Tabea Zimmermann im Interview

«Das wird wohl immer eine Frage der Perspektive bleiben.»
Tabea Zimmermann gilt als eine der führenden Bratschistinnen weltweit. Sie ist sowohl als Solistin wie auch als Mitglied des Arcanto Quartetts international gefragt. Als jüngste Professorin Deutschlands begann sie 1987, in Saarbrücken zu unterrichten. 1994 übernahm sie die Bratschenklasse der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, seit Oktober 2002 ist sie Professorin an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin.
Classicpoint.ch: Sie haben bereits mit 3 Jahren mit der Bratsche begonnen. Denken Sie, dass es ein Vorteil ist, direkt zu beginnen, auf der Viola zu lernen oder spielt es für eine Bratschistenkarriere keine Rolle, ob man zuerst mit der Violine beginnt und erst später umstellt?
Heute denke ich, dass es weniger entscheidend ist, ob man direkt mit der Bratsche beginnt. Allerdings halte ich die Qualität des Anfangsunterrichts für so entscheidend, dass ich einem musikinteressierten Kind je nach der Qualität der Lehrer vor Ort zum einen oder anderen Instrument raten würde. (Lieber ein erfahrener Geigenlehrer als ein unerfahrener Bratschenlehrer!)
Wenn ich aus der Perspektive der Hochschullehrerin schaue, macht mir der Nachwuchs schon sehr große Sorgen. Wir haben oft die Wahl zwischen instrumental hervorragend ausgebildeten jungen Asiaten und gerade mal Interesse bekundenden jungen Deutschen, die allerdings einige Jahre hinterher sind, weil ihnen 4-5 Jahre intensiven Instrumentalstudiums fehlen.
Sie sind in einer Musikerfamilie gross geworden. Waren Ihre Eltern streng mit Ihnen im Bezug auf das Erlernen des Instruments?
Meine Eltern waren sehr sehr streng bei der Erziehung ihrer 6 Kinder! Und auch wenn ich dadurch eine Sonderstellung in meiner Altersklasse erreicht habe und bis heute viele Vorteile aus der frühkindlichen Musikerziehung ziehen kann, trauere ich einer Kindheit nach, die ich nicht haben durfte. Das wird wohl immer eine Frage der Perspektive bleiben.
Sie haben selbst 3 Kinder, die alle ein Instrument spielen. Begleiten oder kontrollieren Sie das Üben der Kinder?
Meine 3 Kinder sind tatsächlich alle 3 sehr musikalisch und haben relativ leicht verschiedene Instrumente erlernt. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen kann ich ihnen allerdings nicht die Strenge bieten, die sie zweifelsohne zu größeren Leistungen bringen könnte. Manchmal zweifle ich an meiner entspannten Haltung, aber andererseits haben es meine Kinder unendlich viel schwerer, weil sie immer ein Ergebnis vor sich sehen. Ich konnte entspannt und ohne Können/Wissen der Eltern meine eigenen Erfahrungen im geschützten Rahmen der Musikschule machen, da meine Eltern eben nicht vom Fach waren. Sie haben den zeitlichen Rahmen der Übezeit vorgegeben und kontrolliert, aber inhaltlich war ich freier als es meine Kinder sein können.
Sie sind Professorin an der Hanns Eisler Hochschule in Berlin. Gibt es in der Unterrichtstätigkeit auch Glücksmomente wie bei einem besonders gelungenen Konzert?
Es gibt unendlich viele Glücksmomente, die im weitesten Sinn mit der Unterrichtstätigkeit zu tun haben. Das kann, muss aber nicht, im Augenblick des Unterrichts passieren. Manchmal erhalte ich Jahre nach einem Abschluss einen Brief, der Bezug auf Details des Unterrichts nimmt. Wenn mir jemand z.B. schreibt, dass ihm oder ihr heute erst bewusst ist, was sie damals erlernt haben, dann macht es mich glücklich, weil die Frucht aufgegangen ist, für die ich einen Samen legen durfte. Ein Glücksgefühl stellt sich immer dann ein, wenn ein Student über sich selbst hinauswächst, wenn angenommene Grenzen plötzlich gesprengt werden. Ich verstehe meinen Unterricht vielmehr als Anleitung zum Selbststudium, zum Austesten von Grenzen etc., als eine Ansammlung perfekt erlernter Stücke. Allerdings ist eine gute Erfahrung auch damit verbunden, dass der Student an einer Sache dranbleibt und zu einem guten Ergebnis gelangt und nicht nur theoretisch weiß, wie er zu einem guten Ergebnis gelangen könnte. Ein wichtiger Teilaspekt ist sicher der gute Rat bei der Auswahl vom Repertoire, bei der Menge der Werke und bei der Einteilung der Kräfte. Lieber weniger und dafür gute Konzerterfahrungen, als zu früh zuviel gespielt, ist da meine Devise.
Was halten Sie von Wettbewerben?
Seltenst schlage ich einen Wettbewerb vor, aber wenn die Studenten von sich aus ein ambitioniertes Programm erarbeiten wollen, unterstütze ich sie natürlich, auch wenn ich nicht verheimliche, dass es mir oft lieber wäre, intensiv und ohne den Erfolgsdruck zu arbeiten. Aber mancher junge Mensch braucht den Vergleich mit anderen, um sich selbst einschätzen zu können. Ich habe je nach Persönlichkeit, Fortschritt etc. auch schon deutlich abgeraten! Das hängt sehr von dem einzelnen Studenten ab.
