Danjulo Ishizaka im Interview

« Erfolg bedeutet, man selbst zu sein. »
Seit dem Gewinn des ARD Wettbewerbs und des Grand Prix Emanuel Feuermanns zählt Danjulo Ishizaka zu den herausragenden Cellisten seiner Generation. Seine besondere Klangfarbe und ehrliche musikalische Tonsprache zeugen von grosser Reife und hohem Wiedererkennungswert. Danjulo Ishizaka ist Professor an der Hochschule für Musik "Carl Maria von Weber" in Dresden.
Ihre Mutter ist Deutsche Ihr Vater Japaner. Sie sind in Deutschland aufgewachsen. Was an Ihnen ist japanisch?
Es hat natürlich jeder unterschiedliche Vorstellungen von dem, was japanisch ist. Ich trage schon vieles in mir, was man als japanisch bezeichnen könnte – es gibt dabei sicherlich auch Dinge, die ich direkt von meinem Vater mitbekommen habe. Dazu gehört beispielsweise der Wille, etwas bis zum Ende zu bringen, wenn man sich ein Ziel gesetzt hat, und zwar, dass man das mit einer bestimmten Disziplin und Zielstrebigkeit tut. Oder bestimmte Merkmale im zwischenmenschlichen Umgang, z.B. dass ich das Wort „Nein“ nicht so häufig und direkt benutze – in Japan ist in vielen Situationen die Benutzung dieses kurzen aber möglicherweise sehr starken Wortes kaum gebräuchlich. Ob mein Aussehen japanisch ist, muss jeder selber entscheiden – in Europa werde ich meistens für den Japaner gehalten und in Japan für den Europäer…
Mit 4 Jahren haben Sie mit dem Cellounterricht begonnen. Was sind Ihre Erinnerungen an diese Anfangszeit? Wie ist es dazu gekommen?
Seit ich überhaupt denken und Dinge bewusst wahrnehmen konnte, gehörte Musik zu jenen Dingen, die ich immer gehört hatte. Einerseits war es vor allem meine ältere Schwester, die schon Klavier spielte und täglich übte, als ich auf die Welt kam, und andererseits waren es Schallplatten-Aufnahmen unterschiedlichster Künstler und Orchester, aber insbesondere der Kammermusik, die bei jeder möglichen Gelegenheit gespielt wurden. Da haben übrigens auch die Bach-Suiten, gespielt von Pablo Casals, nicht gefehlt. Kurzum, Musik hatte schon immer in meiner Kindheit eine allseitige Präsenz. Da erschien es als nur logisch, dass ich auch in jüngstem Alter dazu kam, selber Klavier zu erlernen, unterrichtet von meiner Mutter. Aus der Zeit habe ich eine deutliche Erinnerung: Meine Mutter hat uns mit Hilfe eines „Töne Raten“-Spiels das absolute Gehör antrainiert. Ich kann mich noch genau an die kleine Fussbank erinnern, auf der ich währenddessen hinter dem Klavier sass. Bald war meine Mutter dann der Meinung, dass es in der Familie auch einen Cellisten geben sollte, und ich fand natürlich spannend, etwas zu spielen, was neu war in der Familie und ging dann auch mit einem entsprechenden Enthusiasmus an die Sache heran. Schnell sollte sich herausstellen, dass mein Talent für das Cello wie geschaffen war.
Sie haben bis zu dessen Tod im Jahre 2004 bei Boris Pergamenschikow in Berlin studiert. Können Sie uns von Ihrer Studienzeit erzählen?
Die Zeit mit Boris Pergamenschikow war die wichtigste und prägendste Zeit in meinem Studium. Er war für mich nicht nur grosses Vorbild, ein genialer Lehrer und später auch für einige Male musikalischer Partner, sondern er war auch eine Person meines Vertrauens geworden, ein wahrhaftiger Freund. Ich habe von ihm fürs Leben gelernt. Ganzheitlich zu prägen war auch bewusst seine Art zu unterrichten und zu wirken. Er ging mit seinen Studenten auf Augenhöhe um, wie mit Kollegen. Seine Art des Vermittelns war immer subtil und oftmals von seinem ganz persönlichen Humor geprägt. Sein Ziel war es stets, die Vorstellungskraft des Studenten zu vergrössern, den Horizont zu erweitern und das Denken ganzheitlicher werden zu lassen.
Sie haben auch eine enge Zusammenarbeit mit Mstislav Rostropovich gepflegt. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Persönlichkeit?
Er war natürlich auch für mich der Übervater aller Cellisten. Unter seiner Leitung spielen zu können und von ihm Unterricht zu erhalten war wie die Begegnung mit einer lebenden Legende. Es gab natürlich vieles, was mich an ihm sehr beeindruckt hatte wie z.B. seine einnehmende Persönlichkeit und seine Unerschrockenheit, mit der er Menschen nicht nur auf der Bühne, sondern auch in zwischenmenschlichen Beziehungen für sich gewinnen konnte. Ausserdem hatte er eine schier nicht enden wollende Energie, die sich u.a. darin äusserte, dass er mit einem absoluten Mindestmass an Schlaf auskam. Er erzählte mir einmal, dass er in seiner Jugend, nachdem sein Vater starb und seine Familie auf sich gestellt war, teilweise die Nächte durchgearbeitet hat, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Sein Leben war einfach so maximal ausgefüllt und er hat so viel getan, wie andere vielleicht in 140 Jahren schaffen könnten. Besonders beeindruckend war aber seine Fähigkeit, stets seinem Instinkt zu folgen und immer zu seinen eigenen Prinzipien zu stehen.
