David Philip Hefti im Interview

«Glücklicherweise fliegen mir die Ideen zu.»
David Philip Hefti ist Gewinner der renommierten Kompositionswettbewerbe Gustav Mahler in Wien, Pablo Casals in Prades, George Enescu in Bukarest und wurde mit dem Hindemith-Preis und mit dem Komponisten-Preis der Ernst von Siemens Musikstiftung ausgezeichnet. Sein beachtliches Oeuvre reicht von der Kammermusik über Ensemblekompositionen bis hin zu Werken für Orchester.
Classicpoint.ch: Woher nehmen Sie Ihre Ideen, wann entstehen diese?
Glücklicherweise fliegen mir die Ideen zu. Es ist aber völlig unberechenbar, wann dies geschieht. Daher habe ich immer mein kleines Notizbuch dabei. Einer meiner kreativsten Momente ist kurz vor dem Einschlafen im Dämmerzustand zwischen Wachsein und Traumland – in absoluter Stille. Ferner inspiriert mich das alltägliche Leben generell und Lyrik, bildende Kunst, Spaziergänge und Gespräche mit Freunden im Speziellen. Obwohl ich sehr oft in Konzerte gehe, geschieht es eher selten, dass mich „fremde“ Musik dazu animiert, eigene Musik aufs Papier zu bringen – was mich immer wieder erstaunt.
Können Sie Ihren aktuellen Kompositionsstil verbal ausdrücken? Und wie hat sich Ihr Kompositionsstil entwickelt?
Leider nein, da ich kein Schriftsteller bin! Im Ernst: Es ist für mich tatsächlich nicht einfach, meinen aktuellen Stil in Worte zu fassen, da man Musik hören – sinnlich wahrnehmen – muss. Dennoch ein Versuch: Meine Musiksprache hat sich ziemlich natürlich entwickelt. Am Anfang meiner Laufbahn habe ich ausschliesslich mit den 12 chromatischen Tönen gearbeitet. Nach ersten tonalen Gehversuchen in meiner Kindheit orientierte ich mich sehr bald an der Tonsprache Alban Bergs, natürlich ohne jemals sein Niveau erreicht zu haben... In den folgenden Jahren habe ich meine Klangsprache um Mikrointervalle und Naturtöne, um Multiphonics und sämtliche zeitgenössischen Spieltechniken bis hin zur reinen Geräuscherzeugung erweitert, bis mein aktueller Stil aus diesen Komponenten als organische Verschmelzung hervorgegangen ist. Dabei geht es mir nicht um die Aneinanderreihung von Effekten sondern um eine facettenreiche Erweiterung der Klangpalette und die daraus resultierende Harmonik. Allerdings bin ich noch lange nicht am Ende meiner Reise angekommen! Mein Stil wird sich weiterhin verändern, so lange ich komponiere. Es ist aber völlig offen, in welche Richtung diese Entwicklung gehen wird, da ich nicht rational darauf einwirken sondern mich von meiner inneren Stimme leiten lassen werde.
Wo sehen Sie die Unterschiede Ihrer Werke, wenn Sie zurückschauen?
Wenn ich ein neues Werk beende, ist es gefühlsmässig immer die beste Komposition, die ich jemals geschaffen habe und zwar losgelöst von Besetzung oder Dauer. Das hätte zur logischen Folge, dass man alle meine Stücke wie eine Perlenkette chronologisch aufreihen könnte und so automatisch ein Verzeichnis von Werken mit zunehmender Qualität hätte. Wenn ich aber zurückblicke, stelle ich fest, dass sowohl die Qualität als auch die Originalität und die musikalische Tiefe unterschiedlich sind. Die Entwicklung findet also keineswegs linear statt! Hingegen kann man feststellen, dass das kompositorische Handwerk, das Behandeln der Instrumente, dank jahrelanger Erfahrung immer feiner, delikater wird. Stilistisch sind sich zwei Werke, die in derselben Zeitspanne entstanden sind, relativ ähnlich, da sich mein Stil, wie bereits erwähnt, langsam und organisch entwickelt hat. Schaut man aber mehrere Jahre zurück, so finden sich die grössten Unterschiede im emotionalen Ausdruck, im formalen Bereich und in der Transparenz der Musik.
Wo fliesst Ihre Biografie ins Schaffen ein?
