Graziella Contratto im Interview

«Führungstypen erarbeiten sich Charisma.»
Graziella Contratto vertritt eine junge Generation von Dirigierpersönlichkeiten, die das Konzert- und Opern-Repertoire mit einem besonderen Sensorium für eine spannende Programmwahl, innovative Bezüge und eine offene Kommunikation verbinden. Literatur, Architektur, Tanz und Film sind Quellen für ihre Konzepte.
Classicpoint.ch: Sie geben Workshops für Manager und Führungspersönlichkeiten. Diese dürfen ein Orchester unter Ihrer Anleitung dirigieren. Sie zeigen die Parallelen zwischen den Leadership-Qualitäten eines Dirigenten und eines Managers auf und geben Anregungen zur Optimierung. Wo sind die Parallelen und welches sind die häufigsten Erkenntnisse solcher Workshops?
Etwas poetisch, und dem wirtschaftlichen Kontext vielleicht nicht allzu angepasst, würde ich behaupten, das Wichtigste ist die Schönheit: Sobald die dirigierenden Kaderpersönlichkeiten alles Unechte, Anerzogene, Coole oder Überlegene abstreifen, werden sie schön - die Musiker lassen sich führen. Dies geschieht ohne geringste verbale Kommunikation, nur über das gesunde Charisma und der damit verbundenen Flowgefühle, die sich im Klang manifestieren. Andere Parallelen wären da noch Klarheit der Botschaft, Sachkompetenz, ein Gefühl von Balance zwischen Kollektiv und Individualität bei den Geführten, Vision und Umsetzung ohne Umwege über die Eitelkeit.
Lernen auch Sie von den Workshop-Teilnehmern aus der Wirtschaft für Ihre Tätigkeit als Dirigentin?
Absolut – Begriffe wie ‚autoritativ‘ oder transaktional/transformational, ‚Flow‘ oder die spezifischen Probleme einer Personalführung lassen sich praktisch identisch auf meine Tätigkeit übertragen. (Wenn ich noch anfügen darf: Im Moment lerne ich allerdings am meisten von unserer zweijährigen Tochter, was ‚Führen‘ bedeutet. Bei manchen erzieherischen Entscheidungen überlege mich mir: Dient dieses Nein mir selbst, der Erziehung oder dem Kind? Übertragen Sie das ruhig auf eine Orchesterleitung oder eine Unternehmensführung.) Arnold Schönberg, selbst ein begnadeter Lehrer, schrieb in seiner ‚Harmonielehre‘ als Einleitung: ‚Dieses Buch habe ich von meinen Schülern gelernt.‘
Ist Charisma und Führungskompetenz überhaupt lernbar?
Ein gewisses Mass an Grundcharisma ist sicher angeboren oder naturhaft. Aber: Gewisse Führungstypen erarbeiten sich in intensivsten Studien eine Art ‚Sach‘-Charisma, das sich gerade in den letzten Jahrzehnten im Klassikbereich erstaunlich gut integriert hat – viele Dirigenten, die einen musikwissenschaftlichen oder historischen Hintergrund aufweisen, werden von Orchestern respektiert, obwohl sie nicht mehr dem Mythos-Klischee des Zauberers am Pult entsprechen.
Wie geht man mit einer klassischen Diva im Orchester um?
Divas finden sich überall, ich empfinde es jedenfalls als Herausforderung, eben diese starken Persönlichkeiten, die ja nicht selten unter einer Art postpubertärem Aufmerksamkeitssyndrom leiden, durch ein besonders starkes, visionäres Konzept in die Interpretation einzubinden. Die besten Players sollten dem Team dienen, nicht hybride Alleingänge tätigen.
Wie gehen Sie mit offensichtlichen Machtkämpfen und Gruppenbildungen innerhalb eines Orchesters um?
Ein Orchesterapparat besitzt Gruppen, die historisch gewachsen sind, z.B. Streichergruppen oder die Holz-, resp. Blechbläser. Jede Gruppe hat zwei Gesichter – die eine ist demütig (im Idealfall) und widmet sich leidenschaftlich der Umsetzung der kompositorischen Vorlage, die andere pocht auf gewerkschaftliche Rechte, möchte mitbestimmen, engagiert sich in der Kommunikation gegen aussen. Um all diese wichtigen Diversifizierungen im Griff zu halten, braucht es eine Dirigierpersönlichkeit, die sich sowohl musikalisch als auch kommunikativ, stilistisch und gewerkschaftlich mit Empathie in die verschiedenen Positionen einfühlen kann, ohne sich dabei zu verlieren. Ein Dirigent ist und bleibt trotz allem eine aus dem 19. Jahrhundert entsprungene Leitfigur.
Sie sind als erste Frau in Frankreich Chefdirigentin eines staatlichen Orchesters geworden. Haben Sie schon Ablehnung gespürt bei der Arbeit als Frau mit einem Top Orchester?
