Interview mit Jonathan Bloxham

«Dirigenten sollten versuchen, jedem musikalischen Ensemble zu helfen seine einzigartige Identität zu bewahren.»
Nachdem Jonathan Bloxham sich Mitte 20 dem Dirigieren widmete, war er 2016 – 18 Assistant Conductor beim City of Birmingham Symphony Orchestra unter Mirga Gražynite-Tyla, assistierte Paavo Järvi, und wurde mehrmals eingeladen, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen zu dirigieren. Seitdem hat er europaweit verschiedene Orchester dirigiert.
Er hat Alben mit dem London Symphony Orchestra (2022) und der Nordwestdeutschen Philharmonie (2021, Strauss und Cesar Franck) aufgenommen. Letzteres wurde vom Musicweb International als «unwiderstehlich» bezeichnet.
Als Künstlerischer Leiter des Northern Chords Festival hat er junge KomponistInnen wie Vlad Maistorovici, Jack Sheen und Freya Waley Cohen Aufträge gegeben. Jonathan Bloxham studierte Dirigieren bei Sian Edwards, Michael Seal, Nicolas Pasquet und Paavo Järvi, nachdem er Cello an der Menuhin School und an der Guildhall gelernt hatte. Als ehemaliger Cellist gab er 2012 sein Konzertdebüt in der Berliner Philharmonie.
Aktuell ist Jonathan Bloxham Musikdirektor des Luzerner Theaters.
Sie waren zunächst Gründungsmitglied des Busch Trio, mit dem Sie regelmäßig in der Wigmore Hall, im Southbank Centre und bei BBC Radio 3 auftraten. Warum wollten Sie Dirigent werden?
Sobald ich nur ein paar Töne auf dem Cello spielen konnte, trat ich meinem örtlichen Jugendorchester im Norden Englands bei. Ich verliebte mich sofort in den symphonischen Klang, die Energie des Gruppenspiels, die Konzentration, die Disziplin, und schon in jungen Jahren sah ich mir Partituren an, um zu sehen, wie alles zusammenpasst. Einige Jahre später, während meines Studiums an der Yehudi Menuhin School, erzählte ich dem Musikdirektor, dass ich es eines Tages gerne mit dem Dirigieren probieren würde... und sein Rat war ganz klar: Warten! Und genau das habe ich getan. Die meiste Zeit meiner Zwanzigerjahre verbrachte ich mit Kammermusik, lernte zuzuhören, mich anzupassen und Kompromisse eingehen, wie man zusammenarbeitet ... Ich glaube, all diese Fähigkeiten sind sehr wichtig für einen Dirigenten. Als ich 26 war, hatte ich die Möglichkeit ein Studentenorchester in London zu dirigieren und schon in diesen ersten Momenten auf dem Podium fühlte ich mich zu Hause.
Spielen Sie heute noch Cello?
Nicht genug! Ich habe das große Glück, noch einige Kammermusikkonzerte zu spielen. Ich vermisse dieses Repertoire. Und ich liebe den physischen Kontakt mit dem Instrument. Aber als ich mich entschloss, vom Cello zum Dirigieren zu wechseln wusste ich, dass es 100% sein muss. Das Dirigieren erfordert meine ganze Konzentration und für mich wäre es ein Kompromiss, beides beruflich zu verfolgen.
Ihre Dirigentenlaufbahn begann mit einer Einladung von Paavo Järvi, wie kam es dazu?
Ich hatte das große Glück, an Meisterkursen mit Paavo Järvi in den Jahren 2015 und 2016 teilzunehmen. Seine klaren, praktischen und handwerklich orientierten Ratschläge haben meine Art zu dirigieren enorm beeinflusst. Er hat mich dann freundlicherweise an die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen vermittelt, die mich für ihre Sommerfestivalkonzerte gebucht hat - genau die Reihe, die Paavo zum ersten Mal bei ihnen dirigiert hat. Ich muss sagen, dass ich auch von diesem Orchester viel gelernt habe - es zu dirigieren ist wie das Fahren eines superschnellen Sportwagens!
Wie sind Sie zur Oper als Dirigent gekommen?
Ich verliebte mich in die Oper während meiner Zeit als Student am Royal College of Music. Wie es der Zufall wollte waren viele der Freunde von meinem ersten Studienjahr in London Opernsänger. Davor war meine musikalische Welt auf die Solo- und Kammermusik für Cello ausgerichtet. Als Cellist habe ich versucht, mehr und mehr wie ein Sänger zu spielen, wobei der Bogen der Atem ist, die Artikulation sind verschiedene Vokale oder Konsonanten am Anfang einer Note oder eines Wortes. Im Sommer 2018 assistierte ich beim Glyndebourne Festival, einer magischen Welt der Oper, und ich denke, es war eine natürliche Entwicklung von dort aus... Ich war hooked!
Seit 23/24 sind Sie Musikdirektor am Luzerner Theater. Was sind Ihre Ideen und Ziele an diesem Theater?
In diesem ersten Jahr ging es darum, das Theater und die Stadt kennen zu lernen, meinen neuen Kollegen zuzuhören und natürlich unser Publikum. Man hat mir das Gefühl gegeben, hier sehr willkommen zu sein! Es ist mir wichtig, dass wir immer ein sehr offenes, kreatives Opernschaffen haben und die Risikobereitschaft bei Proben und Aufführungen fördern. Dafür ist das Vertrauen so wichtig, zwischen Musikern und Regisseuren, zwischen dem Orchester und den Sängern... wir müssen uns alle gegenseitig unterstützen. Vom musikalischen Standpunkt aus bin ich sehr froh, dass wir die nächste Saison mit Mozarts "Idomeneo" eröffnen!
Welche Werke dirigieren Sie am liebsten?
Das ändert sich fast täglich - die schnelle Antwort ist: was immer auf dem Notenpult vor mir liegt! Aber aus Sicht der Oper: Wenn in jeder Saison Belcanto-Opern und Mozart auf dem Programm stehen macht mich das sehr glücklich!
Sie haben bereits an vielen Orten der Welt dirigiert. Wie erleben Sie die verschiedenen Kulturen?
Ich habe das große Glück, dass ich beruflich viel reisen kann. Natürlich hat jedes Land eine andere Kultur, aber was vielleicht noch schöner ist: Sogar zwei Orchester in zwei benachbarten Städten haben völlig unterschiedliche Kulturen' - eine andere Herangehensweise an den Klang, an die Interpretation, an das Rubato... Ich denke, es ist so wichtig, dass wir Dirigenten versuchen, jedem musikalischen Ensemble zu helfen
seine einzigartige Identität zu bewahren.
Welche Leidenschaften haben Sie außer der Musik noch?
Ich bin wahrscheinlich ein Klischee - Wein (meistens rot!) und Essen! Während der COVID-Lockdowns habe ich einen Zoom-Kochwettbewerb organisiert, der ziemlich ernst wurde. Professionelle Köche kamen, um unsere kulinarischen Kreationen zu bewerten - leider natürlich nur nach unseren Beschreibungen und unserer Präsentation!
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.07.2024
© Bild: Kaupo Kikkas
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