Meine Biographie fliesst überall und ständig in mein Schaffen ein. Das liesse sich nicht einmal verhindern, wenn ich es wollte, da ich kein Roboter sondern ein menschliches Wesen mit emotionalen Schwankungen bin. Ich wage zu behaupten, dass das bei jedem Künstler so ist. Man darf nur keinesfalls den Schluss ziehen, dass ich fröhliche Musik komponiere, wenn es mir gut geht und dass ich dunkel-traurige Musik schreibe, wenn ich unpässlich bin. Alle Faktoren, die mein Leben beeinflussen, fliessen daher indirekt und unbewusst in meine Musik ein. Bei mir ist es auch ganz entscheidend, wo ich mich geographisch gerade aufhalte. So habe ich ca. ein halbes Jahr in London gelebt und in dieser Zeitspanne keine einzige Note komponiert, da ich vom Kulturangebot, vom Puls der Stadt und natürlich von den vielen Pubs schlicht überrannt wurde, so dass ich mich ausserstande sah zu arbeiten. Nach dem London-Aufenthalt sprudelte meine kompositorische Energie wie eine unerschöpfliche Quelle aus mir heraus. Erst nach ein paar Monaten war ich offenbar in der Lage, die überwältigenden Reize zu verarbeiten, zu kanalisieren und aufs Notenpapier zu bringen. Einen ganz wesentlichen Einfluss auf meine Arbeit hat auch mein Privatleben: Nachdem ich vor vier Jahren meine Frau kennengelernt habe, hat sich die Zahl meiner vollendeten Kompositionen pro Jahr verdoppelt. Das Eheleben hat aus dem ursprünglichen Langsamschreiber einen etwas schnelleren und äusserst inspirierten Komponisten gemacht!
Würden Sie anders komponieren, wenn Sie an einem ganz anderen Ort auf der Welt leben würden?
Auf jeden Fall! Der kurze London-Aufenthalt ist nur ein Beispiel dafür. Natürlich ist meine Musik in meinem Körper und Geist bereits vorhanden und wartet nur darauf, befreit und notiert zu werden. Ich schöpfe quasi aus mir selber. Die äusserlichen Einflüsse, so auch andere Orte, wirken aber auf die Klänge in meinem Inneren ein. Wenn ich in Japan leben würde, würde meine Musik bestimmt ganz anders klingen, obwohl meine musikalische Handschrift auf jeden Fall erkennbar bliebe. Auch hier darf man aber nicht daraus schliessen, dass meine Musik in Japan einen hörbar „fernöstlichen Touch“ erfahren würde. Der geographische Einfluss würde sich sehr sublim und wiederum unbewusst bemerkbar machen.
Können Sie uns den Prozess von der Entstehung eines Werkes bei Ihnen beschreiben?
Da das Komponieren nicht nur meine Berufung sondern auch mein Beruf ist, versuche ich, meinen Alltag so interessant und vielfältig als möglich zu gestalten. Daher gibt es bei jedem einzelnen Werk einen anderen Entstehungsprozess. Ich erlaube mir daher, die zwei Extreme aufzuzeigen, zwischen denen sich meine kompositorischen Vorgehensweisen mit allen Mischformen befinden: Ich entwickle zuerst die Struktur und die formalen Verläufe des kompletten Stückes und zeichne ein Zeitstrahl-Schema, in das alle Parameter der Musik eingefügt werden. Ich verwende dafür einzelne Wörter, selbst erfundene Zeichen oder auch Noten. Auch die Dramaturgie und die Relationen von Tempi, Formabschnitten, Motiven etc. fliessen in diese Skizze ein, dem Bauplan eines Architekten gleich. Erst dann setze ich mich vors leere Notenblatt und beginne mit der Niederschrift des ganzen Stückes, wobei auch der Akt des Schreibens einen Einfluss auf die Musik hat. In den Anfängen meines Komponierens setzte ich die vorliegenden Konzepte minutiös um, zwang mich dazu, nicht von den Plänen abzuweichen. Mit zunehmender Erfahrung liess ich mich mehr und mehr von der Inspiration treiben und verliess das Korsett der Skizze, um doch immer wieder darauf zurückzukommen. Das zweite Extrem eines Entstehungsprozesses kam erst viel später – mit noch mehr Erfahrung und Selbstvertrauen – dazu: Es gibt kein Konzept, keine Idee, keine Einschränkung. Ich setze mich vor das leere Blatt Papier und warte, was geschieht. Dieser schmerzliche Moment kann ewig dauern! Wenn (bzw. falls!) dann die Inspiration kommt, ist das die für mich beglückendste Art des Komponierens. Wie von unsichtbarer Hand gelenkt, wird Ton für Ton aufgeschrieben, bis das fertige, organisch gediehene Stück vor mir liegt. Es ist erstaunlich, dass ein so entstandenes Werk in der anschliessenden Analyse oft strenger komponiert ausfällt als ein Werk, das einem mathematischen Konzept folgt. Dies zeigt mir, dass man nicht nur mit dem Bauch und nicht nur mit dem Kopf komponiert, sondern mit beiden gleichzeitig, da sie untrennbar miteinander verbunden sind. Zwischen diesen zwei Arten des Entstehungsprozesses gibt es natürlich unendlich viele, reizvolle Mischformen. Alle Entstehungsprozesse haben aber gemeinsam, dass sie mit der Notation des dicken Doppelstriches am Ende die definitive Vollendung einer Partitur anzeigen. Von diesem Moment an werden die Werke nie mehr angerührt, weder für Korrekturen noch für Verschlimmbesserungen, und werden so wie sie sind in die Musikwelt entsendet.
