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Elena Stikhina

Elena Stikhina im aktuellen Interview.

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Interview mit Hanni Liang

Hanni Lang

«Warum eigentlich? Warum bin ich Musikerin, warum mache ich Musik?»

Hanni Liang wurde 1993 in Bielefeld geboren und stammt aus einer Nicht-Musikerfamilie. Ihren ersten Klavierunterricht erhielt sie im Alter von acht Jahren und wurde nach rasanten Fortschritten als Jungstudentin in die Klavierklasse von Prof. Barbara Szczepanska aufgenommen. Ihr Bachelor-Studium in Musik und einen zusätzlichen Abschluss in Medienmanagement absolvierte Hanni an der Robert Schumann Musikhochschule sowie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, dort unter maßgeblichem Einfluss von Bernd Goetzke. Seit 2016 studiert sie bei Prof. Matthias Kirschnereit. Konzerte führten sie u.a nach Russland, Österreich, China, Spanien, Italien und Polen, wo sie beim Internationalen Chopin Festival in Warschau, dem Mariinsky Theater, dem Trans-Siberian Art Festival, in der Forbidden City Concert Hall und beim Tianjin Klavier Festival konzertierte.

2010 wurde sie zum Young Steinway Artist gekürt und erhielt den Steinway Förderpreis. Des Weiteren erhielt sie Stipendien unter anderem von der Dörken Stiftung, der Gesellschaft Westfälischer Kulturarbeit, C. Bechstein und der Richard Wagner Stiftung. Seit 2017 ist sie Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes.

Seit 2013 ist sie erfolgreiche TONALi-Musikerin und verfügt daher über ausgezeichnete Qualitäten in der Musikvermittlung und -kommunikation. TONALi wurde prägend für ihre weitere Karriereentwicklung und hatte maßgeblichen Einfluss auf ihre jetzige Künstlerpersönlichkeit sowie auf ihr musikalisches Engagement, mehr junge Hörer für die klassische Musik zu begeistern und kulturelle Bildung zu leisten. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls das gemeinnützige Projekt TONALiSTEN entstanden, dessen Geschäftsführung Hanni Liang übernommen hat.

Ihre enge Zusammenarbeit mit dem renommierten deutschen Komponisten Manfred Trojahn entwickelte sich durch die Uraufführung seines Werkes „Leise Gondeln“ nicht nur zu einer engen Freundschaft, sondern ebenfalls zu einer Einspielung seiner „Six Préludes“ in 2015 sowie zur Uraufführung seiner Melodramen beim Klavier-Festival Ruhr.

Weitere musikalische Einflüsse erhielt sie außerdem von Maria João Pires, Homero Francesch, John Perry, Jacques Rouvier und Michel Beroff.

Wie sind Sie zur Musik gekommen als Kind?
Es war tatsächlich mehr Zufall. Eine Freundin in der Grundschule hatte plötzlich den Wunsch Klavier zu lernen, und ich wollte es dann auch. Wie es eben so bei Kindern ist. Am Ende bin ich „kleben“ geblieben und konnte nicht mehr vom Instrument weg. Meine Eltern sind beide keine Musiker, und so gab es seitdem bei uns zu Hause viele Bücher zum Thema Klavier. Meine Mutter hat sich gleich ein Buch mit dem Titel „Piano für Dummies“ gekauft.

Als Künstlerin entwickeln Sie selbst neue Konzertformate. Sie möchten das Format “Konzert” auf neue Art denken und erweitern, um auf gesellschaftliche Themen aufmerksam zu machen. Können Sie uns mehr darüber erzählen?
Bei mir hat sich nach meinem Debüt in der Elbphilharmonie mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen vor allem die Frage gestellt: Warum eigentlich? Warum bin ich Musikerin, warum mache ich Musik? Und letztlich damit verbunden was kann Musik/das Konzert alles sein und was heißt es in diesen Zeiten sich mit Kunst zu beschäftigen. So führte die Suche nach dem Warum zu der Antwort, die ich heute in mir trage mit Musik und in meinen Konzerten ein menschlicheres Miteinander zu fördern. Fragen zu stellen, uns herauszufordern uns mit Positionen auseinanderzusetzen, die vielleicht nicht Teil des eigenen Alltags sind, im Dialog herauszufinden, was uns in der Vielfalt eint und uns gesellschaftlich zusammenhält.

