Gotthard Odermatt

«Sich an den Geist von Mozart herantasten»
Neben Einsätzen als freischaffender Oboist in verschiedenen Orchestern pflegt Gotthard Odermatt auch die Kammermusik. Er wirkt als Oboist in Besetzungen vom Duo bis zum Oktett mit und spielte bisher in verschiedenen Kammermusikgruppen wie zum Beispiel der «Banda Classica». Weiter tritt er in den beiden von ihm gegründeten Kammermusikformationen auf, dem «Ensemble Armonico» und dem «Krommer-Bläserensemble».
Als Komponist gelangte Gotthard Odermatt 2004 mit seinem «Bläseroktett in D-Dur, Op. 15» an die Öffentlichkeit. Dieses wurde ein Jahr später auch durch das Zürcher Kammerorchester aufgeführt. 2006 folgte das «Bläserquintett in E-Dur, Op. 16», 2009 «Zeit und Stunde, Op. 17», für gemischten Chor und Harfe. 2010 erschien beim Label DECCA eine CD von Albrecht Mayer, dem Solo-Oboisten der Berliner Philharmoniker, und dem Orchester «Academy of St. Martin in the Fields», auf welcher unter anderem das erste Bild, «Eté», des dreiteiligen Werkes für Solooboe und Orchester «Trois Images pour hautbois et orchestre, Op. 18», eingespielt wurde. 2012 folgen weitere Uraufführungen: In der Tonhalle Zürich das «Concertino für Oboe d'amore und Streicher, Op. 19», ebenfalls mit Albrecht Mayer als Solist, und im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie die «Fünf Miniaturen, Op. 20», für Fagott solo, mit Stefan Schweigert, Solo-Fagottist der Berliner Philharmoniker.
Sie haben selbst Oboe studiert und komponieren mehrheitlich für Blasinstrumente. Ist es ein entscheidender Unterschied, ob man selbst ein Instrument spielt, um zu komponieren, oder spielt das letztlich keine grosse Rolle, oder ist es in gewisser Hinsicht sogar hinderlich?
Wenn man selber ein Instrument spielen kann, für das man komponiert, ist das natürlich ein Vorteil. Man kennt die spezifischen Eigenheiten und kann somit die Vorzüge hervorheben, und die Schwierigkeiten berücksichtigen. Gerade bei einem Solowerk ist es eine meiner zentralen Bestrebungen beim Komponieren, das Soloinstrument in den schönsten Tonlagen und Klangfarben zu präsentieren, sprich «für» und nicht «gegen» das Instrument zu schreiben.
Natürlich ist es nicht möglich, jedes Instrument zu beherrschen, für das ich komponiere. Dies muss aber auch nicht der Anspruch eines Komponisten sein. Neben der Oboe, der Oboe d’amore und dem Englischhorn faszinieren mich viele andere Instrumente. Um Streich- und Perkussionsinstrumente besser zu verstehen, habe ich Unterricht im Violinspiel und Schlagzeugspiel genossen und pflege mit Berufsmusikerkollegen einen ständigen und regen Austausch, um mich weiterzubilden. Für das harmonische Verständnis, das mehrstimmige Empfinden, die Stimmführungen und weitere tonsatztechnische Belange, ist das Klavierspiel wohl das Wichtigste beim Komponieren. Die Grundlagen der Klarinette, des Fagottes und des Saxophons habe ich mir autodidaktisch beigebracht. Mit letzterem habe ich sogar auch einmal in einer Bigband mitgespielt.
Mein Hauptinstrument, die Oboe, gilt als ein schwer zu lernendes Instrument. Dies erachte ich aber als Vorteil für das Komponieren. Ich bin dadurch noch sensibilisierter für instrumentenspezifische Eigenheiten.
Komponieren Sie heute mehr als Sie Oboe spielen oder ist es umgekehrt?
Gerade jetzt in dieser Coronazeit hatte ich wie alle freiberuflichen Oboisten nur wenige Auftritte. Als Komponist habe ich zunehmend mehr Anfragen, was mich sehr freut und mich in meiner kompositorischen Tätigkeit bestärkt.
Sie haben bereits einige Auftragswerke von den Berliner Philharmonikern erhalten und von deren Musiker. Wie ist es dazu gekommen?
In der Regel spielen sehr viele verschiedene Faktoren eine Rolle, um solche Anfragen zu erhalten. Neben Fleiss, Beharrlichkeit, der berühmten Gunst der Stunde und einem Quäntchen Glück ist es auch die Pflege der persönlichen Kontakte, welche enorm wichtig ist. Wenn niemand weiss, dass ich komponiere, kommt auch niemand auf die Idee, mich für eine Komposition anzufragen. Kennt man mich, darf ich mich bei jedem Werk aufs Neue beweisen.