Warten wir noch ein paar Jahre, und diese Frage wird sich völlig erübrigen! Ich kann nur sagen, dass es ein Geben und ein Nehmen war: Je besser ich dirigierte, umso unproblematischer war die Beziehung. Manchmal gibt es aus irgendwelchen irrationalen Gründen aber auch die Liebe auf den ersten Blick – oder das Gegenteil. Dasselbe erzählen, wenn sie ehrlich sind, aber auch meine männlichen Kollegen…
Was gibt es für Möglichkeiten, das Orchester für sich zu gewinnen, wenn man als Dirigentin abgelehnt wird?
Studieren, lernen, nachdenken: Die emotionalen und intellektuellen Erkenntnisse müssen in den Körper hineinfliessen und eine eigene Gestalt annehmen. Man sollte die Partitur so gut beherrschen, dass das Orchester – ob stilistisch einverstanden oder nicht – sich der Eleganz oder der Evidenz der Interpretation gar nicht mehr widersetzen kann.
Sie sind sehr vielseitig aktiv. Gibt es Projekte, die Ihnen besonders am Herzen liegen und die Sie bis jetzt noch nicht realisieren konnten?
Ein Wagnerschiff auf dem Vierwaldstättersee – warten Sie noch ein paar Jahre, dann kommt das. Mehr wird noch nicht verraten.
Sie sind Intendantin des Davos Festival – young artists in concert. Was ist das Konzept dieses Festivals und wie hebt es sich von anderen Festivals ab?
Das Davos Festival widmet sich seit bald 26 Jahren der Förderung des musikalischen internationalen Nachwuchses, vor allem auf kammermusikalischer Ebene. Wir laden keine Big Names ein, sondern versuchen, jungen Talenten Auftrittsmöglichkeiten im schönen Dreieck Landschaft, Publikum und Poesie zu bieten. Seit ein paar Jahren sind wir gerade für Neue Musik, Tanztheater oder besondere Vermittlungsideen (Liegekonzert auf der Schatzalp! Hotelopern! Cage im Club) sehr mutig geworden und durften vor ein paar Wochen den Johana Dürmüller-Bol-Preis entgegennehmen – was uns natürlich ermutigt, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen.
Sie haben bereits mit vielen grossen Künstlerpersönlichkeiten zusammengearbeitet. Welche haben Sie persönlich besonders beeindruckt und inspiriert?
Carlos Kleiber, den ich leider nie live erleben durfte, der mich aber ständig als dirigentische Muse begleitet. Ben Heppner, der 1998 den Tristan wie Mozart sang. Lisa Larsson, die von Barock bis zeitgenössisch eine grossartige Stilsicherheit als Sopranistin beweist. Die junge Mirella Weingarten, mit der ich zahlreiche Projekte in ihrer Regie oder Choreographie koproduzieren durfte. Martin Helmchen, dem ich am Davos Festival einen unglaublichen Schubert verdanke. Und mein Mann, der Geiger Frédéric Angleraux, für seine Musik und seine Cuisine…..
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 21.02.2011
Weitere Interviews
Interview mit Elena Stikhina
Interview mit Lukas Sternath
Interview mit Tianwa Yang
Interview mit Ilya Shmukler
Interview mit Thomas Zehetmair
Interview mit Gabriela Scherer
Interview mit Sophie Pacini
Interview mit Kartal Karagedik
Interview mit Ariel Lanyi
Interview mit Anton Mejias
Interview mit Nathan Henninger
Interview mit Adriana González
Interview mit Philippe Tondre
Interview mit Konstantin Krimmel
Interview mit Anna Sułkowska-Migoń
Interview mit Hanni Liang
Interview mit Seong-Jin Cho
Interview mit Pablo Barragán
Interview mit Katharina Konradi
Interview mit Lena-Lisa Wüstendörfer
Interview mit Erika Grimaldi
Interview mit Sergei Babayan
Interview mit David Fray
Interview mit Jonathan Bloxham
Interview mit Benjamin Zander
Interview mit Eldbjørg Hemsing
Interview mit Gwendolyn Masin
Interview mit Moritz Eggert
Interview mit Julia Hagen
Interview mit Hannah Schlubeck
Interview mit Andre Schoch
Interview mit Nicholas Carter
Interview mit Reed Tetzloff
Christiane Karg im Interview
Interview mit Jens Lohmann
Sebastian Bohren im Interview
Michael Barenboim im Interview
Gil Shaham im Interview
Fabio Di Càsola im Interview
Daniel Dodds im Interview
Alexey Botvinov im Interview
Lucas und Arthur Jussen im Interview
Max Volbers im Interview
Dirk Joeres im Interview
Beatrice Rana im Interview
Alexander Bader im Interview
Irina Lungu im Interview
Anna Fedorova im Interview
René Jacobs im Interview
David Helfgott im Interview
Helena Winkelman im Interview
John Adams im Interview
Moritz Winkelmann im Interview
Emmanuel Pahud im Interview
