Ivan Monighetti im Interview

«Ich gebe jedem Studenten so viel, wie er aufnehmen kann und schaue dabei nicht auf die Uhr.»
Der in der Schweiz lebende Cellist ist sowohl in Europa als auch in den USA gut bekannt. Er war der letzte Student von Mstislav Rostropovitch am Moskauer Konservatorium und hat mehrere erste Preise an internationalen Wettbewerben gewonnen. Als Solist hat er mit den führenden Orchestern und Dirigenten zusammengearbeitet, etwa mit den Berliner Philharmonikern unter Krszysztof Penderecki, dem Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur und den Moskauer Philharmonikern unter Mstislav Rostropowitsch. Ivan Monighetti unterrichtet seit 26 Jahren an der Musikhochschule Basel und gibt weltweit Meisterkurse.
Classicpoint.ch: Wie sind Sie zum Instrument Cello gekommen?
Die Musik nahm einen wichtigen Platz in meiner Familie ein. Wir haben oft zusammen Konzerte besucht und viel Musik zuhause gemeinsam gehört. Meine Mutter hat selbst Klavier gespielt und wollte unbedingt, dass ihr Sohn Cello spielt. So habe ich mit 8 Jahren angefangen Cello zu spielen. Bereits mit 9 Jahren war mir dann klar, dass es mein beruflicher Weg werden wird. Meine Mutter hat sich sehr stark eingesetzt für mich, um den besten Lehrer zu finden.
Sie waren einer der letzten Schüler Mstislaw Rostropowitschs am Moskauer Konservatorium. Erzählen Sie uns doch ein bischen von ihm.
Mein Traum war es, bei Rostropovitch zu studieren. Er war ein Vorbild als Mensch, Cellist und Musiker. Ich habe alle Konzerte in Moskau besucht. Mit jedem Konzert ist der Wunsch gewachsen, bei ihm zu studieren. Als ich Rostropovitch zum ersten Mal getroffen habe, um ihm vorzuspielen, hatte ich keine Begleitung dabei und musste uneingespielt, alleine mit dem 2. Satz der Sinfonia Concertante von Prokofiev starten. Rostropovitch hatte sich in einen Sessel direkt vor mich gesetzt. Ich hatte kaum Zeit, die erste richtig schwierige Stelle zu spielen, schon unterbrach er mich mit der Frage: Warst Du schon mal ausserhalb von Moskau? Er hörte sich meine Antwort an und forderte mich erneut auf, von Anfang an zu spielen. An der gleichen Stelle unterbrach er mich wieder mit der Frage: Was liest Du zurzeit? Dreimal unterbrach er mich mit einer Frage und ich musste erneut beginnen. Dann passierte etwas Verrücktes. Er sprang plötzlich auf, ging zum Klavier und spielte die orchestrale Einleitung und wir spielten zusammen den ganzen Satz ohne Unterbruch durch. Es war ein ausserordentlich intensives Erlebnis, das ich in meinem ganzen Leben zuvor noch nie so erfahren habe. Eine unglaubliche Freiheit wie ein Flug, ein Wunder! Nach dem letzten Akkord schaute er mich mit seinem hypnotisierenden Blick an und sagte lapidar: Ich nehme Dich in meine Klasse auf.
Das Studium bei ihm war äusserst lehrreich und wahnsinnig streng. Ich erinnere mich, wie er mir einmal als Strafe das Cellokonzert von Reinhold Glière zur Aufgabe gab. Das Konzert ist extrem schwer zu spielen und zum Üben sehr langweilig. Ich musste es in nur einer Woche lernen und auf einem Konzert spielen. Er war mit seinen Studenten kompromisslos und hat sie hart gefordert. Später hat er die gleiche Strafe auch meinem Studienkollegen Mischa Maisky gegeben. Da er sehr viel unterwegs war, hatten wir manchmal zu den unmöglichsten Zeiten Unterricht. Es konnte sein, dass er um 2:00 morgens ins Konservatorium kam, um uns eine Stunde zu geben. Wir haben ihm alle von den Lippen gelesen. Seine Worte waren für uns Gesetz. Wir haben alle seine Konzerte in Moskau mit grösster Begeisterung miterlebt und konnten davon sehr viel profitieren, zumal er im Unterricht nur äusserst selten das Cello verwendete. Er konnte aber auch sehr lustig und gesellig sein. Zu sowjetischen Zeiten durften die Künstler auf Konzertreisen im Ausland den Ehepartner nicht mitnehmen. Nur in Ausnahmefällen wie Krankheit konnte man ein Gesuch stellen. Rostropovitch hatte sich einmal den Spass erlaubt, einen hochoffiziellen Brief mit einem Gesuch zu schreiben, in dem er das Kulturministerium bat, seine Frau mitzunehmen mit der Begründung, dass er kerngesund war.
Sie sind einerseits bekannt für viele Ihnen gewidmete Neukompositionen, die Sie auch uraufgeführt haben, wie auch als Fachmann auf dem Gebiet der Aufführungspraxis des 18. Und 19. Jahrhunderts. In welcher Epoche fühlen Sie sich am meisten zuhause und warum?