Der Kontakt zum Oboisten Albrecht Mayer und somit auch dem Orchester der Berliner Philharmoniker entstand im KKL Luzern. Albrecht war von meinen Kompositionen sehr angetan, weshalb ich zahlreiche Kompositionen für ihn komponiert habe. Gleichzeitig entstand eine Freundschaft. Durch die Kompositionen für Albrecht Mayer sind auch andere Mitglieder der Berliner Philharmoniker auf mich zugekommen, für welche Kompositionen für weitere Instrumente entstanden sind.
Aktuell haben Sie im Auftrag des Solo-Oboisten der Berliner Philharmoniker Alberecht Mayer ein neues Werk geschrieben. Wie ist es zu diesem Auftrag gekommen?
Bei dieser aktuellen Komposition, die bei Deutsche Grammophon erschienen ist, handelt es sich um einen speziellen Auftrag. Mozart hinterliess ein Fragment eines Oboenkonzertes in F-Dur, KV 293, welches nur 50 Takte umfasst, danach sind noch die ersten 19 Takte der Solostimme erhalten. Es ging darum, das Fragment im Stile Mozart zu vervollständigen.
Albrecht Mayer spielte bereits 2004 die Fassung von Robert Levin bei der Deutschen Grammophon ein. Begleitet wurde er vom Mahler Chamber Orchestra unter der Leitung von Claudio Abbado. Angeregt durch den Wunsch, die Solostimme «oboistischer» gestaltet zu haben, kam Mayer vor einigen Jahren mit der Anfrage auf mich zu, dieses Fragment zu vervollständigen. Anfangs hatte ich grossen Respekt vor der Aufgabe, ein Werk Mozarts in seinem Stil fertig zu komponieren, doch als er dann im Zusammenhang mit diesen CD-Aufnahmen erneut auf mich zukam, hatte ich die Idee bereits genügend lange in mir herumgetragen und ich entschloss mich, den Auftrag anzunehmen.
Was genau war der Auftrag? Hatte Albrecht Mayer auch im Kompositionsprozess Einfluss?
Der Auftrag war, den ersten Satz des Oboenkonzertes KV 293 im Stile Mozarts zu vervollständigen. Nachdem ich die Komposition abgeschlossen hatte, schlug Albrecht Mayer besonders bei der Oboenstimme noch verschiedene Varianten vor, welche ich dann in die Komposition einfliessen liess. Die ganze Erfahrung, welche er als Orchestermusiker und Solist bisher gesammelt hat, gerade auch mit Mozarts Musik, haben mich sehr beeindruckt und unsere Zusammenarbeit tiefgründig gemacht und unbeschreiblich bereichert.
Nach Beendigung der Komposition des ersten Satzes und dessen Aufnahme in Deutschland mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen hatten wir beide derart Freude am Ergebnis, dass wir uns bereits Gedanken über einen zweiten und dritten Satz machen. Somit gäbe es dann für die Oboisten ein weiteres vollständiges Oboenkonzert. Diese weiteren Sätze müsste ich dann von Grund auf neu komponieren. Wir haben zwar nach Fragmenten gesucht, auf die ich mich stützen könnte, aber noch nichts gefunden.
Wie würden Sie das Werk beschreiben?
Wie bereits geschildert, war es für Albrecht Mayer ein wichtiges Anliegen, dass die Solostimme auf die Oboe zugeschnitten ist. Bei der ganzen Harmonik, der Struktur, den Proportionen und den Stimmführungen habe ich viele Partituren Mozarts studiert und mich auch an den anderen Instrumentalkonzerten Mozarts orientiert, mit besonderem Augenmerk auf seine Bläserkonzerte. Auch seine Kammermusikwerke, im Besonderen das Oboenquartett KV 370, dienten mir als Vorlage und Inspiration. Bezüglich Tonumfang und den spieltechnischen Möglichkeiten orientierte ich mich sowohl bei der Oboe wie auch bei den Orchesterinstrumenten an den damaligen Möglichkeiten. Dies gilt zum Beispiel für die klassischen Hörner. Der Satz ist formal im Sinne der klassischen Sonatenhauptsatzform aufgebaut.
Die typischen Elemente der Wiener Klassik sind als Grundlage wichtig und dienlich, aber als noch viel wichtiger erachte ich es, sich quasi an den «Geist» Mozarts heranzutasten. Dafür bin ich unter anderem extra nach Wien gereist, um die noch erhaltenen Wirkungsstätten des Komponisten zu besuchen und mich zu inspirieren. Das Komponieren im Stile Mozarts war elektrisierend für mich, ja, sogar berauschend und ich spürte förmlich, wie viel Lust der Mensch Mozart beim Komponieren gehabt haben muss. Diese Lust wollte ich auch in meine Komposition einfliessen lassen.
