Corina Belcea im Interview

« Das Schicksal hat uns als Botschafter ausgesucht. »
Während dem Studium 1994 hat die rumänische Geigerin Corina Belcea ein Streichquartett gegründet. Als eines der ersten Ensembles durfte das Belcea Quartett in der renommierten BBC-Reihe «Radio 3 New Generation» spielen, und dann ging es Schlag auf Schlag: Carnegie Hall-Debut, Edinburgh Festival, Köln, Amsterdam, Wiener Konzerthaus, grosse Karriere.
Sie haben das Belcea Quartett noch während dem Studium gegründet und Ihren Namen dafür gegeben. Wer hatte damals die Initiative ergriffen?
Eigentlich war der erste Bratschist des Quartetts ein Freund von mir aus den Zeiten meines Studiums an der Yehudi Menuhin School. Er hat sich aber bereits nach wenigen Monaten entschieden, mehr Richtung Komposition zu gehen und hat das Quartett kurz vor dem ersten wichtigen Wettbewerb verlassen. Das war ein entscheidender Moment für das Quartett, da wir in kürzester Zeit einen Ersatz auftreiben mussten. Das Schicksal brachte uns Krzysztof, der zu dieser Zeit Violine studierte. Er sagte uns, dass er sehr gerne Kammermusik macht, aber noch nie Bratsche gespielt habe. So verbrachte er die darauffolgenden Wochen damit, die Bratsche zu spielen und den Notenschlüssel zu lernen, den er auch nicht kannte. Seine Bedingung war, dass wir nach dem Wettbewerb einen richtigen Bratschisten suchen müssten, um ihn zu ersetzen. Wir haben dann den Wettbewerb gewonnen, und die Arbeit zusammen mit ihm war so schön, dass wir nicht nach einem Ersatz gesucht haben, sondern ihn überzeugten, dass es seine Berufung sei, bei uns Bratsche zu spielen. Heute sagt er noch zum Spass, dass das Quartett auf der Suche nach einem «richtigen» Bratschisten ist…
Da wir für den Wettbewerb einen Namen brauchten, und alle schönen Namen bereits vergeben waren, nannten wir uns nach meinem Namen, in der Absicht, dies zu ändern, sobald wir einen guten Namen finden würden. Noch immer kämpfen wir damit.
Sie sind mit dem Cellisten im Quartett verheiratet. Ist das manchmal belastend für die Zusammenarbeit oder die Dynamik innerhalb der Gruppe?
Aus meiner Sicht absolut nicht, ganz im Gegenteil: Ich empfinde die Arbeit zusammen mit Antoine, das Teilen des musikalischen und des privaten Leben als tolles Geschenk und kann mir das Quartett ohne ihn nicht mehr vorstellen. Jetzt, wo wir auch kleine Kinder haben, ist es ein Segen für mich, dass ich auf Tournee mindestens ein Mitglied der Familie in meiner Nähe habe, um die Schwierigkeiten des permanenten Reisen teilen zu können. Vielleicht ist es für die anderen nicht ganz so einfach, aber wenn sie das spüren, beklagen sie sich auf jeden Fall nicht!
Wie würden Sie Ihre Rolle innerhalb des Streichquartetts definieren, musikalisch wie persönlich?
Ich betrachte meine Rolle innerhalb der Gruppe als Teil eines Ganzen. Ein Streichquartett ist eine Einheit aus vier verschiedenen Persönlichkeiten, vier Köpfe, die zusammen etwas Spezielles und Eigenes formen. Es ist eine Mischung, die sich immer wieder verändert, da wir uns alle dauernd entwickeln. Jeder von uns muss an der Entwicklung der Gruppe mitarbeiten. Dazu gehört die musikalische Seite, die geschäftliche Seite sowie die tägliche Übungsarbeit. Es gibt keinen Zweifel, dass jeder von uns Schwächen und Stärken hat. Wichtig aber ist, dass wir zusammen alle notwendigen Bereiche abdecken können. Auf persönlicher Ebene bin ich der Meinung, dass wir nicht nur einer Arbeit nachgehen, sondern unsere Bestimmung erarbeiten. Wir sind sehr froh, dass wir das zusammen für die Gruppe tun können. Für uns alle ist die Kammermusik der schönste Weg, unzählige Emotionen in der Musik miteinander kommunizieren zu lassen. Es fühlt sich nicht nach Arbeit an. Ich denke oft daran, wie glücklich wir sein dürfen, das zu tun, für was wir geboren worden sind. Naja, wir haben das zwar gewählt und hätten auch einen anderen Beruf erlernen können, aber die Wahrheit ist, dass das Schicksal uns als «Botschafter» ausgesucht hat. Wir sind stolz und fühlen uns privilegiert, diese unheimlich schöne Form des Musizieren als Tradition weitertragen zu dürfen.
Haben Sie während den Proben viele Meinungsverschiedenheiten, die Sie austragen müssen oder finden Sie schnell den Kompromiss?
Kompromiss ist ein Wort, das wir nicht gerne benutzen in unserer Arbeit. Es impliziert, dass niemand richtig überzeugt ist davon. Wir nennen es «Finden einer anderen Lösung», eine Lösung, die stimmig, logisch und partiturgerecht ist. Es gibt immer Diskussionen, wie eine Phrase interpretiert werden soll, was die Form ausmacht, wie der Charakter sein sollte. Oft haben wir unterschiedliche Ideen. Wir sollten uns aber bewusst sein, dass die Musik in verschiedensten Interpretationen wunderbar erklingen kann, und dass eine Diskussion über ein Detail verschwendete Zeit ist. Wir probieren verschiedenes aus, und manchmal merken wir, dass etwas im Konzert gar nicht funktioniert. So versuchen wir neue Wege zu finden, bis wir merken, was passt und funktioniert. Das ist genau das Schöne an unserer Arbeit. Es kann so viele Facetten haben wie ein geschliffener Diamant im Licht Farben wirft.