Sie sind zurzeit an der Arbeit für Ihre erste Oper. Können Sie uns etwas darüber erzählen?
Ich hatte einen riesigen Respekt vor dieser Arbeit, obwohl mein handwerklicher Umgang mit dem Orchesterapparat mittlerweile nach jahrzehntelanger Komponiererfahrung als routiniert betrachtet werden kann, ebenso meine Arbeit mit Singstimmen. Eine Oper ist aber viel mehr als bloss ein Orchester, Chor und Solisten! Allein schon die abendfüllende Dimension – mein bisher längstes Werk dauert 35 Minuten – trieb mir den Schweiss auf die Stirn, ganz zu Schweigen von der Dramaturgie einer solchen „Riesenkiste“ und die Entwicklung der einzelnen Rollen bzw. Charaktere. Ich habe aber das grosse Glück, ein umwerfendes Libretto vertonen zu dürfen. Es heisst „Annas Maske“ nach der gleichnamigen Novelle von Alain Claude Sulzer. Der Autor, der ein enormer Musik- und Opernliebhaber und -kenner ist, hat das Libretto selbst verfasst. Seine Sprache ist derart rhythmisiert, dass es bereits bei der ersten Lektüre in meinem Kopf zu klingen begann. Inzwischen ist etwa die Hälfte der Oper komponiert und die anfängliche Angst verflogen. Mehr noch: Die Arbeit an meiner Oper macht mir so grossen Spass wie selten in meiner gesamten Laufbahn. Selbstverständlich gibt es immer wieder Stillstände, kritische Phasen und Hindernisse, die überwunden werden müssen, aber die Freude an dieser Arbeit überwiegt bei weitem. Diesen Umstand führe ich immer wieder auf das hervorragende Libretto zurück, das mich bei aller Tragik – Mord! Selbstmord! – sehr oft in meinem stillen Kämmerlein Schmunzeln und gar Lachen lässt. Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass mich die Arbeit an einer Oper derart inspiriert und beglückt. Und so kann ich die Premiere im Mai 2017 in St. Gallen kaum erwarten...
Sehen Sie einen Einfluss des Mediums Internet auf die Entwicklung der zeitgenössischen Musik?
Die neuen Medien haben einen grossen Einfluss auf die Entwicklung der (zeitgenössischen) Musik. Es fällt auf, dass es besonders in den Bereichen der elektronischen Musik und multimedialer Projekte praktisch keine Grenzen mehr gibt. Heute stehen den Künstlern nicht nur hochentwickelte Software sondern auch ganze Klangdatenbanken zur Verfügung. Das Komponieren unter Einbezug von elektronischen Hilfsmitteln ist technisch einfacher geworden, wobei die künstlerischen und ästhetischen Ansprüche genau gleich hoch liegen (müssen) wie früher. Es ist daher schwieriger geworden, aus der unendlichen Fülle des heutigen Komponierens die guten Werke herauszusuchen. Das gilt natürlich auch für die akustische Musik. Eine von einer Notationssoftware eingerichtete Partitur sieht graphisch fast immer grossartig aus; und so muss man das innere Ohr extrem schärfen, um erkennen zu können, ob die schön gedruckte Musik auch tatsächlich künstlerisch wertvoll ist. Für die Verbreitung der zeitgenössischen Musik ist das Internet aber von grösster Bedeutung. Heute kann ein komplettes Set an Aufführungsmaterial an ein Orchester am anderen Ende der Welt gesendet, ausgedruckt und aufgeführt werden. Dasselbe gilt für Tonträger. Es ist für einen Komponisten heute daher nicht mehr unbedingt notwendig, einen Verlag zu haben, der die Werke vertreibt. Mit etwas Geschick und unter zeitlichem Aufwand kann man das selbst erledigen. Ich muss gestehen, dass ich es begrüsse, dass sowohl Noten als auch Tondateien immer und überall zur Verfügung stehen. Allerdings stört es mich ganz gewaltig, dass heute alles gratis sein muss. Am Ende schädigt man so nicht nur die Künstler sondern auch ganze Zweige der Musikbranche. Das gesamte Verlagswesen ist deswegen heute schon im Umbruch und ich bin sehr gespannt, wie diese Entwicklung weiter geht. Innovation ist gefragt! Wenn ich die Musikvermittlung betrachte, bin ich ausschliesslich positiv gestimmt, was das Internet betrifft. Ich bin überzeugt davon, dass die sozialen Medien in Zukunft eine extrem wichtige Rolle dabei spielen, Publikum aller Altersschichten in die Konzertsäle zu locken. Die Möglichkeiten scheinen mir unbegrenzt zu sein und werden heute auch schon zögerlich genutzt. Der Fokus wird aber mehr und mehr auf die sozialen Medien fallen. Natürlich tummelt sich im Internet auch unendlich viel Unfug, doch wenn man weiss, wie mit den elektronischen Medien umzugehen ist und so einen positiven Nutzen daraus zieht, ist das Internet ein wunderbarer, zusätzlicher Informationskanal.
