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Elena Stikhina

Elena Stikhina im aktuellen Interview.

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Moritz Winkelmann im Interview

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«Als Hörer gibt mir jede Musik etwas.»

Während die Stuttgarter Zeitung die „faszinierende und enorme Ausdruckskraft“ in Moritz Winkelmanns Klavierspiel hervorhebt, bezeichnet ihn die Hildesheimer Zeitung als „Pianistenpersönlichkeit“ und „Ausnahmekünstler“. Moritz Winkelmann konzertiert auf der ganzen Welt und ist Preisträger des Bonner Beethoven-Wettbewerbs. Er musizierte u.a. zusammen mit Itzhak Perlman, Stefan Blunier, Helmut Lachenmann und Wolfram Christ und spielte als Solist mit dem Bonner Beethovenorchester, dem Kölner Kammerorchester, dem Kurpfälzischen Kammerorchester und den New York Classical Players. Über seine Aufführung des 2. Klavierkonzerts von Franz Liszt mit dem dem Staatstheater Niedersachsen schrieb die Hildesheimer Allgemeine Zeitung: „Die musikalische Intensität dieses Ausnahmekünstlers lässt die Komposition zu einem Klangkrimi vom Feinsten reifen.“

Über die letzten Jahre hat sich Moritz Winkelmann einen besonderen Ruf für seine Beethoven-Interpretationen erarbeitet. Im Februar 2022 wird seine Einspielung der drei letzten Sonaten von Ludwig van Beethoven sowie Helmut Lachenmanns Wiegenmusik (1963) und Marche Fatale (2017) bei Hänssler Classic erscheinen.

Seinem 1. Preis beim Richard-Laugs-Wettbewerb Mannheim folgte das Debüt beim Rheingau Musik Festival. Internationale Engagements führten ihn in die Carnegie Hall New York, die Beethovenhalle Bonn, die Slowakische Philharmonie Bratislava, den Mannheimer Rosengarten, die Stuttgarter Liederhalle und ins Beethovenhaus Bonn sowie zu den Schwetzinger Festspielen, dem Schleswig-Holstein Musik Festival, dem Ravinia Festival in Chicago und Music@Menlo in Kalifornien. Konzerttourneen führten ihn neben Europa und die USA auch regelmäßig nach China und Japan. Rundfunkaufnahmen entstanden in Zusammenarbeit mit dem SWR, WDR, DR Kopenhagen, WBJC Baltimore Classical Radio und WFMT Chicago, Fernsehausstrahlungen beim ZDF.

Dem Unterricht bei seinem Großvater Prof. Gerhard Wilhelm folgte ein Grundstudium bei Prof. Michael Hauber an der Musikhochschule Mannheim. Anschließend studierte Moritz Winkelmann als Stipendiat des DAAD und der Studienstiftung des Deutschen Volkes am Peabody Conservatory of Music in Baltimore bei Leon Fleisher, wo er sein Studium mit Auszeichnung abschloss. Auf besondere Weise haben Ferenc Rados und Marisa Somma seine künstlerische Entwicklung gefördert.

2021 folgte Moritz Winkelmann einem Ruf als Professor für Klavier an die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim. Zuvor unterrichtete er an der Musikhochschule Stuttgart sowie am Konservatorium Bern. Er gibt international Meisterkurse und war Jurymitglied internationaler Wettbewerbe. Er war Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg, ist künstlerischer Leiter von Klassik im Klösterle in Weil der Stadt und Träger des Mozart-Preises der Stuttgarter Mozart-Gesellschaft.


Sie werden eine neue Einspielung mit Beethoven, Lachenmanns Wiegenmusik und Marche Fatale veröffentlichen. Wie sind Sie auf dieses Programm gekommen?

Beide sind Komponisten, mit denen ich mich seit vielen Jahren beschäftige. Die Wiegenmusik von Helmut Lachenmann habe ich schon als Teenager gespielt. Zur gleichen Zeit habe ich Helmut auch kennengelernt. Das war bei meinem Großvater, in dessen Chor Helmut als junger Mann gesungen hat. Die Wiegenmusik war das erste atonale Werk, das ich gelernt habe. Allein die Notation war eine Herausforderung. Aber das Stück ist mir im Laufe der vielen Jahre sehr ans Herz gewachsen. Man sage über Neue Musik was man wolle - ich finde die Wiegenmusik wunderschön. Und Beethoven begleitet mich gefühlt schon immer. Seine Musik zieht mich auf sehr mächtige Weise an. Daher wollte ich auf meinem Debüt-Album genau diese beiden Komponisten spielen.
Durch die Weise, wie die Werke auf dem Album angeordnet sind, entsteht ein Hörkontext, der selbstverständlich Gewordenes wieder neu erfahrbar macht. Keines der Werke steht unter dem Einfluss des anderen, die Konturen werden deutlicher durch die gegenseitige Nachbarschaft. Und trotzdem entsteht eine verbindende Atmosphäre, die ich sehr reizvoll finde.

