Vladimir Ashkenazy im Interview

«Ich bin immer offen für Neues.»
Vladimir Ashkenazy, 1937 geboren in Gorki, Sowjetunion, heute Nischnij Nowgorod, begann seine Musikerlaufbahn als Pianist und wurde als Dirigent weltberühmt. Im Alter von sechs Jahren begann Ashkenazy das Klavierspital und studierte später am renommierten Moskauer Konservatorium. 1963 emigrierte er mit seiner Familie nach England, sechs Jahre später nach Island. Seit 1982 lebt Ashkenazy in der Schweiz. Als Pianist gewann er zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Seine pianistische Aufnahmetätigkeit ist umfangreich wie bei kaum einem zweiten Pianisten. Mitte der 70er Jahre begann Ashkenasy seine Tätigkeit als Dirigent. Von 1987 bis 1994 war er Leiter des Royal Philharmonic Orchestra. Von 1989 bis 1999 leitete er als Nachfolger von Riccardo Chailly das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin. Danach hatte er bis zum Jahre 2003 die Leitung der Tschechischen Philharmonie inne. Gastdirigate führen ihn rund um die Welt.
Classicpoint.ch: In Ihren ersten 14 Lebensjahren sind Sie in einer acht Quadratmeter, zwei mal vier Meter, grossen Wohnung aufgewachsen. Die Möblierung bestand aus einem Elternbett, einem Holzverschlag mit Tisch und einem Klavier. Küche und Toilette teilten Sie mit vier anderen Familien. Was hat Ihnen die Musik damals bedeutet und gegeben?
Als 6-jähriger Junge kannte ich nichts anderes und war sehr glücklich. Mein Vater war Pianist, und als mich meine Eltern gefragt haben, ob ich auch ein Instrument lernen möchte, war klar, dass ich das Klavierspielen wählen würde. Als meine Mutter realisierte, wie schnell ich Fortschritte im Klavierspielen machte, zeigte sie mir alle Arten von Musik. Ich spielte schon bald viele Klavierauszüge von Opern und Symphonien. Ich entdeckte viel und war, wie gesagt, sehr zufrieden.
Sie haben die Zeit unter Stalin noch selbst miterlebt. 2003 haben Sie das Projekt „Prokofiev and Shostakovich Under Stalin“ auf die Beine gestellt.
Ja, ich nahm den 50. Todestag von Stalin zum Anlass, um ein Konzert mit Musik von den Komponisten Prokofiew und Shostakovich aus dieser Zeit aufzuführen. Ich habe versucht, ein möglichst breitgefächertes Programm zusammenzustellen, das die für die Komponisten schwierige Zeit unter Stalin dokumentieren sollte. Wir haben das Programm in einer Tournee zur Aufführung gebracht.
Sie haben sich, wie Sie in einem Interview sagen, nie gross für das Dirigieren interessiert. Wie ist es dennoch dazu gekommen, dass Sie ein weltweit bekannter Dirigent geworden sind?
Schon als kleiner Junge war ich an symphonischer Musik viel interessierter als am Klavierrepertoire. Ich habe viel mehr Aufnahmen von Symphonien gehört als von Klavierkonzerten. Am Dirigieren war ich in der Tat nie gross interessiert. Ich dachte, das sei sehr schwierig und ich hätte noch viel Zeit, um das zu lernen. Später konnte ich ein paar erste Erfahrungen bei Benefizkonzerten mit dem Orchester meines Schwiegervaters, der Dirigent eines Amateurorchesters war, sammeln. Ich plante nicht, weiter als Dirigent aufzutreten, da ich dachte, es sei zu schwierig. Es war ein "Unfall", der mich dann wirklich zum Dirigieren gebracht hat. In den 1970er Jahren war geplant, dass Daniel Barenboim zwei Klavierkonzerte dirigieren würde, eins mit mir und ein zweites mit Pinchas Zuckerman. Als Zuckerman absagen musste, schlug Daniel Barenboim spontan vor, den Klavierpart zu übernehmen und ich solle dirigieren. Weil ich das Konzert in- und auswendig kannte, war ich einverstanden. Das Orchester fragte mich nach dem Konzert, ob ich nicht Lust hätte, ab und zu ein Gastdirigat zu übernehmen. Mittlerweile dirigiere ich seit über 30 Jahren.
Kann Ihr Wort, als weltbekannter Pianist und Dirigent bewusst eingesetzt, auch politisch eine Wirkung haben?
Als öffentliche Person kann ich auf Dinge hinweisen und unterstützend sein. Für politische Einflussnahme reicht das aber meiner Meinung nach nicht aus. Oft ist das Geld die Macht, welche die politischen Entscheide bestimmt. Ich versuche dennoch, immer wieder auf wichtige Dinge hinzuweisen und setze mich gerne für einen guten Zweck ein.
Sie haben als Pianist und Dirigent ein vor allem traditionell sehr umfassendes Repertoire. Wie stehen Sie zur zeitgenössischen Musik?
Es ist schwer, gute zeitgenössische Werke zu finden. Es gibt aber einige wirklich gute Kompositionen, die ich sehr mag. Ich bin auch immer offen für Neues.
Sie sind im Patronatskomitee der „Stiftung für junge Musiktalente Meggen“, welche hochbegabte junge Musiktalente unterstützt. Wie kam es dazu?
Ich wohne selbst in Meggen und es ist mir ein Anliegen, junge Musiktalente zu fördern. Als ich angefragt worden bin, habe ich gerne zugesagt und mit einem Benefizkonzert den Start unterstützt.
Sie sind 1978 in die Schweiz gezogen. Was bedeutet Ihnen dieses Land?
Die zentrale Lage der Schweiz inmitten Europa ist für mich, da ich sehr viel unterwegs bin, ein grosser Vorteil. Ich habe viele Freunde in der Schweiz und habe das Land schon immer geliebt.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 25.03.2011
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