Interview mit Thomas Zehetmair

«Ich lerne jeden Tag!»
Thomas Zehetmair genießt als Dirigent, Solist, in Doppelfunktion sowie als Kammermusiker weltweit größtes Ansehen. Er ist Chefdirigent des Orchestre National Auvergne Rhône-Alpes und seine Chefposition beim Stuttgarter Kammerorchester wurde bis Sommer 2029 verlängert. In den letzten Jahren entwickelte Zehetmair zunehmend eine Leidenschaft für das Komponieren und Arrangieren. Für seine vielfältige künstlerische Tätigkeit erhielt Thomas Zehetmair u.a. die Ehrenurkunde des Preises der Deutschen Schallplattenkritik und ist Ehrendoktor der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar und der Newcastle University.
Wie würden Sie Ihre musikalische Persönlichkeit in wenigen Worten beschreiben?
Entdeckungsfreudig, gründlich, Mischung aus Forscherdrang und Lust am spontan gestalteten Moment.
Was treibt Sie nach so vielen Jahren im Musikleben weiterhin an?
Ich lerne jeden Tag! Dann ist es der Kontakt zum Publikum – immer mehr denke ich, eine kurze verbale Einführung stellt Nähe her und hilft beim Hören. Oder auch jeder einzelne Moment, den ich mit genialer Musik als Interpret verbringen darf, jeder Moment der Arbeit mit wunderbaren Musikern, jeder Moment, den ich mit meiner Stradivari oder meinen neuen Geigen verbringe. Und in den letzten Jahren meine Arbeit als Komponist – angefangen hat es mit der Beschäftigung und Komplettierung von Fragmenten wie Mozarts Sinfonia Concertante KV320e, dann kamen eigene, neue Stücke wie mein Streichtrio dazu.
Gibt es einen roten Faden, der sich durch Ihr künstlerisches Schaffen zieht?
Im Moment ist es die Einspielung aller Beethoven-Symphonien mit dem Stuttgarter Kammerorchester, eine wirklich spannende Beschäftigung mit Werken, die mir seit meiner Jugend wichtig sind.
Gibt es Werke, die Sie lieber dirigieren als spielen – oder umgekehrt?
Die Violinkonzerte von Mozart mache ich oft in einer Doppelfunktion. Ansonsten ist es Repertoire, was sich kaum überschneidet – einige wenige Stücke habe ich in beiden Funktionen aufgeführt: Schönbergs „Verklärte Nacht“ als Geiger und später als Dirigent des Stuttgarter Kammerorchesters – das hilft für den Gesamtüberblick und ist spannender.
Welche ästhetischen Prinzipien bei einer Interpretation sind für Sie unverzichtbar?
Wie findet man bei dieser Frage den Spagat zwischen zu vielen Einzelheiten, die hier den Rahmen sprengen, und allzu gesamtphilosophischen Betrachtungen… aber vielleicht ist das genau die richtige Antwort: jedes Detail auszuschöpfen und in den richtigen Rahmen zu setzen, um die große Form zu erfassen.
Was macht für Sie die Zusammenarbeit mit einem Orchester produktiv?
Wenn ich es schaffe, echtes Interesse zu wecken, und wenn das Niveau der Spieler stimmt – das geht meistens Hand in Hand.
Wie schaffen Sie es, in kurzer Probenzeit eine gemeinsame Klangvorstellung zu entwickeln?
Ich erinnere mich an ein Interview mit Karajan, in dem er über seine Arbeit mit Sängern sinngemäß sagt, er würde erwirken, dass die Sänger unbedingt auf die Art singen wollen, wie er es möchte. Wenn das mit den Musikern des Orchesters gelingt, dann sind das beglückende Momente.
Welche Rolle spielt Vertrauen im Dirigieren?
Das knüpft an meine vorherige Antwort an: ich habe absolutes Vertrauen zu den Musikern, mit denen ich arbeite, wenn ich aufs Konzertpodium steige! Ansonsten habe ich meinen Beruf verfehlt – ein Dirigent klingt nur durch die Musik, die er seinem Orchester entlockt.
Was erwarten Sie von Musikerinnen und Musikern – und was dürfen sie von Ihnen erwarten?
Beste Vorbereitung und Offenheit – beidseitig!
Welche Erkenntnisse aus der Kammermusik nehmen Sie in Ihr Dirigat mit?
…und umgekehrt! Interpretation steht nie still, alles ist im Fluss. Es macht einen Riesenunterschied, welche Stimmen man fokussiert, der orchestrale, sinnliche Streichquartettklang ist genauso wichtig wie die Durchhörbarkeit eines symphonischen Werks.
Gab es einen Schlüsselmoment, der Ihre Laufbahn geprägt hat?
Da gibt es einige, zum Beispiel
- der Moment, in dem ich plötzlich angefragt wurde, Chefdirigent der Royal Northern Sinfonia zu sein, und mein erster Beethovenzyklus mit diesem Orchester;
- unzählige Momente mit Frans Brüggen als Dirigent und vor allem Beethovens Violinkonzert, da hat es auf Anhieb gefunkt.
- Vor kurzem: die Beschäftigung mit den Brahmsschen Quartetten mit dem Zehetmair Quartett und die daraus entstandene CD-Produktion bei ECM, die unserem Cellisten Christian Elliott, der die Veröffentlichung leider nicht mehr erlebt hat, gewidmet ist.
Welche Aufführungen oder Projekte sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Drei spannende Projekte aus dem letzten Jahr, die ich als Komponist erlebt habe: die Uraufführung meiner „Passacaglia, Burleske und Choral“ mit dem Orchestre national Auvergne-Rhône-Alpes mit darauffolgender USA Tournee, die Uraufführung meines Doppelkonzerts bei den Swiss Chamber Concerts in Genf im September – und die Japanreise mit dem Stuttgarter Kammerorchester im November, auf der ich in dreifacher Funktion – Komponist, Dirigent und Solist – unterwegs war.
Welche Leidenschaften haben Sie neben der Musik?
Schachsucht – manchmal viel zu zeitaufwändig – ; in Naturgewässern schwimmen, egal zu welcher Jahreszeit; Ski alpin und Skispringen verfolgen…
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.02.2026
Bild: Wolfgang Schmidt
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