Wer von Ihnen ist der kompromissbereiteste Spieler?
Wir machen nur «Kompromisse» auf menschlicher Ebene, das heisst wir sind demütig, geduldig, offen für Kritik und liebevoll im Umgang mit den anderen, damit wir die fragilen menschlichen Beziehungen nicht strapazieren. Manchmal muss man vorübergehend auf etwas verzichten, das einem wertvoll ist oder die Sichtweise ändern. Ich denke, wir sind alle bis zu einem gewissen Grad eigensinnig, aber wir geben unser Bestes, dies so gut wie möglich zu kontrollieren.
Sie haben auch zwei kleine Kinder. Sind die jeweils dabei, wenn Sie auf Tournee sind? Wie organisieren Sie das?
Es ist eine Arbeit, welche viel Planung und gutes Management erfordert. Zum Glück hat meine bessere Hälfte, der Cellist Antoine, diese Qualitäten im Überfluss. Er organisiert die Reisen mit unseren Kindern verblüffend gut. Wir versuchen, sie so oft wie möglich mitzunehmen, da wir uns so glücklich fühlen, wenn unser Zusammensein toleriert werden kann. Es gibt natürlich die üblichen Stressmomente, wenn man die kleinen Kinder einer völlig fremden Person zum Babysitting überlassen muss, aber bis jetzt waren unsere Erfahrungen nur positiv. Die Kinder interessieren sich immer mehr für unsere Proben, was für Ihre Entwicklung und den Bezug zur klassischen Musik sehr wichtig ist. Das kann nur förderlich sein. Die grosse Herausforderung wird sicher kommen, wenn die Kinder in die Schule gehen müssen. Wir suchen schon jetzt nach einer Lösung, warten aber, bis es soweit ist.
Es gibt Quartette, die nach jahrelanger Zusammenarbeit jeweils kaum mehr miteinander reden können und die einzelnen Mitglieder in eigenen Hotels unabhängig voneinander übernachten möchten. Wie vermeiden Sie, dass es einmal dazu kommen könnte?
Der einzige Weg, damit es nicht zu dieser Situation kommt, ist die Arbeit an unseren Beziehungen, wie bei jedem Ehepaar, nur härter, weil vier Personen involviert sind. Viele beschreiben ein Streichquartett als bizarre Ehe und das stimmt auch ein bisschen. Viele Quartett-Musiker verbringen mehr Zeit mit ihren Musikerkollegen wie mit ihren Ehepartnern. Das kann zu grossen Konflikten führen, und ich bin nicht überrascht, dass einige auf einer Tournee Zeit für sich alleine benötigen. Ich persönlich würde es sehr schade finden, wenn unser Quartett so enden würde, aber für andere funktioniert es gut. Jede Gruppe hat ihre eigene Dynamik und jeder von uns muss herausfinden, was am besten zu ihm passt.
Treffen Sie sich als Quartett auch in Ihrer Freizeit, also unabhängig von Proben oder Konzertauftritten?
Drei von uns haben bis vor kurzem im gleichen Gebäude gewohnt. Da hat es natürliche und spontane Zusammentreffen gegeben. Nun aber wohnt ein Mitglied weiter weg im Ausland. Da ist es schwieriger, ausserhalb der Arbeitszeiten Zeit miteinander zu verbringen. Auf Tournee versuchen wir, gemeinsame Besichtigungen zu machen und die gleichen Restaurants zu geniessen.
Sie kommen aus Rumänien. Gibt es Dinge, die Sie manchmal aus Ihrer Heimat vermissen?
Zuallererst vermisse ich die Leute dort, meine Familie und meine nahen Freunde. Früher bin ich öfter nach Timisoara gereist, das vermisse ich. Da ich aber auch mit den Kindern so viel herumreise, brauche ich auch physisch Zeit Zuhause ohne Reisen. Emotional fühle ich mich in Timisoara sehr zuhause, dieses Gefühl von Nachhausekommen fühle ich ganz stark, wenn ich jeweils in Rumänien lande. Dieses intensive Zugehörigkeitsgefühl habe ich nur, wenn ich den Boden Rumäniens berühre.
Aktuell gibt es eine starke Bewegung in Rumänien. In grossen Massen gehen die Leute auf die Strasse, um zu demonstrieren. Wie verbunden sind Sie mit Ihrem Herkunftsland und was denken Sie über diese Bewegung?
Ich bin sehr glücklich und stolz, dass meine Mitbürger die Herausforderung annehmen, die Art wie unser Land regiert wird, zu ändern. Lange Zeit haben unsere sogenannten Politiker nur auf ihre eigene Agenda und ihr Portemonnaie geschaut. Es ist Zeit für eine fundamentale Korrektur, sodass anständigere Leute dieses schöne und unglückliche Land mit unglaublichen Leuten und erstaunlichem Potenzial voranbringen. Wir brauchen diese Veränderung und ich hoffe zutiefst, dass die Leute nicht stoppen, bevor es soweit ist.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 3.5.2017
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