Was ist für Sie wichtig beim Komponieren?
Beim Komponieren ist für mich wichtig, dass ich genügend Zeit und Ruhe habe und dass ich ganz bei mir sein kann. Dann kann ich ganz in meine Musik eintauchen. Besonders angenehm ist es, wenn es mir gelingt, vorher möglichst alle aktuellen Pendenzen erledigt zu haben. Ich gehe auch gerne in die Natur, um Energie zu tanken.
Wenn Sie die aktuellen Neukompositionen anderer Komponisten anschauen, was gefällt Ihnen und wo haben Sie eher Mühe?
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die stilistische Breite bei Kompositionen gerade in der heutigen Zeit ist ja riesig, wie auch die Anzahl der komponierten Werke. Ich finde es spannend, wenn Komponistinnen und Komponisten neue Wege gehen und überzeugende Konzepte realisieren können. Das Wichtigste finde ich persönlich, dass die Musik in irgendeiner Form das Herz berührt. Das ist für mich das Wesentliche. Hat eine Komposition einen rein intellektuellen Ansatz, spricht sie mich auch vorwiegend «nur» in meinen Kopf an. Dabei steht für mich nicht die Stilfrage im Vordergrund, ob nun etwas «moderner» oder «weniger modern» daherkommt.
Was sind Ihre nächsten Projekte?
Gegenwärtig komponiere ich eine symphonische Dichtung für ein grosses Orchester sowie eine Sonate für Tuba und Klavier. Ein Werk für ein Trio mit Oboe, Fagott und Klavier ist in Planung. Weitere Werke für Albrecht Mayer sind in Vorbereitung, wie auch weitere Kammermusikwerke.
Welche Leidenschaften haben Sie neben der Musik?
Ich mag Sport und bin in einem Tischtennisclub, gehe gerne in die Natur und liebe Tiere. Im Weiteren bin ich Science Fiction Fan. In meiner Freizeit besuche ich gerne gute Restaurants, liebe gute Gespräche und reise gerne, wobei letzteres auch immer wieder im Zusammenhang mit der Musik stattfindet.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 19.04.2021
Weitere Interviews
Interview mit Lukas Sternath
Interview mit Tianwa Yang
Interview mit Ilya Shmukler
Interview mit Thomas Zehetmair
Interview mit Gabriela Scherer
Interview mit Sophie Pacini
Interview mit Kartal Karagedik
Interview mit Ariel Lanyi
Interview mit Anton Mejias
Interview mit Nathan Henninger
Interview mit Adriana González
Interview mit Philippe Tondre
Interview mit Konstantin Krimmel
Interview mit Anna Sułkowska-Migoń
Interview mit Hanni Liang
Interview mit Seong-Jin Cho
Interview mit Pablo Barragán
Interview mit Katharina Konradi
Interview mit Lena-Lisa Wüstendörfer
Interview mit Erika Grimaldi
Interview mit Sergei Babayan
Interview mit David Fray
Interview mit Jonathan Bloxham
Interview mit Benjamin Zander
Interview mit Eldbjørg Hemsing
Interview mit Gwendolyn Masin
Interview mit Moritz Eggert
Interview mit Julia Hagen
Interview mit Hannah Schlubeck
Interview mit Andre Schoch
Interview mit Nicholas Carter
Interview mit Reed Tetzloff
Christiane Karg im Interview
Interview mit Jens Lohmann
Sebastian Bohren im Interview
Michael Barenboim im Interview
Gil Shaham im Interview
Fabio Di Càsola im Interview
Daniel Dodds im Interview
Alexey Botvinov im Interview
Lucas und Arthur Jussen im Interview
Max Volbers im Interview
Dirk Joeres im Interview
Beatrice Rana im Interview
Alexander Bader im Interview
Irina Lungu im Interview
Anna Fedorova im Interview
René Jacobs im Interview
David Helfgott im Interview
Helena Winkelman im Interview
John Adams im Interview
Moritz Winkelmann im Interview
Emmanuel Pahud im Interview
Matthias Goerne im Interview
Nadège Rochat im Interview
Rafael Rosenfeld im Interview
Stanley Dodds im Interview
Kaspar Zehnder im Interview
Kim Bomsori im Interview
Daniel Behle im Interview
Maximilian Hornung
Titus Engel im Interview
Renaud Capucon im Interview
Teo Gheorghiu im Interview
Chen Halevi im Interview
Alexander Melnikov im Interview
Sebastian Knauer im Interview
Alexandra Dariescu im Interview
