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Tianwa Yang

Tianwa Yang im aktuellen Interview.

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Cédric Pescia im Interview

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« Was Dir vorgeworfen wird, pflege es, denn es ist Dein wahres „Ich“. »

Cédric Pescia, in Lausanne geboren, mit schweizer und französischer Abstammung, gewann im Jahre 2002 einen der renommiertesten Klavierwettbewerbe der Welt, den „Gina Bachauer International Artists Piano Competition“ in Salt Lake City (USA). Cédric Pescia konzertiert in zahlreichen Ländern Europas, Südamerikas, Nordafrikas, in China und in den USA. Neben seiner solistischen Laufbahn bringt ihn seine Liebe zur Kammermusik dazu, regelmäßig mit renommierten Partnern zu musizieren. Eine langjährige künstlerische Zusammenarbeit verbindet Cédric Pescia mit der Geigerin Nurit Stark. Er ist Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter der Lausanner Kammermusikreihe Ensemble enScène. Außerdem war er 2005 und 2007 Jurymitglied des Concours Clara Haskil. Er gibt Meisterkurse in den USA und in Europa. 2012 wurde er zum Professor für Klavier an der Haute Ecole de Musique de Genève ernannt.

Classicpoint.net: 3 Jahre, nachdem Sie selbst einen der renommiertesten Klavierwettbewerbeder Welt, den «Gina Bachauer International Artists Piano Competition» gewonnen haben, waren Sie bereits Jurymitglied des Concours Clara Haskil. Wie hat sich dieser Wechsel der Fronten angefühlt?
In beiden Fällen fühlte ich mich wie ein Außenseiter. Der „Gina Bachaueru“ war der erste internationale Wettbewerb, an dem ich teilnahm. Es ist auch der einzige geblieben. Es waren viele Pianisten da, die schon große Wettbewerbe gewonnen hatten. Ich war nicht mehr so jung (26) und hatte wenig Selbstvertrauen. Alle anderen Kandidaten spielten die großen russischen Virtuosenstücke, ich spielte u.a. die Goldberg-Variationen und ein Mozart-Konzert und glaubte nicht, dass ich irgendeine Chance hatte. Überhaupt der Gedanke, an einem Wettbewerb teilzunehmen, war mir fremd. Ich bin von Natur her kein kompetitiver Mensch, war es nicht damals und bin es nicht geworden. Ich muss aber sagen, dass mir der Sieg dieses Wettbewerbs viel gebracht hat. Ohne ihn glaube ich nicht, dass ich heute die gleiche Karriere machen würde.
Als ich Jurymitglied vom Haskil-Wettbewerb war, wurde ich von den meisten Kollegen und Kandidaten nicht ernst genommen und das sicherlich zu Recht: zu jung, zu unerfahren. Ich wusste auch nicht richtig mit dem Ganzen umzugehen, und mit dem Spiel der meisten jungen Pianisten, das mir glatt und unpersönlich schien.
Es war mir vor allem noch nicht klar, dass das einzige Ziel, in einer Jury zu sitzen (und der Grund, weshalb ich es ab und zu tue) ist, begabten Musikern zu helfen, ihnen Türen zu öffnen, wie es damals die Jurymitglieder des Bachauer Wettbewerbs für mich getan haben.

Auf was schauen Sie am meisten bei der Beurteilung als Jurymitglied?
Mich interessieren Pianisten/Pianistinnen, die die Fähigkeit haben, mit dem Publikum zu kommunizieren, die eine Geschichte erzählen können. Es ist eine subtile Mischung zwischen Werk- und Stiltreue, Ehrlichkeit, Intelligenz, Spontaneität und Großzügigkeit. Das erfordert natürlich eine feine, solide und vielfältige Fingerfertigkeit, die nicht als Ziel verstanden werden sollte, sondern als Ausdrucksmittel.

Sie sind Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter der Lausanner Kammermusikreihe Ensemble enScène. Was zeichnet diese Reihe aus?
Sie findet seit 13 Jahren in Lausanne statt, in einem Sprechtheater, das von einem genialen kolumbianischen Regisseur namens Omar Porras geleitet wird.
Da habe ich verschiedene Ziele:

  • eng mit Omar Porras zu arbeiten. Wir haben schon viele Projekte aufgeführt, die Musik, Wort und Bühne verbinden (u.a. ein Stück über Satie, eins über Schumann und Novalis oder eins über Chopin und Musset). Im Laufe der Zeit hat sich meine ursprüngliche Rolle als Pianist etwas erweitert. Ich trage jetzt Texte vor, bewege mich auf der Bühne. Ich werde kein Schauspieler werden, experimentiere aber gerne im Theaterbereich.
  • Konzerte zu organisieren, für die ich absolut frei bin bei der Auswahl von Werken und Interpreten. Ich spiele selber viel und gerne in den Konzerten, lade aber mit großer Freude andere Pianisten und Musiker ein. Es ist seit dem Anfang immer viel neue Musik dabei gewesen, ab und zu auch Musik aus anderen Traditionen (nordindisch klassische Musik, afrikanische Musik).
  • die Leute, die normalerweise eher ins Theater gehen, zu den klassischen Konzerten zu bringen.
  • eine langfristige Beziehung mit einem Publikum zu schaffen; es gibt Menschen, die seit 13 Jahren fast alle Konzerte gehört haben, die mir als Pianisten und Programmplaner folgen; das schätze ich sehr.

