptgänge. » Der Grammy-nominierte Cellist, Dirigent und Pädagoge…
scheps gross
Interview

Olga Scheps im Interview

01. März 2019
« Ich schaue gerne nach vorne. » Seit 2009 ist Olga Scheps Exklusivkünstlerin von Sony…
Midori
Interview

Midori im Interview

01. Mai 2018
« Musik fördert, nährt, heilt und inspiriert den Geist. » Midori ist eine visionäre…
Kian Soltani
Interview

Kian Soltani im Interview

01. Februar 2017
« Ich möchte meine Karriere entspannt angehen. » Spätestens seit seinem Ersten Preis beim…
Kent Nagano
Interview

Kent Nagano im Interview

01. April 2016
«Das Üben und Lernen hat mir nicht immer Spass gemacht.» Kent Nagano gilt als einer der…
Paul Meyer
Interview

Paul Meyer im Interview

01. September 2015
«Spohr war ein Genie und Star.» Paul Meyer zählt zu den herausragendsten Klarinettisten…
Jan Vogler
Interview

Jan Vogler im Interview

04. Mai 2015
«Musik muss gesellschaftliche Relevanz haben.» Jan Vogler, der heute mit seiner Frau und…
Vadim Repin
Interview

Vadim Repin im Interview

03. November 2014
«Heute übe ich wirklich anders.» Vadim Repin braucht man kaum noch vorzustellen. Der…
André Rieu
Interview

André Rieu im Interview

03. März 2014
«Es gibt für mich keine musikalischen Grenzen.» Seit Mitte der 1990er Jahre reist André…