Christian Knüsel im Interview
Patrick Demenga im Interview
Adrian Brendel im Interview
Ragnhild Hemsing im Interview
Markus Stenz im Interview
Elisabeth Fuchs im Interview
Giovanni Allevi im Interview
Maxim Vengerov im Interview
Alexander Krichel im Interview
Michael Francis im Interview
Manfred Honeck im Interview
SoRyang im Interview
Sebastian Klinger im Interview
Matthias Kirschnereit im Interview
Felix Klieser im Interview
Bertrand Chamayou im Interview
Amit Peled im Interview
Olga Scheps im Interview
Angela Gheorghiu im Interview
Ilker Arcayürek im Interview
Cédric Pescia im Interview
Max Emanuel Cencic im Interview
Franco Fagioli im Interview
Simon Höfele im Interview
Christoph Croisé im Interview
Piotr Anderszewski im Interview
Andreas Ottensamer im Interview
Midori im Interview
Philippe Herreweghe im Interview
Chen Reiss im Interview
Mario Venzago im Interview
Marina Rebeka im Interview
Saimir Pirgu im Interview
Elīna Garanča im Interview
Vadim Gluzman im Interview
Rolando Villazón im Interview
Maestro Long Yu im Interview
Leonard Elschenbroich im Interview
Evgeny Kissin im Interview
Corina Belcea im Interview
Regula Mühlemann im Interview
Danjulo Ishizaka im Interview
Kian Soltani im Interview
Francesco Piemontesi im Interview
Nigel Kennedy im Interview
Stefan Temmingh im Interview
Steven Sloane im Interview
Yulianna Avdeeva im Interview
Martin Jaggi im Interview
Franz Welser-Möst im Interview
Iván Fischer im Interview
Ivan Monighetti im Interview
Kent Nagano im Interview
Steven Isserlis im Interview
Herbert Schuch im Interview
Jan Lisiecki im Interview
Jörg Widmann im Interview
David Philip Hefti im Interview
Robert Groslot im Interview
Paul Meyer im Interview
Nicolas Altstaedt im Interview
Khatia Buniatishvili im Interview
Jean-Yves Thibaudet im Interview
Jan Vogler im Interview
Luca Pisaroni im Interview
Andreas Staier im Interview
Arabella Steinbacher im Interview
Julian Steckel im Interview
Lisa Batiashvili im Interview
Vadim Repin im Interview
Martin Stadtfeld im Interview
Klavierduo Hans-Peter und Volker Stenzl im Interview
Teodoro Anzellotti im Interview
Martin Helmchen im Interview
Frank Bungarten im Interview
Mischa Maisky im Interview
Reinhold Friedrich im Interview
André Rieu im Interview
Simone Kermes im Interview
Jonas Kaufmann im Interview
Claudio Bohórquez im Interview
Ilya Gringolts im Interview
Antje Weithaas im Interview
Daniel Müller-Schott im Interview
Albrecht Mayer im Interview
Rudolf Kelterborn im Interview
Noëmi Nadelmann im Interview
David Garrett im Interview
Erwin Schrott im Interview
Pieter Wispelwey im Interview
Tabea Zimmermann im Interview
Johannes Moser im Interview
Isabelle van Keulen im Interview
Miklos Perényi im Interview
Patricia Kopatchinskaja im Interview
Howard Griffiths im Interview
Sabine Meyer im Interview
Xavier de Maistre im Interview
Thomas Demenga im Interview
Daniel Hope im Interview
Sir James Galway im Interview
Christian Poltéra im Interview
David Zinman im Interview
Günter Pichler im Interview
Rudolf Buchbinder im Interview
Kim Kashkashian im Interview
Rainer Schmidt vom Hagen Quartett im Interview
Julia Fischer im Interview
Maurice Steger im Interview
Sol Gabetta im Interview
Anne-Sophie Mutter im Interview
Vladimir Ashkenazy im Interview
Graziella Contratto im Interview
Newsletter
Für Veranstalter
Sie möchten mehr Besucher für Ihre Konzerte?
Informieren Sie sich über die Möglichkeiten dieses Portals.
Konzert-Suchabo
Bei einem Konzert-Suchabo erhalten Sie für die von Ihnen ausgewählten Kantone/Bundesländer immer ein Email sobald dort ein neues Konzert eingetragen worden ist. Sie können den Dienst jederzeit wieder abbestellen.
























































































































































