Klassische Konzerte haben immer grössere Probleme, die Säle zu füllen. Wie sehen Sie diese Problematik?
Leider ist es in der Tat so, dass es immer weniger Interesse für die klassische Musik gibt, insbesondere bei den jüngeren Generationen. Das ist zumindest meine subjektive Wahrnehmung, auch wenn ich keine Statistiken der letzten Jahrzehnte kenne. Meiner Meinung nach ist die Problematik die, dass unsere Gesellschaft immer mehr auf Konsum ausgerichtet ist, und Beziehungen nicht nur zu Menschen immer unverbindlicher werden, sondern überhaupt viele der jungen Menschen die Beziehung zu ihrem inneren Selbst verlieren. Um der klassischen Musik etwas abgewinnen zu können, braucht es einen Willen, sich damit zu beschäftigen, zu lernen, zu verstehen und das Wirken der Musik auch zuzulassen. All dies steht in einem grossen Gegensatz zu dem, was weite Teile der jungen Generation ausmacht und prägt. Klassik kann man halt nicht einfach konsumieren, sie ist meist nicht „cool“ genug. Natürlich wirft das für uns klassische Musiker auch Fragen auf, dahingehend, wie wir dieser Entwicklung entgegenwirken können. Es wäre jedoch nicht der richtige Ansatz die Verantwortung für all das den klassischen Musikern alleine zu übertragen, es ist eben nicht nur damit getan ab und an einen Schulbesuch zu machen, sondern es ist vielmehr eine gesellschaftliche Frage dahingehend, was wir für die kommenden Generationen möchten, wie sie aufwachsen sollen, und was die tieferen Ursachen all unserer heutigen Probleme sind. Unter Anderem sollten wir meiner Meinung nach auch unsere Kunst und Kultur vermehrt einer breiteren Gesellschaftsschicht zugänglich machen durch eine vollumfängliche Integration in unser heutiges Bildungssystem, gleichwertig der Ausbildung unserer linken, also rationalen Gehirnhälfte.
Sie spielen das Stradivari Cello «Feuermann», das früher vom legendären Cellisten Emanuel Feuermann gespielt worden ist, und das von Wolfgang Schnabl erbaute Cello, zuvor gespielt von Boris Pergamenschikow. Wie unterscheiden sich die beiden Instrumente?
Das Feuermann ist ein sehr kleines Cello, es stammt aus der späten Periode von Stradivari und er hat in diesem Format nur 2 Celli gebaut. Es ist vor allem sehr schlank. Diese Form war gewissermassen ein Experiment von Stradivari, er war auf der Suche nach einer Form, die dem wachsenden Bedürfnis von solistischem Spiel mehr nachkommt. Es war schon eine grosse Umgewöhnung für mich, da ich vorher das Stradivari Lord Aylsfrod spielte, ein Cello von 1696, einer frühen Periode von Stradivari, in der die Celli sehr gross waren.
Das von Wolfgang Schnabl erbaute Cello ist ein exakter Nachbau des Montagnana Cellos ex Konstantin Romanow meines Lehrers Boris Pergamenschikow. Es ist von der gesamten Formensprache her ganz anders als das Feuermann, es hat schnell abfallende Zargen, die zugleich rund sind, wodurch sich eine spezielle Form ergibt, die mich an eine Glocke erinnert.
Im Umgang muss man die beiden Instrumente gänzlich unterschiedlich „anpacken“, das Feuermann hat einen sehr starken eigenen Willen und lässt sich nichts „diktieren“, es möchte halt am liebsten einfach so klingen, wie es ihm gerade passt, und das kann abhängig auch von den Wetterbedingungen sehr unterschiedlich sein. Man wird aber mit vielen besonderen Klangfarben und einer, für ein Cello fast untypischen Brillianz, mit sehr vielen Obertönen, fast etwas Geigenhaftem belohnt. Für bestimmte Werke wie beispielsweise Prokofiew Sinfonia Concertante würde ich vom Charakter her jedoch eher den Montagnana Nachbau favorisieren, da dieses vom Charakter her viel besser zu diesem Stück passt. Weiter wäre über die Montagnana Kopie von Wolfgang Schnabl zu sagen, dass sie einfach ein fabulöser Neubau ist. Das Instrument ist ebenfalls sehr farbenreich und hat jede Menge Kraft. Es ist eine luxuriöse Situation, auf diesen beiden Instrumenten spielen zu können, das Spiel der beiden Instrumente ist für den Umgang mit dem jeweils anderen absolut befruchtend. Das Feuermann Cello ist eine Leihgabe der Nippon Music Foundation und die Montagnana Kopie von Schnabl ist eine Leihgabe der Kronberg Academy. Ob ich darüber hinaus noch ein eigenes Cello besitze? Nein!
