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Tianwa Yang

Tianwa Yang im aktuellen Interview.

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Patricia Kopatchinskaja im Interview

Patricia Kopatchinskaja

«Dafür lebe ich.»

Patricia Kopatchinskaja spielt wild und leidenschaftlich. Die gebürtige Moldawierin gehört zu den interessantesten Geigerinnen Ihrer Generation. Sie nimmt keine Rücksicht auf die Regeln des Klassikbetriebs. Ihr Spiel ist direkt und schonungslos. In Wien und Bern hat sie Komposition und Geige studiert. Heute lebt sie in Bern.

Als 13-Jährige sind Sie von Moldawien nach Wien geflüchtet. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Diese Zeit war sehr bedrohlich. Wir kamen mit ein paar Koffern und einem Hund, mussten Fingerabdrücke abgeben und fast mittellos im Flüchtlingsheim leben. Damals habe ich begriffen, dass mir niemand hilft, wenn ich mir nicht selber helfe.
 
Ihre Eltern sind beide Musiker, was haben sie in Wien gearbeitet?
Mein Vater war ein Superstar in meiner Heimat. Er leitete ein grosses Folkloreensemble mit Musikern und Tänzern. Er gab im Ostblock und anderen sowjetfreundlichen Ländern 300 Konzerte pro Jahr. Meine Mutter hat dort mitgespielt. Wir waren wohlhabend. Im Westen konnte er diese Karriere nicht fortführen. Es war eine sehr schwierige Zeit.  
 
Von Wien sind Sie nach Bern gekommen. Wie gross war die Veränderung?
Nach Bern kam ich durch den Violinpädagogen Igor Ozim, der mir sehr geholfen hat. Wenn man aus Moldawien kommt, ist der Unterschied von Wien zu Bern nicht so gross. Natürlich vermisst man in Bern das überreiche kulturelle Angebot Wiens. Dafür sind die Leute geduldig und freundlich und die Landschaft ist vor der Haustür und wunderschön.

Was vermissen Sie heute, wenn Sie an Ihre Heimat Moldawien denken?
Ich vermisse vor allem meine verstorbene Grossmutter. Und Tomaten wie in Moldavien findet man hier in Supermärkten nicht.
 
Sie haben als Kind mit dem Komponieren begonnen und erst später Geige gelernt. Was hat Ihnen damals als Kind das Komponieren bedeutet und was bedeutet es Ihnen heute?
Erst in Wien lernte ich die zweite Wiener Schule (Schönberg, Berg, Webern) kennen. Wenn man aus dem Ostblock kam, war das wie eine Offenbarung. Ich habe neben dem Instrumentalstudium auch Komposition studiert und damals viel komponiert. Heute komponiere ich wenig, aber doch noch ab und zu. Wenn man komponiert, geht man ganz anders, z.B. experimenteller, an die Musik heran, sei sie alt oder neu. Die lebenden Komponisten, mit denen ich arbeiten konnte, haben sich übrigens an meinem freien Umgang mit dem Material nie gestört.
 
Sie haben eine junge Tochter. Welches Verhältnis hat Ihre Tochter zur Musik?
Die Tochter wird demnächst sieben Jahre alt. Ihr Verhältnis zur Musik ist zwiespältig, weil sie auf die Musik eifersüchtig ist. Ich bin so oft weg. Sie hat aber eine grosse Begeisterung für Opern und wollte z.B. eine dreistündige Aufführung von Wagners fliegendem Holländer unbedingt zu Ende sehen, obwohl ohne Pausen gespielt wurde.
 
Wie fühlt sich Ihr Zustand an, wenn Sie bei einem Konzert richtig in die Musik abtauchen können?
Das ist wie ein Drogenrausch. Dafür lebe ich.
 
Sie ziehen zeitgenössische Musik den bekannten grossen Geigenwerken der Klassik und Romantik vor?
Vorziehen ist vielleicht nicht ganz richtig. Aber die alten Werke wurden so oft und so gut gespielt, dass es schwierig ist, einen neuen Gesichtspunkt beizutragen. Ausserdem gehören Klassik und Romantik in eine vergangene Zeit.
Viel mehr Neues kann man beitragen, wenn man die Musik unserer Zeit dem Publikum nahe bringt. Das ist mein Beitrag und meine eigentliche Mission.    
 
Welches sind Ihre Lieblingswerke?
Lieblingswerk ist immer, was man gerade spielt. Aber besonders nahe fühle ich mich den Werken von Bartok, Kurtag, Ligeti und auch von Mansurian.  
 
Sie versuchen, alle Grenzen zu sprengen, suchen die Ekstase beim Spielen. Ist das nicht wahnsinnig anstrengend? Woher nehmen Sie diese Energie?
Das ist tatsächlich wahnsinnig anstrengend, und zwischen den Konzerten bin ich oft völlig erschöpft. Aber ich will dem Komponisten und dem Werk alles geben, was ich habe. Ich will nichts schuldig bleiben.
Und überhaupt, was macht es für einen Sinn, auf Sparflamme zu spielen? Da bleibe ich lieber zu Hause.  
 
Gab es auch schon Dirigenten oder Kammermusikpartner, denen Ihre Energie und Art zu spielen zu extrem war?
Ja, natürlich. Es ist eine Lebensaufgabe, die passenden Musiker (und auch das Publikum) zu finden. Zum Glück gelingt das immer wieder. Neulich habe ich mich z.B. mit Pekka Kuusisto, Lilli Majala und Pieter Wispelwey zu einem Streichquartett zusammengefunden. Wir arbeiten sehr frei und experimentell, wie in einem Laboratorium. Wir nennen es „quartet-lab“. Ein grossartiges Erlebnis.



Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 05.10.2012
© Foto: Marco Borggreve, Amsterdam

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