Was ist Ihnen bei all Ihren Werken wichtig, setzen Sie allgemein geltende Massstäbe und Kriterien?
Mir ist äusserst wichtig, dass meine Musik – losgelöst von der Dichte der Instrumentation – immer transparent durchhörbar ist. Jede einzelne Note hat ihren zwingenden Platz und will vom Ohr wahrgenommen werden. Dies führt dazu, dass selbst dick und düster orchestrierte Passagen luzid wirken. Ein Paradox! Zudem lege ich grossen Wert auf eine formale Stringenz, die den Hörer sozusagen bei der Hand nimmt und durch die ganze Komposition führt, sodass wichtige Eckpfeiler des Werkes selbst beim ersten Hören in der Erinnerung haften bleiben. Und schliesslich ist es mein Anspruch, meine Partituren derart genau zu notieren, dass sich dem Interpreten selbst bei komplexen Werken praktisch keine Fragen zur technischen Aufführbarkeit stellen. Nur so habe ich die Gewissheit, dass die Stücke auch ohne meine Anwesenheit bei Proben und Konzerten genauso klingen, wie ich sie mir vorgestellt habe – wobei sich diese Akribie natürlich nicht auf den interpretatorischen Anteil der Aufführenden bezieht!
Was möchten Sie mit Ihrer Musik erreichen?
Die Menschen, die meine Musik hören, sollen auf irgendeine Art emotional berührt werden. Ob es sich dabei um begeisterte Zustimmung oder radikale Ablehnung handelt, ist sekundär. Nur die apathische Gleichgültigkeit ist mir ein Dorn im Auge. Wenn meine Musik darüber hinaus zu Gedanken anregt, die dann im Leben des Hörers etwas verändern oder bewirken, bin ich sehr glücklich! Obwohl jede Musik politisch ist, trägt der grösste Teil meiner Musik keine politische oder sozialkritische Botschaft – sie ist nicht mehr aber auch nicht weniger als Klang.
Haben Sie kompositorisch gesehen ein übergeordnetes Lebensziel?
Ich bin dieses Jahr 40 geworden und habe mir genau diese Frage gestellt. Statistisch gesehen arbeite ich ja noch an meinem Frühwerk... Wenn ich zurückblicke, erstaunt es mich, wie viel Musik ich bereits komponiert habe. Und so habe ich mich tatsächlich gefragt, ob ich einfach weitere Orchesterwerke, weitere Kammermusik und weitere Vokalmusik schreiben soll. Insofern kam der Opernauftrag als unberechenbare Herausforderung zum perfekten Zeitpunkt. Parallel zur Oper arbeite ich an meiner umfangreichen Symphonie, die ich Satz für Satz im Auftrag von vier verschiedenen Orchestern schreibe. Zwei Sätze wurden bereits vom Orchestre symphonique de Montréal unter Kent Nagano bzw. von den Bamberger Symphonikern unter Jonathan Nott uraufgeführt. Solchen speziellen, auch umfangreichen Projekten möchte ich mich gerne in Zukunft widmen. Natürlich gibt es auch noch eine ganze Reihe von Orchestern und Interpreten, mit denen ich gerne zusammenarbeiten würde. Allerdings gibt es bei mir keine Karriereplanung, da das Leben bekanntlich völlig unberechenbar ist. Ich gehe langsam und behutsam, Schritt für Schritt weiter und freue mich auf alle kommenden Aufträge, Projekte, Aufführungen und besonders auf weitere Begegnungen mit interessanten Künstlern.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 2.11.2015
© Foto: Manu Theobald
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