Johannes Moser im Interview

«Die Verbindung von Technologie und Musik stösst auf grosses Interesse.»
Der deutsche Cellist Johannes Moser gehört trotz jungem Alter bereits zur Celloelite. Sein Engagement für Neue Musik, der Kontakt zum jungen Publikum sowie der gelegentliche Griff zum Elektrocello machen ihn nebst allen Auszeichnungen und Wettbewerbspreisen besonders interessant. Seit Oktober 2012 hat Moser eine Professur für Violoncello an der Hochschule für Musik und Tanz Köln inne.
Classicpoint.ch: Als Sohn von Berufsmusikern haben Sie bereits im frühen Teenageralter 4-5 Stunden täglich geübt. Wie konnten Sie sich dafür motivieren?
Ganz einfach – ich hatte Lust dazu! Ich halte nichts davon, Kinder zu etwas zu zwingen, was solche Intensität und Hingabe erfordert wie ein Instrument zu erlernen. Als ich meine erste Krise hatte und nicht mehr spielen wollte (mit 9 Jahren) sagte mir mein Vater: "Du kannst sofort aufhören, gar kein Problem! Aber wenn Du weitermachst, musst Du Verantwortung übernehmen." Diese Verantwortung hat mich über die Maßen motiviert.
Sie haben bei David Geringas in Berlin studiert. Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Ihr Studium zurückdenken?
Die Erinnerungen kommen vor allem zu der Zeit wieder hoch, als ich selbst angefangen habe zu unterrichten. Besonders inspiriert hat mich die Tatsache, dass man immer weiter suchen kann. Musik hört nie auf – das ist Fluch und Segen.
Seit diesem Herbst unterrichten Sie nun selbst an der Musikhochschule in Köln. Was möchten Sie anders machen, wie Sie es selbst als Student erlebt haben?
Ich möchte zu 100% anwesend sein, wenn ich unterrichte. Ich finde Desinteresse, auch aus Kalkül, völlig unnötig und unserer Zeit nicht angemessen. Ausserdem verpflichte ich meine Studenten, jede Stunde aufzunehmen. So können sie während meiner Abwesenheit den Unterricht durchgehen und die Fülle an Informationen aktiv verarbeiten. Ich erwarte, dass die Studenten aktiv sind und sich nicht nur berieseln lassen von mir. Passivität kann ich nicht ertragen.
Mit fast jedem Konzertengagement verbinden Sie auch einen Schulbesuch oder einen Meisterkurs. Bei den Schulbesuchen gehen Sie mit Ihrem Cello in Realschulklassen. Wie genau läuft das ab?
Das ist völlig offen, zwischen grossem Erfolg und totalem Desaster liegen oft nur zwei falsche Sätze... Das macht es ja so spannend! Ich habe kein Problem mit Ablehnung, eigentlich freue ich mich insgeheim, wenn ich auf Widerstand stosse. So wird eine Diskussion möglich, ein Austausch. Einen wirklichen Misserfolg empfinde ich, wenn ich als Reaktion Gleichgültigkeit bekomme. Das ist dann ganz schwer.
2010 sind Sie mit der amerikanischen Toy-Pianistin Phyllis Chen durch die USA gereist und haben an Universitäten Konzerte und Workshops mit Schwerpunkt zeitgenössischer Musik gegeben. Wie haben die Studenten darauf reagiert?
Die Verbindung von Technologie und Musik stösst bei Jugendlichen und Studenten auf grosses Interesse. Deswegen haben wir versucht, Unterhaltungselektronik wie eine Nintendo Wiimote in einen musikalischen Controller zu verwandeln. Somit wird eine bekannte Schnittstelle zum Werkzeug und Einstieg für Improvisation.
Sie spielen auch elektrisches Cello, mit dem Sie schon Uraufführungen gespielt haben. Ist das elektrische Cello für Sie mehr eine Abwechslung zum Spass oder haben Sie den Anspruch, damit neue Ufer zu entdecken?
Das elektrische Cello ist völlig in den Anfängen. Was man derzeit mit dem E-Cello hört, erinnert an schlechte E-Gitarren, und genau da will ich nicht hin: Das elektrische Cello hat seine ganz eigene Seele, und diese aufzudecken durch zeitgenössische Kompositionen finde ich spannend. Ich sehe das E-Cello nicht als Alternative zum normalen Cello, sondern vielmehr als eine völlig neue Richtung, mich künstlerisch auszudrücken. Meine letzte Uraufführung, das E-Cellokonzert von Chapela mit dem Los Angeles Philharmonic und Gustavo Dudamel, war ein grosser Erfolg. Mir gefällt vor allem das Unprätentiöse dieser zeitgenössischen Musik. Donaueschingen langweilt mich!
Gibt es viele Komponisten, die sich interessieren, für E-Cello Musik zu komponieren?
Die gibt es, dennoch passe ich auf, nicht nur für dieses Instrument schreiben zu lassen. Nach wie vor versuche ich, Kompositionen auch für das normale Cello schreiben zu lassen, es hält sich die Waage. Ich habe das Privileg, jedes Jahr mindestens eine Uraufführung spielen zu dürfen und mit Komponiscten zu arbeiten. So kann ich das Repertoire erweitern und mein Beruf bleibt frisch. Und – ich freue mich nach einer Uraufführung auf meine Freunde Dvorak, Elgar und Haydn, die nach einem neuen Werk wieder ganz frisch erscheinen. Das macht Spass!
Sie wollten ursprünglich Orchestermusiker werden. Als Sie dann 2002 den Tschaikovsky-Wettbewerb gewonnen haben, war das der Beginn der Solokarriere. Gibt es Momente, in denen Sie gerne mit einem Orchestermusiker tauschen würden?
Ich habe den Luxus, mir in jedem Konzert die zweite Hälfte anhören zu können (in der ersten Hälfte findet meistens das Cellokonzert statt). So höre ich sehr viel symphonisches Repertoire. CDs höre ich ungern, mir gefällt das Lebendige am Live-Konzert.
Aber ich bin froh, alleine zu reisen, alleine zu arbeiten und für meine künstlerischen Entscheidungen selbst Verantwortung zu tragen. Das ist im Orchester nur bedingt möglich.
Es gibt ja im Moment einige sehr bekannte Cellisten in Ihrem Alter. Kennt man sich da persönlich und tauscht man sich aus?
Gerade hatte ich mein erstes Cellofestival in Amsterdam, und nachdem ich diese Art Veranstaltungen in den letzten Jahren gemieden habe, war ich sehr positiv überrascht, wie nett es war. Der Austausch zwischen den Cellisten ist da, und es ist wohltuend zu sehen, dass doch alle nur mit Wasser kochen. Konkurrenz ist natürlich da, aber die besticht man nicht, indem man sich gegenseitig bekriegt, sondern indem man versucht, die beste Version seiner Selbst zu sein. Es kann dem Musikbetrieb und damit uns allen nur nützen, dass es derzeit tolle Protagonisten im Cello gibt. Ich hege jedenfalls keinen Neid!
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 3.1.2013
© Foto: Manfred Esser
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