Sie unterrichten an den Musikhochschulen Stuttgart, Bern und neu auch in Mannheim. Können Sie Ihren Unterrichtsstil beschreiben?
An der Musikhochschule Stuttgart und der Musikschule Konservatorium Bern habe ich bis Ende Sommersemester 2021 unterrichtet. Die beiden Stellen habe ich zum Wintersemester 2021/22 für die Professur an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim aufgegeben.

Ich bemühe mich, dass mir möglichst viele Unterrichtsweisen zur Verfügung stehen, mit denen ich den jungen Kolleginnen und Kollegen weiterhelfen kann. Meinen Unterricht möchte ich an die Person, mit der ich arbeite, anpassen. Manche Studierende profitieren mehr von einem „Ich glaube an Sie“, andere sind durch ein „Überzeugen Sie mich“ erst richtig inspiriert. Das zu erkennen ist sehr wichtig, um eine ideale Förderung zu ermöglichen. Alle Menschen sind unterschiedlich. Das macht zum Teil ja auch den Spaß des Unterrichtens aus.

Werden eigentlich heutzutage nicht zu viele Musiker ausgebildet?
Das denke ich nicht. Es gibt natürlich mehr Musikerinnen und Musiker als Stellen in Orchestern und an Hochschulen. Das sind aber nicht die einzigen Tätigkeitsfelder, die Musiker:innen offen stehen. Sehr viele von ihnen leben als Freischaffende. Es ist ein Berufsbild, das je nach Gestaltung und persönlichen Neigungen aus vielen Elementen zusammengesetzt sein kann. Beispielsweise aus einer Kombination aus Privatunterricht, Engagements verschiedener Art und einer regelmäßigen Tätigkeit als Begleiter:in. Das kann sehr erfüllend sein, und in vielerlei Hinsicht von gesellschaftlicher Relevanz. Einerseits auf direkte Weise, wie zum Beispiel im Instrumentalunterricht von Kindern und Jugendlichen oder durch Engagements bei Hochzeiten und Beerdigungen. Aber auch dadurch, dass Musikerinnen und Musiker eines der größten Kulturerbe unserer Zivilisation am Leben erhalten, in sich tragen und weiter geben.

Sie engagieren sich auch bei Kindern zur Bekanntmachung klassischer Musik?
Ja, aus ebendiesem Grund. Wir wissen, dass Kinder, die über ihr Elternhaus nicht mit klassischer Musik in Berührung kommen, in vielen Fällen ein Leben lang keinen Zugang zu dieser Welt bekommen. Dabei kann sie Menschen viel Kraft und Glücksmomente schenken. Es ist schade, wenn dies jemandem verwehrt bleibt. Und es geht dabei auch um die Zukunft und die Moral unserer künftigen Gesellschaft. Bevor ich den Ruf aus Mannheim erhalten habe, habe ich im Unterricht viel mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Zu Wissen, dass es nicht nur darum geht, die Tonleiter gleichmäßig zu spielen, sondern auch darum, mit Musik ein ganzes Menschenleben verändern zu können, hat mich inspiriert und mir auch Kraft gegeben, mich dieser anspruchsvollen Aufgabe anzunehmen. In meiner Konzertreihe „Klassik im Klösterle“ in Weil der Stadt laden wir im Zusammenhang mit den Konzerten Kinder und Jugendliche aus den örtlichen Schulen ein, zu einer Präsentation mit den Künstler:innen ins Klösterle zu kommen. Dort lernen sie die Musiker:innen kennen, erfahren, dass das ein echter Beruf ist, hören Musik - und können natürlich so viele Fragen stellen, wie sie möchten.