Matthias Goerne im Interview
Nadège Rochat im Interview
Rafael Rosenfeld im Interview
Stanley Dodds im Interview
Kaspar Zehnder im Interview
Kim Bomsori im Interview
Daniel Behle im Interview
Gotthard Odermatt
Maximilian Hornung
Titus Engel im Interview
Renaud Capucon im Interview
Teo Gheorghiu im Interview
Chen Halevi im Interview
Alexander Melnikov im Interview
Sebastian Knauer im Interview
Alexandra Dariescu im Interview
Christian Knüsel im Interview
Patrick Demenga im Interview
Adrian Brendel im Interview
Ragnhild Hemsing im Interview
Markus Stenz im Interview
Elisabeth Fuchs im Interview
Giovanni Allevi im Interview
Maxim Vengerov im Interview
Alexander Krichel im Interview
Michael Francis im Interview
Manfred Honeck im Interview
SoRyang im Interview
Sebastian Klinger im Interview
Matthias Kirschnereit im Interview
Felix Klieser im Interview
Bertrand Chamayou im Interview
Amit Peled im Interview
Olga Scheps im Interview
Angela Gheorghiu im Interview
Ilker Arcayürek im Interview
Cédric Pescia im Interview
Max Emanuel Cencic im Interview
Franco Fagioli im Interview
Simon Höfele im Interview
Christoph Croisé im Interview
Piotr Anderszewski im Interview
Andreas Ottensamer im Interview
Midori im Interview
Philippe Herreweghe im Interview
Chen Reiss im Interview
Mario Venzago im Interview
Marina Rebeka im Interview
Saimir Pirgu im Interview
Elīna Garanča im Interview
Vadim Gluzman im Interview
Rolando Villazón im Interview
Maestro Long Yu im Interview
Leonard Elschenbroich im Interview
Evgeny Kissin im Interview
Corina Belcea im Interview
Regula Mühlemann im Interview
Danjulo Ishizaka im Interview
Kian Soltani im Interview
Francesco Piemontesi im Interview
Nigel Kennedy im Interview
Stefan Temmingh im Interview
Steven Sloane im Interview
Yulianna Avdeeva im Interview
Martin Jaggi im Interview
Franz Welser-Möst im Interview
Iván Fischer im Interview
Ivan Monighetti im Interview
Kent Nagano im Interview
Steven Isserlis im Interview
Herbert Schuch im Interview
Jan Lisiecki im Interview
Jörg Widmann im Interview
David Philip Hefti im Interview
Robert Groslot im Interview
Paul Meyer im Interview
Nicolas Altstaedt im Interview
Khatia Buniatishvili im Interview
Jean-Yves Thibaudet im Interview
Jan Vogler im Interview
Luca Pisaroni im Interview
Andreas Staier im Interview
Arabella Steinbacher im Interview
Julian Steckel im Interview
Lisa Batiashvili im Interview
Vadim Repin im Interview
Martin Stadtfeld im Interview
Klavierduo Hans-Peter und Volker Stenzl im Interview
Teodoro Anzellotti im Interview
Martin Helmchen im Interview
Frank Bungarten im Interview
Mischa Maisky im Interview
Reinhold Friedrich im Interview
André Rieu im Interview
Simone Kermes im Interview
Jonas Kaufmann im Interview
Claudio Bohórquez im Interview
Ilya Gringolts im Interview
Antje Weithaas im Interview
Daniel Müller-Schott im Interview
Albrecht Mayer im Interview
Rudolf Kelterborn im Interview
Noëmi Nadelmann im Interview
David Garrett im Interview
Erwin Schrott im Interview
Pieter Wispelwey im Interview
Tabea Zimmermann im Interview
Johannes Moser im Interview
Isabelle van Keulen im Interview
Miklos Perényi im Interview
Patricia Kopatchinskaja im Interview
Howard Griffiths im Interview
Sabine Meyer im Interview
Xavier de Maistre im Interview
Thomas Demenga im Interview
Daniel Hope im Interview
Sir James Galway im Interview
Christian Poltéra im Interview
David Zinman im Interview
Günter Pichler im Interview
Rudolf Buchbinder im Interview
Kim Kashkashian im Interview
Rainer Schmidt vom Hagen Quartett im Interview
Julia Fischer im Interview
Maurice Steger im Interview
Sol Gabetta im Interview
Anne-Sophie Mutter im Interview
Vladimir Ashkenazy im Interview
Newsletter
Interviews als Magazin
Für Veranstalter
Sie möchten mehr Besucher für Ihre Konzerte?
Informieren Sie sich über die Möglichkeiten dieses Portals.
Konzert-Suchabo
Bei einem Konzert-Suchabo erhalten Sie für die von Ihnen ausgewählten Kantone/Bundesländer immer ein Email sobald dort ein neues Konzert eingetragen worden ist. Sie können den Dienst jederzeit wieder abbestellen.

























































































































































































