Titus Engel im Interview

«Ich verstehe mich als Diener am Werk.»
Sein Operndebüt gab Titus Engel 2000 mit der Uraufführung von Benjamin Schweitzers Jakob von Gunten bei den Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik. Seitdem leitete er viele Aufführungen in unterschiedlichen Sparten an verschiedenen Bühnen, zum Beispiel Monteverdis L’Orfeo im Radialsystem V Berlin und am Theater an der Wien, mehrere Opern im Theater Kampnagel Hamburg und in der Oper Stuttgart bis hin zu Glass‘ Akhnaten an der Opera Vlaanderen Antwerpen/Gent. Auf Einladung Gerard Mortiers gab er am Teatro Real Madrid sein Debüt mit der Uraufführung von Pilar Jurados La página en blancoim im Februar 2011. Dort ist er mittlerweile regelmäßig zu Gast: Im Jahr 2014 erfolgte unter seiner Leitung die Uraufführung von Charles Wuorinens Oper Brokeback Mountain. Im Juni 2016 dirigierte er die Schweizer Erstaufführung und dritte komplette Aufführung überhaupt von Stockhausens Donnerstag aus dem Zyklus Licht am Theater Basel. Die Inszenierung erhielt die Auszeichnung „Aufführung des Jahres“ bei der Kritikerumfrage der Opernwelt 2016.
Engel dirigierte zahlreiche renommierte Orchester wie das Orchestre de l'Opéra de Paris, das Orchester der Deutschen Oper Berlin, das Mozarteumorchester Salzburg, mehrere Rundfunksinfonieorcherster, das Orquesta Sinfónica de Castilla y León, das Berner Symphonieorchester, das Mahler Chamber Orchestra, das Danish National Chamber Orchestra sowie mehrere Kammerorchester im süddeutsch-schweizerischen Raum. Laufend ist er auch bei den führenden Ensembles für zeitgenössische Musik eingeladen. Von 2000 bis 2012 war er musikalischer Leiter des ensemble courage. Er brachte zahlreiche Werke zur Uraufführung (Sergej Newski, Leo Dick, Elena Mendoza, Olga Neuwirth, Michael Wertmüller, Rebecca Saunders) u. a. bei der RuhrTriennale, den Berliner Festspielen, dem Lucerne Festival, MaerzMusik, den Donaueschinger Musiktagen, den Salzburger Festspielen und Opera d’hoy Madrid.
Projekte im Jahr 2017 waren die Uraufführungen von Elena Mendozas Oper La ciudad de las mentirasaus am Teatro Real Madrid sowie Mozarts La Betulia Liberata an der Oper Frankfurt. Die Uraufführung von Infinite Now von Chaya Czernowin an der Vlaanderen Opera und dem Nationaltheater Mannheim wurde 2017 von der Opernwelt als "Uraufführung des Jahres" gewählt.
Die Deutsche Bühne bezeichnete ihn als „dirigierenden Derwisch“, der alle Akteure sicher durch halsbrecherische Stromschnellen geleitet.
Sie haben zuerst Musikwissenschaft und Philosophie studiert. War Ihnen da schon klar, dass Sie danach ein Dirigierstudium beginnen würden?
Ja, ich wollte Dirigent werden, seit ich etwa 17 war. In dieser Zeit habe ich zum ersten Mal unser Schulorchester dirigiert. Das hat mich so begeistert, dass ich sofort wusste, dass dies mein Traumberuf ist. Ich wollte mich aber breiter bilden und habe mich deshalb für zwei Studien entschieden, die teilweise auch parallel liefen.
Inwiefern können Sie Ihr Philosophiestudium für Ihr Dirigieren heute nutzen?
In der Philosophie geht es um die großen Fragen des Lebens. Kant hat sie besonders schön formuliert: Was kann ich wissen? Was ist der Mensch? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Ich glaube, dass mich das Nachdenken über philosophische Fragen als Mensch und als Musiker prägt. Auch Musikästhetik und Musikpsychologie faszinieren mich sehr. Wie ist das Wunder Musik erklärbar? Wie kann es sein, dass Schallwellen so unglaubliche Emotionen auslösen können? Ich weiß es bis heute nicht, aber bleibe neugierig...
Sie wurden von der Opernwelt 2020 zum Dirigenten des Jahres gewählt. Was hat den Ausschlag gegeben und inwiefern ist dieser Titel für Sie wichtig?