Sie sind auch Jurymitglied bei internationalen Wettbewerben. Auf was achten Sie da am meisten?
Beethoven hat es uns ja schon gesagt, worauf wir achten sollen: „Eine falsche Note zu spielen, ist unbedeutend. Ohne Leidenschaft zu spielen, ist unverzeihlich“. Ich achte auf die künstlerische Aussage. Wenn es mich berührt ist das schon ein äußerst starkes Argument. Ich stelle mir vor, wohin die Reise bei der Teilnehmerin oder dem Teilnehmer gehen kann. Wie sehr brennt er oder sie für die Musik, wie stark ist das Bedürfnis, die Töne mit Sinn zu erfüllen und ausdrucksstark zu spielen. Der Musiker:innenberuf ist nicht gerade leicht. Die Herausforderungen sind unzählig, sowohl die inneren als auch die äußeren. Damit meine ich einerseits die künstlerische Auseinandersetzung mit der Musik und sich selbst, als auch den Kraftakt, sich professionell zu etablieren. Wie sehr eine Musikerin oder ein Musiker für die Arbeit brennt, hat schon einen starken Einfluss darauf, wie weit er oder sie sich entwickeln kann. Letztlich entsteht aber natürlich bei einem Wettbewerb ein Gesamtbild, das ich auf mich als Mensch und Künstler wirken lasse. Ich versuche nicht Juror zu sein, sondern Kollege. Kritisieren kann man viel. Es macht mich nicht glücklich, all die Mängel zu bemerken und die Darbietung entsprechend abzuwerten. Ich bin aber als Juror noch verhältnismäßig am Anfang. Bislang habe ich noch keine Erfahrung machen müssen, bei der ich mich zwischen zwei Künstler:innen entscheiden musste, bei denen das eigentlich nicht möglich ist. Ich hoffe, dass es mir nie passieren wird. Das würde mich belasten.

Welche Komponisten und Musikepochen gefallen Ihnen am besten?
Als Spieler bin ich zumindest im Moment am meisten in der Klassik und der Deutschen Romantik zu Hause. Das ist mein Schwerpunkt, aber natürlich keine Eingrenzung. Als Hörer gibt mir jede Musik etwas; ich liebe den Drive von Barockmusik, ich bin überwältigt von Mahler, schmachte mit Rachmaninoff und habe starke Gefühle bei Alban Berg. Und bei Hip-Hop.

Komponieren Sie auch selbst?

Ich komponiere nicht. Das höchste der Gefühle sind Arrangements, die ich dann manchmal als Zugaben in Klavierabenden spiele. Ich versuche allerdings häufig, die Werke durch die Augen des Komponisten zu sehen. Ich glaube, dass man Werke anders spielt, wenn man sich der Fülle an Möglichkeiten bewusst wird, die den Komponist:innen zur Verfügung standen; nämlich alle Töne, die es überhaupt gibt. Manchmal schauen wir Musiker auf die Noten, als wäre es höhere Gewalt. Aber ein Schumann beispielsweise musste jeden einzelnen Ton wählen, so wie eine Dichterin jede Silbe wählen muss. Und daraus hat er eine Kombination und Abfolge gewählt, die uns zu Tränen rühren oder vor Freude springen lassen kann. Wenn ich mir als Interpret dessen bewusst bin, dann bekommt meine Art zu musizieren wieder einen Hauch von Freiheit, die es atmen lässt.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn es mit dem Klavier nicht geklappt hätte?
Dass es nicht klappt, war kein Option. Diese Frage habe ich mir auch nie gestellt. Das habe ich wohl einem gewissen jugendlichen Enthusiasmus zu verdanken. Ich denke gerne an die Zeit, in der ich noch nicht der Pianist Moritz Winkelmann war, sondern einfach nur Moritz Winkelmann. Einer, bei dem es noch in alle Richtungen gehen kann. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre. Vielleicht Pilot? Ich bin fasziniert von der Luftfahrt und von großen Flugzeugen. Mit Sicherheit etwas, was mir in irgendeiner Form Freiheit bedeutet hätte. Ich bin aber tatsächlich sehr sicher, dass ich es besser nicht hätte treffen können.

Welche persönlichen Visionen haben Sie? Was wünschen Sie sich und was möchten Sie unbedingt verwirklichen?
Ich möchte die Beethoven-Klavierkonzerte aufnehmen und die Goldberg-Variationen von Bach mit viel Zeit und Ruhe lernen. Ansonsten beherzige ich stets den alten Spruch „Der Weg ist das Ziel“. Denn natürlich strebe ich ununterbrochen nach künstlerischer Weiterentwicklung. Aber das wird ja so bleiben bis zum Ende. Der Punkt wird also nie erreicht sein. Würde ich das Glück erst dort sehen, wo dieses Ziel erreicht ist, hätte ich wohl ein sehr trauriges Leben. Dem ist aber keineswegs so. Ich schätze mich sehr glücklich und bin dankbar dafür, ein erfülltes Musikerleben leben zu können.

Welche Leidenschaften haben Sie neben der Musik?
Ich mag den Zustand, auf Reisen zu sein - sitze gerne im Flugzeug, fühle mich wohl im ICE, lange Autofahrten empfinde ich als erholend. Unterwegs sind meine Gedanken frei. Ich werde es nie satt sein, einen Sonnenaufgang aus dem Flugzeug zu sehen. Eigentlich betreibe ich die meisten Dinge des Lebens mit einer gewissen Leidenschaft.


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 23.12.2021

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