Rudolf Kelterborn im Interview

«Ich habe zwei Titel-Kategorien.»
Rudolf Kelterborns kompositorisches Schaffen umfasst alle musikalischen Gattungen und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Neben seiner Tätigkeit als Komponist war Kelterborn auch als Dozent für Musiktheorie, Analyse und Komposition an verschiedenen schweizerischen und deutschen Musikhochschulen tätig, Hauptabteilungsleiter Musik beim Schweizer Radio DRS, Chefredaktor der SMZ und Direktor der Musik-Akademie Basel.
Classicpoint.ch: Wie entsteht bei Ihnen konkret eine Komposition? Ist das immer der gleiche Prozess oder verwenden Sie unterschiedliche Herangehensweisen?
Es spielt natürlich eine Rolle, ob ich einen Kompositionsauftrag zu erfüllen habe, oder ob ich ein Werk „einfach so" schreiben will. Aber in beiden Fällen entwickle ich eine Komposition in meinen inneren (Hör-)Vorstellungen, von der übergeordneten Architektur bis hin zu klanglichen Details, bevor ich mit der Niederschrift beginne. Dabei halte ich einzelne Aspekte in verbalen Notizen oder Noten-Skizzen fest. Bei Kompositionen mit Texten oder gar bei musiktheatralischen Stücken ist der Vorgang komplexer.
Benutzen Sie beim Komponieren auch digitale Hilfsmittel?
Nein.
Wie kommen Sie am besten zu neuen Einfällen und Ideen?
Ich fordere unnachgiebig meine Fantasie heraus, und ich überprüfe meine Einfälle sehr kritisch. Wie es zu Einfällen kommt, kann ich nicht erklären. Aber wenn mir zum Beispiel zu einem Kompositionsauftrag nichts Überzeugendes einfällt, lehne ich den Auftrag ab. Deshalb beanspruche ich bei jeder Anfrage zunächst eine Bedenkzeit von einigen Wochen.
Verarbeiten Sie mit Ihrer Musik bewusst eigene Erlebnisse und Gefühle?
Für mich drückt meine Musik die Fülle meines Lebens aus, die alles, was ich erlebe und fühle umfasst, vom Entsetzlichen bis zum Wunderbaren. Aber es sind nicht einzelne konkrete Erlebnisse oder momentane Stimmungen, die ich in Musik umsetze.
Nach welchen Kriterien benennen/betiteln Sie Ihre Werke?
Ich habe sozusagen zwei Titel-Kategorien. Viele Werke nenne ich „Musik für....", „Konzert", „Quartett",,Ensemble-Buch", „Kammersonate" usw. – das sind sozusagen neutrale Titel, die über Inhalt, Charakter, Ausdrucksklima nichts aussagen. Dann gibt es Titel wie „Traummusik", „Phantasmen", „Nachtstück", „Adagio con interventi", „Fantasien + Flashes", welche die Assoziations-Fantasie der Zuhörerschaft in eine bestimmte Richtung lenken möchten.
Welche Ihrer Komposition gefällt Ihnen zurzeit am besten?
Bei einem Katalog von rund 200 Kompositionen kann ich mich nicht auf ein einziges Werk fokussieren. Hier ein extrem rigoroses Konzentrat:
- Die Oper „Der Kirschgarten" (nach Tschechow, 1979-81)
- Ensemble-Buch I für Bariton und 14 Instrumente (nach Gedichten von Erika - Burkart, 1990)
- „Namenlos" – 6 Kompositionen für grosses Ensemble, elektronische Klänge und Bariton (1995/96)
- Klavierstücke 1-6 (2001-2004)
- Quartett für Oboe und Streichtrio (2009)
- Sinfonie 5 in einem Satz „La notte" (2011/12)
Verstehen Sie Berufsmusiker, die mit zeitgenössischer Musik nichts anfangen können?
Eigentlich nicht... Zu einem kompetenten und engagierten Musiker gehören Neugier und Offenheit. Dementsprechend müssten angehende Musikerinnen und Musiker von ihren Lehrerinnen und Lehrern „erzogen" werden, was aber auch wieder nur mit neugierigen, offenen Lehrkräften möglich ist...
Sehen Sie einen Einfluss des Mediums Internet auf die Entwicklung der zeitgenössischen Musik?
Eigentlich nicht – aber auf diesem Sektor bin ich nicht kompetent.
Früher gab es bei Uraufführungen teilweise heftige Zuhörerreaktionen, Skandale, Eklats. Warum gibt es solche Reaktionen heute kaum mehr?
Auch wenn ich als betroffener Komponist bei derartigen „Eklats" (vor vielen Jahren) nicht unbedingt glücklich war, erfüllt mich die von Ihnen angesprochene Entwicklung mit Sorge. Die Gründe ausfindig zu machen, erfordert aber profunde Überlegungen und Recherchen. Sie könnten bei einer zunehmenden Trägheit des Publikums, bei der Spezialisierung der Konzertprogramme (Trennung in alt und neu) aber auch bei der Unverbindlichkeit vieler neuer Kompositionen liegen.
Welche aktuelle Bewegung(en) in der zeitgenössischen Musik interessieren Sie besonders?
Zurzeit (d.h. nach einem langen Komponistenleben) interessieren mich weniger „aktuelle Strömungen" als vielmehr einzelne Komponisten – oder noch genauer: einzelne neue Werke. Das ergäbe eine recht reichhaltige Liste, auch mit vielen Namen von jungen Kolleginnen und Kollegen.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 8.7.2013
Bild: Universität Oldenburg
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