Ich habe in der Saison zwei Produktionen dirigiert, bei denen meine Arbeit besonders positiv wahrgenommen wurde. Einstein on the Beach von Philip Glass in Genf und Boris Godunow von Mussorgsky in Stuttgart, der mit einer Uraufführung von Sergej Newski kombiniert war. Diese Verbindung zwischen Neuer Musik und einem großen Werk der Romantik ist etwas, was mich besonders fasziniert und ich sehr gerne mache. Der Titel hat mir Freude gemacht und besonders in der Schweiz habe ich dafür auch sehr viel persönlichen Zuspruch bekommen.
Haben Sie als Operndirigent auch Einfluss auf die Umsetzung des Regisseurs?
Ich arbeite sehr gerne mit Regisseuren zusammen. Das Spannende an der Oper ist ja, dass man nicht alleine verantwortlich ist für das Projekt wie im Konzert, sondern dass es ein Gesamtkunstwerk ist, an dem sich viele beteiligen. Ich versuche immer frühzeitig mit dem Regisseur in Kontakt zu treten, das habe ich von Gerard Mortier gelernt. Oft sind die Regisseure sehr interessiert, über das Stück musikalisch Neues zu erfahren. Dann ergibt sich meist ein Dialog und damit habe ich natürlich auch Einfluss auf die szenische Umsetzung.
Sie versuchen auch, verschiedene Musik und Kunstwelten zusammenzuführen. Können Sie uns Beispiele von Projekten nennen?
Als erstes fällt mir „Am Anfang“ von Anselm Kiefer und Jörg Widmann ein, bei dem ich an der Bastille in Paris beteiligt war. Es war unglaublich faszinierend, mit diesen beiden großen Künstlern zusammenzuarbeiten. In meinen Konzertprogrammen kombiniere ich gerne verschiedene musikalische Welten, zum Beispiel Islam in der zeitgenössischen Musik. Oder immer wieder die Verbindung von Barock und neuer Musik.
Sie interessieren sich gleichermaßen für alte wie für neue Musik. Ist Ihr Interpretationsansatz dabei der gleiche?
Ich verstehe mich als „Diener am Werk“, wie es Hans Swarowski, der berühmte Dirigierlehrer, so schön formuliert hat. Ich gehe immer von der Partitur aus und lese daneben viel über das geistige Umfeld des Werkes. Bei neuer Musik ist für mich die Zusammenarbeit mit den lebenden Komponisten zentral und da lerne ich immer sehr viel, auch in Bezug auf alte Musik. Es ist nämlich nicht möglich, alles in der Partitur zu notieren, auch bei einer noch so ausgefeilten Kompositionstechnik, deshalb ist das Gespräch mit den Komponisten so wichtig. Bei alter Musik interessiert mich die historische Aufführungspraxis, hier kann ich nur über Bücher mit dem Komponisten direkt kommunizieren.
Wie erleben Sie die aktuelle Pandemie-Situation?
Meine persönliche Verfassung folgt den Pandemiewellen. Momentan bin ich glücklich, dass ich an der Oper Lyon wieder arbeiten kann. Wir können zwar nicht vor Publikum spielen, aber dank der umsichtigen Planung von Serge Dorny können wir Bártóks Blaubart jetzt digital präsentieren. Und in Richtung Sommer bin ich vorsichtig optimistisch und freue mich auf den Lohengrin von Wagner und zahlreiche Uraufführungen. Aber ich bin sehr enttäuscht darüber, dass trotz der zahlreichen Studien, die wissenschaftlich darlegen, wie klein die Ansteckungsgefahr in den Theater- und Konzerthäusern ist, diese als erstes zusperren mussten und wohl auch letztes wieder aufgemacht werden.
Welche Lehren ziehen Sie daraus?
Es ist wichtig, dass die Kultur ihre Lobby stärkt. Wir sind zu wenig präsent, gerade auch im Hinblick auf die Zeit nach der Pandemie ist es wichtig, bei den Politikern präsenter zu sein. Ich hoffe auch, dass das Publikum uns dabei hilft. Ich bekomme sehr viele Rückmeldungen, wie sehr das Publikum die Live-Aufführungen vermisst.
Welche Visionen haben Sie für sich persönlich und für die Musikwelt?
Ich träume von einem eigenen Orchester, das Neue und Alte Musik auf besondere Weise kombinieren kann, in dem alle Stücke auf den jeweils historischen Instrumenten gespielt werden. Und ich träume davon, dass die Opern- und Konzert- Verantwortlichen mehr wagen. Es wird viel zu oft das immergleiche Repertoire gespielt, es gäbe so viel zu entdecken.
Welche Leidenschaften haben Sie neben der Musik?
Meine Familie, Segeln, Lesen und Filme.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 28.02.2021
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