Julia Fischer im Interview

«Es wäre naiv zu glauben, dass ich das kann.»
1983 in München als Tochter deutsch-slowakischer Eltern geboren, gehört Julia Fischer zu den zurzeit führenden Geigensolisten. Sie begann ihren musikalischen Lebensweg im Alter von knapp vier Jahren und wurde bereits im Alter von neun Jahren als Jungstudentin von der renommierten Geigenprofessorin Ana Chumachenco unterrichtet. Mit bereits 23 Jahren wurde Julia Fischer Professorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. Ab 1. Oktober 2011 wird sie Professorin an der Musikhochschule München.
Classicpoint.ch: Sie haben 10 Jahre lang mit der gleichen Intensität Klavier und Violine geübt. Geben Sie heute noch auf beiden Instrumenten Konzerte?
Ab und zu spiele ich auch Klavier im Konzert – so etwa einmal im Jahr und dann meist Kammermusik, oder ich begleite einen Kollegen.
Was hat letztlich den Ausschlag gegeben, dass Sie sich für die Violine entschieden haben?
Keine Ahnung. Ich habe oft darüber nachgedacht und es gibt verschiedene Erklärungen. Mein Bruder war ja schon der Pianist (heute aber Ingenieur), die Geige kann man überall hin mitnehmen, meine Lehrerin Ana Chumachenco (auf der Geige) ... aber in Wahrheit weiß ich es nicht.
Sie haben bereits rege Konzerte in ganz Europa gegeben, während Sie noch in die Schule gegangen sind und Abitur gemacht haben. Gab es da auch Neid und Missgunst seitens der Mitschüler und Lehrer?
Es gab sicherlich den einen oder anderen Einzelfall, aber rückblickend erschien es letztlich allen normal, da ja alle damit aufgewachsen sind. Ich war halt die Geigerin, die öfter auf der Bühne stand als in der Schule zu sein, und irgendwie war das für alle einfach so. Außerdem hatte ich Glück, weil es an unserem Gymnasium mehrere Musiker gab. Der Cellist Johannes Moser zum Beispiel war auch an meiner Schule und drei Jahre über mir.
Mit neun Jahren an der Musikhochschule, mit 23 jüngste Professorin Deutschlands – hatten Sie schon mal den Eindruck, dass das alles viel zu schnell geht?
Ich kenne es ja nur so, also kann ich es mit keinem anderen Leben vergleichen.
Fragen zur Thematik des Erfolgs bereits in jungen Jahren werden Ihnen in jedem Interview gestellt. Nervt sowas, oder haben Sie auch Verständnis für die immer gleichen Fragen der Medien?
Ich habe Verständnis dafür. Und es ist ein schwieriges Thema – was ist zu viel, was ist zu wenig? Und wahrscheinlich gibt es nicht den Idealfall.
Ist es Ihnen wichtig, die Kontrolle über Ihr eigenes Bild in den Medien zu halten?
Es wäre naiv zu glauben, dass ich das kann. Ich kann nur versuchen meine Privatsphäre und meine Familie zu schützen.
Sie selbst haben bereits in jungen Jahren eine erstaunlich künstlerische Reife erlangt. Ist eine solche lernbar? Wie versuchen Sie, diese Ihren Studenten zu lehren?
Ich befürchte, künstlerische Reife ist das einzige, was man nicht unterrichten kann. Künstlerische Verantwortung allerdings kann man vermitteln.
Sie sind jung Mutter geworden. Wie bringt man die ganze Reiserei und die vielen Konzerte mit einem Kind unter einen Hut?
Es ist schon eigenartig, dass wir in einer Zeit leben, in der es als "jung" gilt, wenn man mit 26 Mutter wird... Es ist genauso ein Spagat wie für jede andere Mutter (oder Vater) auch.
Bei Ihrem Projekt „Rhapsody in School“ gehen Sie zur Musikförderung in Schulklassen. Wie erleben Sie die heutigen Kinder in Bezug auf die klassische Musik?
Zum Teil neugierig, zum Teil auch genervt, aber zum Schluss haben wir immer viel Spaß und zumindest wissen die Kinder dann, dass Bach, Beethoven und Brahms deutsche Komponisten waren.
Abgesehen von Ihrem Talent und Erfolg, warum sind Sie Musikerin?
Das waren keine Gründe Musikerin zu werden. Für mich ist Musik einfach die Urform von Ausdruck, die alle Menschen verbindet. Deswegen wollte ich ihr mein Leben widmen.
Matthias Pintscher hat für Sie ein Violinkonzert geschrieben, das Sie am 11. September, also am kommenden Sonntag beim Lucerne Festival uraufführen werden. Wie ist es dazu gekommen?
Matthias und ich kennen uns seit sehr vielen Jahren. Vor vier Jahren war er in einem Konzert von mir mit New York Philharmonic in Frankfurt, wo ich Brahms spielte. Anschließend kam er zu mir und sagte, er würde mir gerne ein Konzert schreiben. Dann haben wir zusammen überlegt, wo, wie und mit wem wir das aufführen möchten. Da Vladimir Jurowski sehr viel von Matthias dirigiert und von uns beiden sehr geschätzt wird, habe ich Vladimir dann gefragt, ob er das mit mir machen würde.
Hat Matthias Pintscher Sie bei der Entstehung zu Rate gezogen?
Nein. Matthias weiß schon selbst ganz genau, was er will. Aber im Moment (also eine Woche vor der Aufführung) diskutieren wir dann doch noch über Tempi und geigerische Kleinigkeiten...
Wie haben Sie das Studium des Werkes erlebt?
Ich erlebe es sehr interessant und ich bin jetzt sehr aufgeregt und neugierig auf die erste Probe.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 05.09.2011
Foto: Felix Broede/Kasskara
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