Sie sind Professor an der Musikhochschule in Genf. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Studenten aus?
Am wichtigsten ist es, dass der Student ein gutes Ohr hat. Das kann (und muss) man natürlich trainieren, man braucht aber schon eine Veranlagung.
Ich bilde vor allem zukünftige Lehrer aus. Die wenigsten werden einen Platz auf den Bühnen finden. Ich probiere, Studenten auszuwählen, in denen ich sehe, dass sie die Fähigkeit haben, ihr Wissen und ihre Leidenschaft für die Musik zu vermitteln. Es ist nicht immer leicht zu merken. Viele sind mit 17 oder 18 noch schüchtern. Über die Jahre probiere ich aber, ein Gespür dafür zu entwickeln.
Der zukünftige Student muss auch bereit sein, seine eigene Persönlichkeit zu entdecken und zu entwickeln, muss offen für Experimente sein, fleißig... und angenehm im Umgang.

Was müssen später erfolgreiche Pianisten in ihrem Studium lernen?
Es sind so viele wichtige Punkte, ich möchte hier drei nennen:

  • gut üben zu können. Viele junge Musiker üben schlecht, wiederholen etliche Male zwecklos und ahnungslos die gleichen Passagen, üben unter Druck, ohne Spaß. Wir Pianisten verbringe einen großen Teil unseres Leben mit dem Üben. Es soll immer eine kreative, nicht automatisierte, positive, körperlich entspannte Zeit sein. Ich zeige meinen Studenten, wie sie das erreichen können.
  • sich von allen unnötigen körperlichen Spannungen zu befreien. Die Klaviertechnik ist komplex und individuell. Es gibt kein Muster, das bei allen funktioniert. Es ist auch wichtig, dass der Student erforscht, wo das Zentrum seiner Emotionen liegt, wie er einen Zugang zu diesem findet und sie auf sein Klavierspiel übertragen kann.
  • die Texte gut lesen können. Erstmal was auf der Partitur steht (das erfordert eine gute Kenntnis von dem Stil und der Sprache der jeweiligen Komponisten) und dann was versteckt wird, was hinter den Noten steht, was der Komponist nicht schreiben wollte (oder was er für nicht nötig hielt zu schreiben, weil er für seine Zeitgenossen schrieb, die sich oft nur in einer einzigen Stilrichtung bewegten). Den Text gut lesen heißt aber auch, sich den Weg vorzustellen, der den Komponist von der leeren Seite bis zum Niedergeschriebenen geführt hat.

Was waren für Sie persönlich die 3 wichtigsten Punkte, die Sie in Ihrem Studium gelernt haben?

  • das Ohr immer feiner zu trainieren, vor allem mit Hilfe der Transposition. Ich habe tausende von Stunden verbracht, die meisten Stücke meines Repertoires in alle Tonarten zu transponieren, und das nur mit Hilfe des Ohres. Dann ist der Weg, Musik zu machen weniger finger- und augenbedingt; man hört und spürt viel besser die harmonischen Spannungen und die Kraft der Intervalle.
  • meinen Köper besser kennenzulernen, zu erforschen und bewusster im Hinblick auf das Musik-machen und Klavierspielen zu benutzen.
  • ein Satz (unter hunderten!) eines Lehrer, der in meiner Erinnerung bleibt: was Dir vorgeworfen wird, pflege es, denn es ist Dein wahres „Ich“ («ce que l’on te reproche, cultive-le, car c’est toi», frei nach Jean Cocteau)

Sie haben Ende September «Das wohltemperierte Klavier» von Bach aufgenommen. Können Sie den Prozess der Auseinandersetzung mit diesem Werk bis zur Aufnahme beschreiben?
Ich habe das Werk als Teenager gelernt. Mit 18 habe ich zum ersten Mal die beiden Bände öffentlich gespielt und später immer wieder Auszüge davon. Dann habe ich das Werk ungefähr 10 Jahre lang nicht mehr gespielt. Wieder angefangen habe ich, seitdem ich unterrichte (2012). Es ist das Werk, das ich am meisten unterrichte. Ich lerne viel dadurch. Die beiden Bände habe ich letzte Saison mehrmals im Konzert gespielt. Mit 41 Jahren war es für mich der richtige Zeitpunkt für eine Aufnahme.

Wie sehen Ihre nächsten Projekte aus?

  • Im Moment bin ich dabei, das ganze Werk von Bach öffentlich zu spielen. Eine lange (12 Konzerte umfassende) und faszinierende Reise.
  • Ich spiele seit 17 Jahren mit der Geigerin Nurit Stark. Jetzt möchten wir das Gesamtwerk von Mozart aufführen.
  • Es gibt zwei Komponisten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die mich im Moment sehr interessieren und deren Werke ich studieren möchte: Gérard Grisey und Luigi Nono.

Sie sind noch jung. Was sind Ihre langfristigen Ziele?

  • Mich weiterhin vertiefen in die Musik, die ich liebe und sie mit einem möchlichst interessierten und aufnahmefähigen Publikum teilen.
  • Jüngeren Musikern das weitergeben, was ich von anderen wunderbaren Künstlern und durch Lebenserfahrungen gelernt habe.
  • Ich möchte auch meine Kenntnisse in Jazz und Improvisation vertiefen.
  • Und ich lerne seit kurzem Tabla. Dieses Instrument hat mich immer fasziniert. Es ist für mich interessant, eine andere musikalische Tradition (aus Nordindien) zu lernen.

Welche Interessen und Hobbys haben Sie neben der Musik?
Ich lese viel, das ständige Reisen macht es möglich.
Ich interessiere mich sehr für die mitteleuropäische Literatur, insbesondere die aus Ungarn. Sonst ist für mich die große literarische Entdeckung des Jahres der geniale chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño.
Ich schaue mir sehr gerne Filme an (ich mag besonders Bergman, Antonioni, Godard und David Lynch).


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 3.12.2018
© Bild: William Beaucardet

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