Jede Epoche interessiert mich ganz besonders. Wenn eine Zeitreise möglich wäre, würde ich sehr viel geben, um Luigi Boccherini mit seinem Cello hören zu können oder Mozart mit seiner Geige oder Klavier.
Sie haben als künstlerischer Leiter das Moscow Early Music Festival gegründet, das es nun nicht mehr gibt, aber entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Verbreitung historischer Aufführungspraxis in Russland war.
Als ich mich in Europa mit der historischen Aufführungspraxis beschäftigt habe, wollte ich unbedingt diese Entwicklung auch in Russland anstossen. Zu dieser Zeit gab es in Russland relativ wenig Auseinandersetzung damit. Heute gibt es in Russland Solisten und Ensembles auf internationalem Niveau und an einigen Hochschulen wird die historische Aufführungspraxis unterrichtet. Das freut mich sehr.
Sie unterrichten seit 26 Jahren an der Musikhochschule in Basel. Was hat sich in dieser Zeit alles verändert?
Die Musikhochschule ist sehr viel moderner geworden mit den Jahren und gehört nun zur Spitze der europäischen Musikhochschulen. Das Niveau auch der schweizerischen Studenten ist unglaublich gestiegen. Das Fächerangebot hat sich vervielfacht. Ich bin sehr froh und stolz, an dieser Musikhochschule arbeiten zu dürfen.
Ihre berühmteste Studentin Sol Gabetta unterrichtet mittlerweile gemeinsam mit Ihnen. Wie haben Sie ihre Entwicklung wahrgenommen?
Sol Gabetta ist mit 10 Jahren zu mir gekommen. Es war mir sofort klar, dass sie ein ganz besonderes Talent besitzt. Sie hatte bereits als Kind eine bewundernswerte Aufnahmefähigkeit. Das war ein Sonderfall. Sie ist eine aussergewöhnliche Musikerin, welche sehr Wichtiges ihrem Publikum zu sagen hat und das mit dem Cello auf der Bühne tut.
Sol Gabetta sagte über Sie: „Wir haben gemeinsam Bücher gelesen und Opern gehört, wir haben über Filme diskutiert und sind ins Ballett gegangen. Ivan hat mich in Museen mitgenommen und dafür gesorgt, dass ich mich entspanne, aber auch laufen gehe, um eine Energiequelle zu haben. Solche Pädagogen gibt es heute fast gar nicht mehr – leider!“
So intensiv unterrichten können Sie ja nicht alle Studenten, oder?
In der Zeit in Madrid, als Sol zu mir gekommen ist, hatte ich eine kleine Klasse, die wie eine Familie war. Wir haben zusammen Ausflüge gemacht. Ich habe z.B. oft die Studenten in einem Minibus zum Casa de Campo gefahren, wo wir dann alle zusammen geübt, gespielt und diskutiert haben. Es war eine sehr intensive Zeit. Ich gebe jedem Studenten so viel, wie er aufnehmen kann und schaue dabei nicht auf die Uhr.
Gab es in Ihrer Unterrichtskarriere auch Studenten, denen Sie viel mehr zugetraut hätten?
Jeder Student ist individuell. Grosses musikalisches Talent ist eine Voraussetzung und reicht alleine nicht aus. Das ist eine komplexe Aufgabe. Ein Solist muss die Notwendigkeit verspüren, seinem Publikum eine Botschaft zu senden. Im Idealfall wünsche ich mir ein Aufbauprogramm für einen Künstler, das 10 Jahre dauert. Mit Sol Gabetta und mit Kian Soltani, der 11 Jahre bei mir an der Musikhochschule in Basel Unterricht genommen hat und nun grosse Erfolge feiern darf, ist uns das gelungen.
Am Menuhin Festival in Gstaad werden Sie einen Meisterkurs geben. Inwiefern ist Ihr Unterricht an einer Hochschule anders als ein Meisterkurs?
Ein Meisterkurs ist eigentlich der Abschluss einer intensiven Vorarbeit. Ich erwarte, dass alle Teilnehmer in jeder Hinsicht sehr gut vorbereitet sind. Es ist eine konzentrierte Arbeit in kurzer Zeit, bei der es nicht um technische Probleme gehen sollte. Es wird viel musiziert, nicht nur solistisch sondern auch in kammermusikalischen Gruppen. Zu den Meisterkursen in Gstaad haben sich sehr viele Studenten beworben. Ich muss die Auswahl über die eingesendeten Videos treffen, da ich nur eine kleine Anzahl Studenten unterrichten werde. Wir freuen uns alle sehr darauf.
Haben Sie noch andere Leidenschaften neben der Musik?
Um alles zu machen was mich interessiert, reicht das Leben nicht aus. Ich nehme zweimal die Woche Reitunterricht. Das Reiten macht mir sehr viel Spass.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 2.5.2016
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