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Tianwa Yang

Tianwa Yang im aktuellen Interview.

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Francesco Piemontesi im Interview

Francesco Piemontesi

« Dem heutigen Musizieren ist viel, viel Kultiviertheit verloren gegangen. »

Der in Locarno geborene Pianist Francesco Piemontesi hat sich durch Auszeichnungen bei mehreren großen Wettbewerben international einen Namen gemacht. Er gilt als einer der herausragenden neuen Mozart-Pianisten. Kennzeichnend für Piemontesis Spiel sind technische Perfektion, eine große und reiche Farbpalette sowie die Kultiviertheit des Ausdrucks.

Classicpoint.net: Sie sind im Tessin aufgewachsen und wohnen nun in Berlin. Wo fühlen Sie sich wohl, was für ein Umfeld brauchen Sie, um kreativ arbeiten zu können?
Für meine tägliche Arbeit, für mein Üben, brauche ich vor allem Ruhe. Die finde ich in meinem Übezimmer in Berlin genauso wie am Lago Maggiore. Ich glaube nicht, dass der Ort einen grossen Einfluss hat. Was alle anderen Aspekte des Lebens betrifft, bietet Berlin im Moment sehr viel. Für immer dort zu leben kann ich mir aber offen gestanden nicht vorstellen. Und natürlich bin ich auch wegen der Settimane Musicali häufig in meiner Heimat, im Tessin.

Sie gelten als einer der herausragenden neuen Mozart-Pianisten. Was haben Sie persönlich für einen Bezug zu Mozart und seiner Musik?
Einen ganz direkten, gewachsenen Bezug. Ich habe von Anfang an immer Mozart gespielt. Schon als Kind fand ich seine Musik ungemein menschlich, kommunikativ. Die scheinbare Einfachheit, hinter der sich solche Tiefen verbergen. Hinter dem so mühelos wirkenden Gleichgewicht steckt aber immer sehr viel Arbeit: Alles muss bei Mozart wohldosiert eingesetzt werden, die Klangfarben, die Artikulation, die Agogik. Es hängt alles miteinander zusammen. Wenn man nur ein bisschen zu viel oder zu wenig hiervon oder davon benutzt, fällt alles in sich zusammen. So gesehen ist ein kleines Rondo von Mozart viel schwieriger als die virtuosesten Stücke von Rachmaninov oder Liszt.

Ihr wohl bekanntester Lehrer und Mentor war Alfred Brendel. Inwiefern hat er Sie geprägt?
In ganz vielerlei Hinsicht. Ich habe zum Beispiel mit ihm viel an Klangfarben gearbeitet. Er hat verschiedene Techniken entwickelt, wie man Orchesterinstrumente am Klavier durch einen differenzierten Anschlag imitieren kann. Nachhaltig geprägt hat mich aber vor allem seine Haltung, sein Ethos, seine grosse Aufrichtigkeit als Interpret. Zudem ist Alfred Brendel natürlich auch kein geschichtsloser Interpret, sondern steht für eine Schule. Er hat mir immer sehr viel von seinem wichtigsten Lehrer, Edwin Fischer, erzählt, den er ebenso verehrt wie ich. Ein unglaublich kultivierter und subtiler Pianist. Wir haben oft zusammen alte Aufnahmen von Fischer aus Brendels Privatbesitz gehört und dann darüber gesprochen. Davon habe ich auch sehr viel mitgenommen.

Sie sind künstlerischer Leiter des Festivals „Settimane Musicali di Ascona“. Was unterscheidet dieses Musikfestival von anderen vergleichbaren Festivals?
Die Settimane sind ein relativ kleines Festival. Uns unterscheidet, aus meiner Sicht, von anderen Festivals die Tatsache, dass wir finanziell völlig unabhängig sind. Dadurch kann ich Künstler einladen, von deren Integrität und Qualität ich absolut überzeugt bin, ohne mich um deren „Marktwert“ kümmern zu müssen. In unserer Zeit beherrschen ja einige wenige, bekannte Plattenfirmen durch einen übermächtigen Einsatz von PR den Markt. Deren Kriterien liegen mittlerweile mehr auf der Vermarktbarkeit als auf der künstlerischen Qualität. Nach diesen Kriterien würden legendäre Musiker wie Leonskaja, Sokolov oder Perahia heute wahrscheinlich keine grosse Karriere mehr machen. Deshalb finde ich es doppelt wichtig, dem Publikum in Ascona ein Programm zu bieten, das sich vom bekannten Klassik-Mainstream unterscheidet.

Sie interessieren sich für Quantenphysik. Was fasziniert Sie daran?
Ich finde es sehr spannend, dass die Dinge sich auf der Mikroebene ganz anders gestalten, als man es erwarten würde. Das hat mich schon als Schüler fasziniert. Ausserdem finde ich Schönheit in den klaren Gesetzmässigkeiten der Naturwissenschaft.

Sehen Sie eine Verbindung zu Ihrer Tätigkeit als Pianist?
Nein, eher im Gegenteil. In der Naturwissenschaft sind die Dinge richtig oder falsch, wahr oder unwahr. In der Musik gibt es immer mindestens tausend verschiedene Lösungen. So gesehen manifestiert sich da vielleicht eine Sehnsucht in dieser Vorliebe... Aber das wäre wahrscheinlich zu viel der Interpretation.

Sie haben in einem Interview von Glücksmomenten während Konzerten erzählt. Was genau passiert da mit Ihnen?
Das ist ein Gefühl, das wahrscheinlich jeder Musiker kennt: Man wird getragen, man vergisst alles, man wird eins mit der Musik. Funktionieren tut das allerdings nur, wenn wirklich alle Arbeit getan ist, und man sich so gut vorbereitet hat wie nur irgendwie möglich. Nur dann kann man im entscheidenden Moment loslassen.

Sind solche Glücksmomente physikalisch erklärbar?
Interessante Frage. Auf wissenschaftlicher Ebene habe ich mich damit noch nie beschäftigt. Ich nehme an, da müsste man einen Neurologen fragen.

Welches sind Ihre Zukunftspläne und Visionen?
Es ist mir als Interpret sehr wichtig, meine Klangkultur zu pflegen und zu entwickeln. Pianisten wie Kempff, Fischer und Brendel haben das ihr Leben lang getan, und ich widme dieser Aufgabe täglich viele Stunden Arbeit. Im Schnitt ist dem Musizieren heute viel, viel Kultiviertheit verloren gegangen. Das betrifft das Klavier übrigens ebenso wie andere Instrumente, den Orchester- und den Opernbereich. Da möchte ich dagegenhalten, als Pianist wie in Ascona.

Welche Interessen und Aktivitäten haben Sie zusätzlich nebst der Musik und Physik?
Oh, ich schätze, es gehört irgendwie zu meinem Schicksal von allen möglichen Dingen fasziniert zu sein, was bedeutet, dass man leider nicht immer in die Tiefe gehen kann. Kunst, Architektur, Naturwissenschaften, Sprachen, Geschichte – die Liste liesse sich lange ausdehnen. Eines ist vielleicht erwähnenswert: Ich bin seit meiner Kindheit begeisterter Freund der Campanologie, der Glockenkunde. Kirchenglocken gehören zu den schönsten Instrumenten unserer Kultur. Ich habe in meinem Leben unzählige Kirchtürme besichtigt, arbeite mit einem Freund an einem Kompendium sämtlicher historischer Glocken im Kanton Tessin und habe mir auch schon selbst Glocken gießen lassen.


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 1.1.2017
Bild © Benjamin Ealovega

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