Dirk Joeres im Interview

«Die künstlerische Arbeit steht an erster Stelle.»
In Bonn geboren, studierte Dirk Joeres Dirigieren und Klavier in Berlin, Köln und London sowie Komposition in Paris bei Nadia Boulanger, der Grande Dame der musikalischen Moderne.
Dirk Joeres hat auch erfolgreich neue Präsentationsformen für klassische Musik konzipiert. So initiierte er 2008 am Sitz der Sinfonia in Leverkusen ein neues Konzertformat: „KlassikSonntag!“. Die Presse nannte es „eine hinreißende Offensive in Sachen klassische Musik“ (Kölner Stadtanzeiger). Auch die CD/DVD-Reihe „Beethoven Today“ und die Reihe „Klassik im Kloster Steinfeld“ haben Dirk Joeres als „geborenen Musikvermittler“ (Westdeutscher Rundfunk) profiliert.
Die CD-Einspielungen von Dirk Joeres erhielten Höchstbewertungen in der internationalen Presse; das Londoner Gramophone-Magazin vergab seinen ‚Critic’s Choice Award’ für eine Brahms-Einspielung mit der Sinfonia; eine Schumann-CD mit dem RPO erhielt ebenfalls Top-Bewertungen: „Exemplarische ‚Rheinische’ – eine Referenz-Aufnahme“ (Supersonic-Auszeichnung, Pizzicato).
Sie haben nach Ihrem Klavierstudium auch Komposition bei Nadia Boulanger studiert. Wie haben Sie die Grande Dame der musikalischen Moderne erlebt?
Als hochbetagt und geistig ungemein agil. Sie repräsentierte eine Brücke in die Vergangenheit (am Pariser Conservatoire hatte sie ja noch bei Gabriel Fauré studiert!), gleichzeitig war sie lebhaft interessiert an allen Entwicklungen des Komponierens im 20. Jahrhundert, wobei ihre Bewunderung für die Musik Igor Strawinskys eine Konstante war.
Komponieren Sie heute noch oder haben Sie Kompositionen geplant?
Ich habe während der Corona-Zeit, in der Konzerte ja nicht möglich waren, einige Klavierstücke geschrieben. Übrigens meine ich, jeder Interpret sollte wenigstens die Grundregeln des Komponierens beherrschen, also z. B. eine Kadenz zu einem Mozart-Konzert schreiben können. Durch eigenes Tun wächst auch nochmals der Respekt für die Leistungen der großen Komponisten und damit die Erkenntnis: ohne sie wären die Interpreten rein gar nichts.
Was bedeutet Ihnen Musik?
Da kann ich mich nur dem wunderbaren Wort Friedrich Nietzsches anschließen: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“.
Sie haben sich später auch als Dirigent etabliert. Wie stark sind Sie heute noch als Pianist tätig?
Ich spiele des öfteren in Kammermusik-Formationen gemeinsam mit Mitgliedern der Westdeutschen Sinfonia (kürzlich z. B. in den Klavierquintetten von Schumann und Brahms), gelegentlich auch als Solist.
Sie sind künstlerischer Leiter der Westdeutschen Sinfonia und waren ständiger Gastdirigent beim Royal Philharmonic Orchestra London. Erzählen Sie uns doch was Ihnen bei der Arbeit als Dirigent wichtig ist.
Die Aufgaben eines Dirigenten sind sehr vielfältig, und natürlich steht die künstlerische Arbeit an erster Stelle. Aber auch Psychologie spielt eine große Rolle: eine der wichtigsten Aufgaben des Dirigenten besteht darin, Musiker zu motivieren, also die eigene Identifikation mit der aufgeführten Musik zu übertragen. Nur wer selbst für etwas „brennt“, kann auch andere begeistern.
Gab es in Ihrer Karriere als Pianist und Dirigent prägende Erlebnisse?
Ich glaube, die entscheidenden Prägungen erfährt man im Idealfall bereits vor Beginn des Berufslebens, wenn man das Glück hat, gute Lehrer zu finden. Auf frühen Erfahrungen kann man dann im Beruf aufbauen.
Sie sind Initiator von mehreren Formaten. Können Sie uns ein bischen über das Format «Dreiklang» erzählen?
„Dreiklang“ ist ein interdisziplinäres Format, das Vertreter aus Literatur, Philosophie und Musik zusammenführt, um ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Solche Themen waren in der Vergangenheit z B. die Epoche der Romantik oder auch der Aufbruch in die Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Was ist die Idee hinter dem Projekt CD/DVD-Reihe Beethoven Today?
Gerade die Sinfonien Beethovens unterliegen der Gefahr, zu einem bloßen Bildungsgut zu werden, das nurmehr „konsumiert“ wird. Es geht mir bei der CD/DVD-Reihe zum einen darum, die Botschaft an den Menschen, die hinter den Noten steht, ins Bewusstsein zu rücken; zum anderen möchte ich, vor allem auch mithilfe der Beethovenschen Skizzen, den Blick auf die Architektur, den „Bauplan“ der Werke lenken. Das Ziel ist also aktives Hören. Denn: Wer mehr weiß, hört mehr.
Ihnen wird ein grosses Kommunikationstalent nachgesagt. Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie sich nicht für die Musik entschieden hätten?
Ich wäre sicherlich in eine Richtung gegangen, die in irgendeiner Weise mit Sprache zu tun hat. Und wenn ich mir heute deren Gebrauch in Politik und Medien anschaue, muss ich feststellen: Die Sprache bedarf unserer besonderen Pflege und Aufmerksamkeit.
Welche Hobbys und Interessen haben Sie neben der Musik?
Literatur und Geschichte.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.11.2022
Copyright Bild: Hagen Willsch
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