Sie haben erste Preise von wichtigen Wettbewerben gewonnen. Was ist Ihrer Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg?
Es kommt bei der Frage natürlich darauf an, wie man das Wort Erfolg deutet. Erfolg bedeutet für mich vor allem der persönliche Erfolg, der nicht unbedingt mit einem Messen mit anderen einhergeht, wie z.B. wie viele Konzerte man mit Orchestern einer bestimmten „Klasse“ spielt etc. oder wie viele Wettbewerbe man gewonnen hat. Erfolg ist meiner Meinung nach seinen ganz persönlichen Weg zu gehen, das zu tun, wofür man brennt und was man liebt und sich für nichts zu „verbiegen“, sich selbst also immer treu zu bleiben. Mit anderen Worten also kurz und knapp beantwortet: Erfolg bedeutet, man selbst zu sein. Und jeder, der das wirklich aufrichtig versucht, weiss sicherlich, wie schwer das oft sein kann.
Die Wettbewerbe haben mir natürlich viele Möglichkeiten eröffnet, sie haben gewissermassen Türen geöffnet. Ich habe aber auch schnell verstanden, dass man sich wegen der Wettbewerbserfolge nicht zurücklehnen kann und glauben darf, dass alles auf einen zukommt – dafür leben wir in der falschen Zeit. Man ist heutzutage vielmehr als jemand gefragt, der nicht nur ein exzellenter Instrumentalist und Künstler ist, sondern man sollte auch Fähigkeiten besitzen, sich mit dem Wort über Musik eloquent ausdrücken zu können, gewisse Fähigkeiten eines Managers besitzen, zumindest einen Teil der programmatischen Gestaltungsgabe eines Intendanten besitzen und auch so gut im Organisieren von Reisen sein, dass man sofort eine Stelle in einem Reisebüro erhalten könnte. Der perfekte Umgang mit EDV-Hardware ist dabei obligatorisch und selbstverständlich.
Sie unterrichten als Professor an der Hochschule in Dresden und geben regelmässig Meisterkurse. Was ist für Sie wichtig beim Unterrichten?
Beim Unterrichten ist es mir wichtig, dass meine Studenten zu ihrer eigenen musikalischen Wahrheit finden und lernen das intellektuelle Wissen, welches sie über Musik im Studium sich aneignen, zusammen mit ihrer Intuition, zu ihrer ganz eigenen und persönlichen Interpretation zu verschmelzen, also dass sie gewissermassen ihre ganz persönliche musikalische Stimme finden. Dazu gehören natürlich viele instrumentale Voraussetzungen, womit ich vor allem das unverzichtbare Grundgerüst der Technik meine. An der Technik kann man wie an allem anderen immer weiter feilen, wichtig ist aber, dass die Studenten lernen, mit offenen Sinnen für alles Neue durch das Leben zu gehen und lernen, neugewonnene Erkenntnisse für sich selbst umzusetzen.
Die Hochschule für Musik in Dresden bietet für die Ausbildung der Studierenden natürlich einen sehr guten Standort, Dresden ist eine Kulturstadt von hohem Rang mit zwei hervorragenden Orchestern, unglaublich viel Kulturprogramm und einer wunderschönen historisch wieder aufgebauten Innenstadt. Die Hochschule selbst bietet ein inspirierendes Umfeld und eine hervorragende Fakultät.
Haben Sie neben der Musik noch andere Interessen oder Leidenschaften?
Es gibt etwas, was ich bereits länger mache als zu musizieren und das mit Leidenschaft, nämlich Ski laufen. Ausserdem fahre ich sehr gerne Fahrrad, fotografiere und bin der Natur sehr verbunden, insbesondere gilt meine Liebe den Bergen. Für all dies lässt mein Kalender leider nicht so viel Raum, wie ich es mir wünschen würde. Eine Sache jedoch, eine für mich sogar ähnlich kreative Tätigkeit wie das Musizieren, versuche ich auf natürliche Art und Weise regelmässig in den Alltag zu integrieren: das Kochen. Ohne Rezeptbuch improvisiert, versteht sich.
Was sind Ihre Pläne und Visionen für die Zukunft?
Es gibt natürlich viele musikalische Projekte und Ideen, die ich am liebsten alle umsetzen würde. Natürlich wird das nicht gehen aber ein grosses Anliegen meinerseits ist, Komponisten und deren Werke mehr in den Fokus der Hörer zu rücken, die meiner Meinung nach viel zu selten erhört werden. Dazu gehört beispielsweise auch Zoltan Kodály, dem ich gerade eine CD-Aufnahme widme, die noch dieses Jahr erscheinen soll. Weitere CDs sind in Planung. Eine wahrhaft schöne Vision wäre es auch, endlich ein eigenes Cello zu besitzen, was sicherlich nicht einfach wird, bei so grosser Konkurrenz in Form der beiden Leihgaben, die ich spiele.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 1.3.2017
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