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Tianwa Yang

Tianwa Yang im aktuellen Interview.

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Frank Bungarten im Interview

Frank Bungarten

«Ich war lebenslang eine Provokation für die Gitarren-Szene.»

Frank Bungarten nimmt eine Ausnahmestellung unter den heutigen Gitarristen ein. Einerseits durch seine künstlerische Haltung eines klaren Bekenntnisses zur "alten Schule", der Werktreue und kompromisslosen musikalischen Wahrheitssuche, andererseits durch die Breite und Nachhaltigkeit seines Erfolgs, der weit über die reine Anerkennung durch die Gitarrenwelt hinausgeht.

Classicpoint.ch: Sie kommen von der improvisierten Musik und haben auf der Gitarre als Autodidakt angefangen. Ist das typisch für das Instrument Gitarre?
Ja, in der Zeit meiner Anfänge, den 60er und 70er Jahren, war das eigentlich immer so und in vieler Hinsicht gut. Ich möchte gerade meine Jahre in der "free music" -Welt niemals missen. Vor allem die anti-hierarchische Haltung und die gesteigerte Aufmerksamkeit im Hören und Kommunizieren. Das Autodidaktische hat ausgerechnet mein Unterrichten entscheidend geprägt. Heute kommt der "Nachwuchs" der klassischen Gitarre überwiegend aus dem Osten und hat einen vollkommen anderen Hintergrund. Der Nachwuchs in den westlichen Ländern hat sich derweil dezimiert.

Die klassische Konzert-Gitarre besetzt einen Nischenplatz in der Klassik, währenddem sie in der Pop/Rock-Musik ein ganz wichtiges Instrument ist. Warum ist die Gitarre in der Klassik bis jetzt nie vergleichsweise bedeutend geworden?
Das war sie doch, in den Tagen von Segovia und Bream! Warum haben wir jungen Menschen wohl in einer Zeit, in denen wir die Legenden der Rockmusik auf dem Höhepunkt ihres Wirkens erleben durften, in der Klassischen Gitarre etwas ebenso Überwältigendes und sogar eine noch größere Verheissung gesehen?
Julian Bream hat rückblickend gesagt: "It was in the air". Diese geheimnisvolle Anziehungskraft der Gitarre beim Publikum, die ich bis in die 90er auch als Ausübender erlebte, hatte mit einer gesellschaftlichen Stimmung und einer bestimmten Kultur des Hörens zu tun. In der zunehmenden akustischen und visuellen Vermüllung, die ich als Gewalt empfinde, haben es die feineren Dinge zusätzlich schwer. Allerdings bin ich auch nie mit einer Mission angetreten, der Gitarre mehr Bedeutung zu erlangen. Wenn ich meine Sache so machen kann, wie ich sie hören will und dafür Zuhörer finde, ist es für mich in Ordnung.

Während an den Musikhochschulen Streicher, Pianisten und Bläser in Kammermusik und Orchesterprojekten viel miteinander arbeiten, sind die Gitarristen meist alleine für sich oder unter sich. Sind Gitarristen Einzelgänger?
Ich bin es als Person. Aber als Musiker war ich immer mit Instrumentalisten aller Gattungen befreundet und im Austausch. Die Zusammenarbeit mit der Flötistin Andrea Liebknecht bei unseren CDs war geradezu symbiotisch und in letzter Zeit spiele ich häufig mit Ensembles oder Orchester. Das trägt z.B. sehr zur Erschliessung neuen Publikums bei. Im Rahmen der Musikhochschule suche ich bewusst Studenten mit ausgeprägter Persönlichkeit, bereite sie aber auf ein Leben mit viel kammermusikalischen Aktivitäten vor. Meiner Beobachtung nach sind die meisten Gitarre-Studenten weder stark genug für ein Instrument, mit dem man natürlicherweise Solist ist, noch stark genug, den anderen Instrumenten als Partner auf Augenhöhe zu begegnen.
Deshalb entsteht dann aber kein Einzelgängertum, sondern "Gitarren-Szene".

Sie sind Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Spielen Ihre Studenten eigentlich alle auch Rockmusik und Jazz neben der Kunstgitarre oder gilt das als verpönt?
Die guten Leute spielen immer noch auch E-Gitarre, improvisieren, malen, dichten; alle machen, was sein muss. Bei mir sind nur Beliebigkeit und Unwahrhaftigkeit verpönt, egal in welcher Stilrichtung. Den größten Teil des heute um Aufmerksamkeit winselnden "Crossover"-Mummenschanzes würde ich sofort gegen ein einziges Riff von Billy Gibbons eintauschen, der sagte: "Wir spielen nur drei Akkorde, aber auf die Reihenfolge kommt es an."