Im sogenannten Konzertformat hinterfrage ich tradierte Rollen wie z.B. „Künstler*in“ oder „Publikum“ oder die Trennung zwischen Saal und Bühne. Dabei gehe ich jedoch immer von der Musik aus, denn sie ist und bleibt der Nukleus, von dem Brücken und Kontextualisierungen ins hier und jetzt gebaut werden.

Sie kuratieren neben ihrer Solo-Karriere außerdem kunst-soziale Projekte, die meist auf einem co-kreativen Ansatz basieren und ein gesellschaftliches Thema zum Ausdruck bringen. Können Sie uns von einem Beispiel berichten?
Im November letzten Jahres habe ich gemeinsam mit dem Projektentwickler Kian Jazdi eine co-Kreative Konzertperformance am Konzerthaus Berlin gemacht. Mit dabei waren acht Jugendliche aus dem Stadtteil Marzahn, mit denen wir über drei Monate hinweg regelmäßig gearbeitet haben. Im Gespräch haben wir gemeinsam das Thema der Performance definiert, welche die Suche nach dem Zuhause ist und die Frage nach dem, was Berlin verbindet, bevor es dann um die Entwicklung künstlerischer Mittel geht, um dieses Thema zum Ausdruck zu bringen. Dabei geht’s auch immer um die Frage, was die Gruppe mitbringt. Hier hatten wir einige, die gerne Texte schreiben, sich mit Bewegung ausdrücken oder auch eine, die das Kostüm entwerfen wollte. So wird dann das anfängliche weiße Blatt Stück für Stück gemeinsam bemalt und gemeinsam auf die Bühne gebracht. Das ist ein großer Aushandlungsprozess und natürlich auch immer ein Balancieren zwischen dem, wie viel man selbst eingreift, weil man eigene, vielleicht andere, künstlerische Vorstellungen hat oder sich zurücknimmt und der Gruppe vertraut. Es geht auch darum, wie man Räume auf der Bühne schaffen kann, in denen jede einzelne Person „Expert*innen ihrer selbst“ sein können. Dabei lerne ich immer unglaublich viel.

Seit Oktober 2022 sind Sie Dozentin für Konzertdesign an der Hochschule für Musik und Theater München und setzen sich mit ihren Studierenden künstlerisch mit der Zukunft des klassischen Konzertes auseinander. Was haben Sie da bereits entwickelt?
Jedes Semester entstehen andere Projekte. Wir haben zum Beispiel in Kooperation mit der Pinakothek der Moderne eine Performance auf kaputten Instrumenten gemacht. Es ging um die Frage nach dem Schönen im Gebrochenen. Um die Frage nach Perfektion und dem was alles Musik sein kann.
Wir haben dafür einen Aufruf in ganz München gestartet, uns kaputte Instrumente zu leihen. Und so wurden uns die unterschiedlichsten Instrumente gebracht: Kaputte Akkordeone, Hackbretter, Saxophone, eine Harfe…Ich erinnere mich an die allererste Sitzung, in der die Studierenden jeweils sofort das Instrument nahmen, das sie studieren, jedoch schnell merkten, dass es gar keinen Sinn macht. Denn auf einer Geige ohne Seiten, kann man keine Geige spielen. Zumindest nicht so, wie wir es kennen. Es war also eine sehr spannende und inspirierende, experimentelle Suche nach Klängen und das Aufbrechen von Normen und Erwartungen im Instrumentalspiel.

Ein anderes Projekt war in Kooperation mi den Münchner Philharmonikern, das ich mit meinen Kollegen Moritz Eggert und Ali Nikrang gemacht habe. Hierbei ging es um KI und Musik und letztlich um die Frage, was es bedeutet Mensch zu sein? Was es heißt die Regentropfen auf der Haut zu spüren, Fehler zu machen und zwischen Leben und Tod zu sein. Dabei sind musikalische Kooperationen zwischen KI und Mensch entstanden und eine künstlerische Auseinandersetzung, in die das Publikum auch involviert war.