Sie haben bei Sándor Végh in Salzburg studiert. Inwiefern war er für Sie prägend?
Sandor Vegh war insbesondere prägend, weil seine Arbeit mich wieder an die wunderbare Arbeit meines ersten Lehrers Dietmar Mantel erinnerte. Die fantasievolle Arbeit von Vegh war eine wundervolle Weiterführung der Arbeit von Mantel und so hat sich ein Kreis geschlossen. Leider sind inzwischen alle 3 Lehrer von mir verstorben, die ich noch gerne zu der einen oder anderen Frage gesprochen hätte!
Ein Hauptteil Ihrer Arbeit ist mit dem Streichquartett Arcanto. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Das Arcanto-Quartett ist für mich (und meine Kollegen hoffentlich auch :-)) der wunderschönste 'Zeitvertreib'. 2002 haben wir uns bei einem Festival in der Provence getroffen und das erste Programm zusammen gespielt. Dem waren verschiedene Kammermusikerfahrungen in fast allen möglichen Varianten vorausgegangen. Da wir oft ähnliche musikalische Zielvorstellungen haben und uns außerdem menschlich sehr gut verstehen, würde ich gerne von einem Glücksfall sprechen. Hoffentlich spielen wir noch mindestens 10 weitere Jahre zusammen, erarbeiten noch viele weitere Meisterwerke gemeinsam und haben noch mehr Freude an der gemeinsamen Arbeit!
Was schätzen Sie beim Streichquartettspiel besonders im Vergleich zum Konzertieren als Solistin?
Ich schätze insbesondere die Möglichkeit einer gemeinsamen Weiterentwicklung, sowohl menschlich als auch musikalisch. Da diese Bereiche für eine künstlerische Aussage immer zusammen gehören, kommen Kammermusiker meiner Meinung nach zu tieferen Erfahrungen, als dies bei der Arbeitsweise eines Symphonieorchesters jemals möglich wäre. Welch ein Glück, dass man als Quartett auch nach Jahren der Beschäftigung mit einem Werk immer wieder neue Ansätze ausprobiert, zum hundertsten Mal schwere Stellen auf Intonation übt usw. Das kann wirklich ein großes Vergnügen sein, wenn man an der gemeinsamen Vibration der Instrumente und am Gleichklang der Gedanken seine Freude haben kann. Manchmal heißt unsere Devise allerdings auch 'jeder wie er will', wenn wir uns über den Rahmen der gemeinsamen Interpretation klar geworden sind und die Partitur einen solch individuellen Umgang mit dem thematischen Material hergibt...
Sie haben sich sehr intensiv mit dem Viola-Konzert von Bartók beschäftigt. Was fasziniert Sie an Bartók und was gerade an diesem Werk?
An Bartoks Violakonzert fasziniert mich der Zustand, in dem Bartok es uns aufgrund seines frühen Todes hinterlassen musste und die Auseinandersetzung mit dem geistigen Erbe. Vielleicht war es sogar das erste Werk, bei dem ich den eklatanten Unterschied von 'Tradition' zu tatsächlich vom Komponisten geschriebenen Skizzen erkennen konnte.
Ich sage heute keineswegs, dass ich wüsste, was Bartok beabsichtigt hat – aber ich bin mir sicher, dass auch sein Schüler Tibor Serly und sein Sohn Peter Bartok mit den beiden zurzeit gültigen Fassungen die Absicht des Komponisten NICHT zweifelsfrei erkennen konnten.
Mich würde sehr interessieren, was ein Komponist wie Kurtag oder auch Eötvös aus den Skizzen herauslesen würden, um die weißen Stellen in den Orchesterstellen zu ergänzen.
Als Interpretin aber auch als Lehrerin finde ich es einen faszinierenden Vorgang, die Partitur zu 'befragen', möglichst viele Werke des betreffenden Komponisten zu kennen, um seine eigene Tonsprache und musikalische Grammatik zu erlernen. Auch hier geht es mir weniger um das fertige Produkt als um den Weg, wie ein junger Mensch zu einer persönlichen Sicht auf eine Partitur findet. Denn das ist doch der einzige Grund, warum man uns Musiker noch nicht durch Maschinen ersetzt hat. Wenn es eine gültige, perfekte Lesart gäbe, Tempo und Dynamik nur vom Komponisten abhinge und keiner Variation durch Saalakustik, Tagesform, persönliche Interpretation unterläge, dann könnte man ja Computer spielen lassen! Aber zum Glück geht es um den menschlichen Aspekt, die Fähigkeit, Zeit scheinbar stehenzulassen, gemeinsames Atmen zu ermöglichen und und und...
Gibt es auch noch andere Werke, mit denen Sie sich mit der gleichen Intensität auseinandergesetzt haben?
In den letzten Jahren habe ich mich sehr intensiv mit dem Werk Paul Hindemiths beschäftigt und versuche, beim Konzert durch meine Lesart ein vergnügliches Hörerlebnis beim Hörer zu erzeugen, aber es gibt weniger Zweifel an der Absicht des Komponisten, da er sehr genau notiert hat und selbst so sehr aus der Praxis kam, dass es nicht viel Raum für verschiedene Fassungen gäbe – aber Platz für verschieden Lesarten durchaus!
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 05.02.2013
© Foto: Marco Borggreve
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