Sie spielen mit Ihrer Gitarre auch Literatur, welche nicht für dieses Instrument komponiert wurde wie z.B. die Sonaten für Violine solo von Bach. Wie legitimieren Sie das?
Ich lege Wert auf die Feststellung, dass meine Version der Sonaten und Partiten für Violine von Bach die einzige Transkription ist, die ich spiele. Für ein solches Projekt muss ich eine künstlerische Notwendigkeit empfinden, aus der Sache heraus. Ich wusste, dass ich bestimmte Aspekte dieser Musik anders oder sogar besser zur Geltung bringen kann als ich es bis dahin gehört hatte, also musste ich es versuchen. Darüber hinaus habe ich mir nie Gedanken gemacht.

Gerade die Solowerke von Bach für Violine oder Cello gelten für viele Cellisten und Geiger als heilig. Sie haben wenig Verständnis, wenn diese Werke mit anderen Instrumenten interpretiert werden. Haben Sie schon Feedbacks in dieser Art erhalten?
Seit dreissig Jahren erhalte ich gerade von dieser Seite nur positives Feedback. Vorbehalte gab es zuerst von der Plattenfirma, was sich mit dem Erfolg der Aufnahme auch erledigt hat.
Geiger waren immer meine dicksten Freude, bis heute, konstruktiv und voller gegenseitigem Respekt. Musiker einer bestimmten Qualität und Haltung erkennen und verstehen sich ganz von allein. Im Zug einer ehrlichen künstlerischen Suche lösen sich Grenzen und Begriffe auf, auch zwischen den Menschen. Die wesentliche Frage, die sich heute allen Bach-Interpreten, heilig oder unheilig stellt, ist, wie sie den unleugbaren Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis begegnen.

Die Gitarre ist eigentlich prädestiniert für polyphone Musik. Trotzdem kennt man hauptsächlich melodiöse Stücke mit Akkorden unterlegt. Wie erklären Sie sich das?
Der letzte komponierende Gitarrist, der sich wirklich polyphon auf dem Griffbrett zu bewegen vermochte, war Fernando Sor, gestorben 1839 in Paris. Um so natürlich polyphon zu schreiben wie Sor oder die Meister des 16. Jahrhunderts muss man das Instrument genial beherrschen. Es ist tatsächlich so schwer und Komponisten, die nicht Gitarre spielen, verzweifeln häufig daran. In den "24 Caprichos de Goya" von Castelnuovo-Tedesco ist, nach langer qualifizierter Beschäftigung mit der Materie, ein Werk entstanden, in dem verschiedenen Stimmen sogar ständig unterschiedliche Dynamik und Artikulation abverlangt werden. Man bewegt sich dort immer an der äussersten Grenze, aber es ist auch das vollständigste und eindrücklichste Gitarrenwerk, das zeigt, was möglich ist.
Dass sowohl Musiker als auch Publikum gerne den Weg des geringeren Wiederstands einschlagen und darin von Erziehung und Gesellschaft bestärkt werden, ist ja nicht nur ein Problem der Gitarre. Ich habe auch gern Spass, aber von einem kulturpolitischen Standpunkt hätte ich auch nichts dagegen, mal wieder die Standards des 16. Jahrhunderts und ihre Begriffe von "Meisterschaft" einzuführen.

Sie haben bereits zweimal den Echo-Klassik-Preis erhalten. Was bedeutet er Ihnen und der Gitarren-Szene?
Mit allem, was ich so mache, meiner radikalen Unterrichtsphilosophie im Besonderen, aber auch der Wahl des Repertoires, des  Instruments, bis hin zu Fragen des äußeren Auftretens, war ich lebenslang eine Provokation für die Gitarren-Szene. "Szene" bedeutet auf Dauer Anpassung und Mittelmass. Dennoch gibt es dort Leute, die sagen: Wenn wenigstens er Erfolg hat, ist es doch letztlich gut für uns alle.

Von welchem lebenden Komponisten würden Sie gerne neu komponierte Gitarrenmusik spielen oder hören?
Gerade bereite ich die Uraufführung eines umfangreichen neuen Werkes für Live-Elektronik, Tasteninstrumente und Gitarre des jungen Komponisten Damian Marhulets vor, auf die ich mich gespannt freue. Ich bin in der Hinsicht offen, aber nicht auf der Suche. Ich wünsche mir an sich nicht MEHR Musik, sondern mehr Stille, aus der heraus die Musik wirken kann.

Welches Stück empfehlen Sie Klassikbegeisterten, welche die Konzert-Gitarre noch nicht wirklich kennen?
Das ist eine sinnvolle Frage, die ich dennoch nicht so einfach beantworten kann, da ich nicht weiss, was sich die verschiedenen Menschen unter Musik vorstellen und wie offen sie hören können. Mit einer solchen Frage im Hintergrund habe ich vor einigen Jahren die CD "Cancion y Danza" aufgenommen, mit der Vorstellung von einem unvoreingenommenen Hörer, der vielleicht sogar der Klassik fern steht. Gedacht als ein "teaser", der vielfältigen Zugang eröffnet unter Vermeidung jeglicher "Hits". Generell empfehle ich, jedes Stück, das einem zufällig begegnet, offenen Herzens zu hören, aber die Interpretationen zu vergleichen! Und dabei auf die Aufnahmequalität und und die Güte der Anlage zu achten.


Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 2.6.2014

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