Für VOICES haben Sie eine Sammlung von Werken von Komponistinnen zusammengestellt, die sie persönlich beeinflusst haben oder für ihren Kampf für Frauenrechte und Gleichberechtigung bekannt sind. Was hat Sie dazu bewegt?
Auslöser war die Entdeckung der Musik der Komponistin und Suffragettin Ethel Smyth. Ich war sehr inspiriert von ihr und Ihrem Kampf für Frauenrechte und wollte ihre tolle Klaviermusik unbedingt wieder zum Leben erwecken. Dabei ging es mir auch darum, eine Brücke ins heute zu schlagen, womit die Recherche nach zeitgenössischen Komponistinnen begann, die ihre Stimme auf ihre Art und Weise erheben und sich einsetzen und schließlich um die Frage, was das ganze mit mir persönlich zu tun hat.
So ist die einzige Nicht-Britin, die chinesisch-amerikanische Komponistin Chen Yi. Mit ihrem Werk reflektiere ich meine Herkunft und die Ambivalenz, die ich verspüre, als eine in Deutschland geborene und aufgewachsene Bürgerin mit chinesischen Wurzeln.

Gemeinsam mit TONALi haben Sie das TONALiSTEN Kollektiv gegründet. Was ist das genau?
TONALi ist eine Kulturinitiative in Hamburg, die mich sehr stark in meiner künstlerischen Entwicklung geprägt hat. Es ist eine Akademie, ein Forschungszentrum, ein Hub für klassische Musik, die im Kontext gesellschaftlicher Teilhabe steht. TONALiSTEN sind wiederum all die Musiker*innen, die sich als Teil davon verstehen und ist somit das daraus entstehende Kollektiv. Es ist ein Ort des offenen Austauschs mit stets inspirierenden Impulsen, Prozessen und Begegnungen, aus denen spannende Projekte entstehen.

Haben Sie weitere Projekte, die Ihnen am Herzen liegen?
Ich erinnere mich sehr gerne an die Performance „Watermark“ zurück, die ich 2023 in der Elbphilharmonie gemacht habe. Ich stellte die Frage nach dem Eigentum, ausgehend vom Klavierkonzert von Caroline Shaw, also wem gehört die Bühne oder, wenn man mit dem Wort spielt: Wem gehört das Wasser? Ich wollte einen gemeinsamen Moment der Achtsamkeit für diese immer weniger werdende Lebensessenz schaffen und ging mit einer Lichtschale mit Wasser durch den Saal, summend den ersten Ton des Stückes. Mit dabei: Das Publikum, das in den Ton mit einstimmte. Auf der Bühne angekommen spielte ich den ersten Akkord in das Summen all der Menschen im Saal. Es war ein ganz besonderer Moment.

Ein anderes Projekt, auf das ich mich sehr freue ist jetzt im diesjährigen Edinburgh International Festival. Dort bringe ich ein neues Konzertformat auf die Bühne. Es heißt „DREAMS“ und kombiniert Debussy‘s Klavierstück „Rêverie“ mit Improvisationen. Die Zuhörer*innen sind eingeladen ihre Träume zu teilen, indem sie diese skizzieren oder aufschreiben. Dieser Prozess wird im ganzen Raum projiziert und beeinflusst die Musik von Debussy, denn sie verwandelt sich in eine Improvisation zu dem geteilten Traum und kehrt schließlich wieder zurück zu Debussy, sobald der Traum „verschwunden“ ist. Ich freue mich sehr darauf, da es für mich das erste Mal ist, das das Improvisieren einen maßgeblichen Teil im Konzert einnimmt. Bisher habe ich es nur in kleinen Teilen oder als Zugabe im Konzert gemacht und kann es schon kaum abwarten.

Welche Leidenschaften haben Sie neben der Musik?
Leidenschaften habe ich viele: Lesen, Kochen, Essen gehen, im Café flanieren, mit Freunden treffen. Ich habe neuerdings in China angefangen Erhu zu lernen. Die chinesische „Geige“ mit zwei Seiten. Ich liebe einfach die Musik…Ich bin auch Mutter von zwei kleinen Kindern, und daher verbinde ich all meine besagten Leidenschaften mit meiner Familie. Wir verbringen viel Zeit zusammen, indem wir lesen, tanzen, Spiele spielen, musizieren, kochen und auch einfach mal zusammen faulenzen.


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.03.2025
© Bild: Esther Haase

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