Vadim Repin im Interview

«Heute übe ich wirklich anders.»
Vadim Repin braucht man kaum noch vorzustellen. Der russische Stargeiger gehört zu den bekanntesten Geigern der heutigen Zeit. Legendär ist die Aussage von Yehudi Menuhin, als er ein Konzert von Vadim Repin besuchte: „He is simply the best and most perfect violinist that I have ever had the chance to hear.“
Classicpoint.ch: Sie haben bei Zakhar Bron studiert. An was erinnern Sie sich, wenn Sie an diese Zeit zurückdenken?
Ich hatte das Glück, bereits in jungen Jahren mit einem großen Meister zu studieren. Professor Bron war sehr streng, und ich erinnere mich, wie nervös ich vor meinem Unterricht bei ihm als Kind in Novosibirsk war. Er hasste es, wenn man den gleichen Fehler zweimal gemacht hat und wurde sehr ungeduldig! Aber die harte, ernste und konzentrierte Arbeit hat sich gelohnt. Ich habe es geliebt, als junger Künstler in der Welt herumzureisen, noch bevor ich ein Teenager war und Konzerte spielen konnte.
Sie wollten ursprünglich mit 4 Jahren Akkordeon lernen an der Musikschule und haben keinen Platz gekriegt. Violine war weniger beliebt, und es hatte noch Plätze frei, so sind Sie zur Violine gekommen. Wie ist Ihr Verhältnis zum Akkordeon heute?
Ich habe es ein bisschen alleine gelernt. Mein Vater hat in der Armee Akkordeon spielen gelernt. Ich hatte jedoch nie die Chance, das Instrument in der Öffentlichkeit zu spielen. Ich spiele manchmal auch Klavier zum Spass. Musik zu machen war für mich schon immer so natürlich wie das Atmen gewesen. Ich habe kein spezielles Verhältnis zum Akkordeon. Es ist ein wunderbar vielfältiges Instrument mit all seinen Stimmen. Aber es ist fest in der Tradition der Volksmusik verwurzelt.
Sie sind extrem jung berühmt geworden, haben auch als bisher Jüngster im Jahr 1989 den wichtigen Geigenwettbewerb Concours Reine Elisabeth gewonnen. Haben Sie manchmal das Gefühl, etwas in Ihrer Kindheit und Jugend verpasst zu haben?
Überhaupt nicht. Jetzt wo ich Vater zweier Kinder bin, sehe ich wieder, wie wichtig es für ein Kind ist, Ziele zu haben und Verantwortung zu spüren. Ich ermutige meine Kinder, sich mit Malen, Musik, Tanz und Sport zu beschäftigen.
Sie sind mit Svetlana Zakharova, der Primaballerina des Bolschoi-Balletts und der Scala verheiratet. Spielen Sie manchmal zuhause Geige, und sie tanzt dazu so wie an Ihrem Musik-Festival?
Zuhause konzentrieren wir uns darauf, Eltern zu sein! Wir geniessen das Zusammensein der Familie, besuchen den Zoo, gehen spazieren, schwimmen etc. Aber ja, manchmal tanzt Svetlana für unsere Tochter oder ich spiele für sie – Sie liebt es.
Sie haben im März 2014 ein eigenes Musikfestival in Novosibirsk gestartet. Was ist das Spezielle an diesem Musikfestival?
Eigentlich wie eine transsibirische Eisenbahn versuchen wir, die Leute auf eine künstlerische Reise durch vielfältige Landschaften zu nehmen. In unserem Fall sind das vielfältige Kunstformen, hauptsächlich Musik aber auch Tanz, Kunstausstellungen von Gemälden und Skulpturen sowie Diskussionsrunden vor und nach den Anlässen.
Sie sind viel unterwegs und legen Wert auf körperliche und mentale Fitness. Wie trainieren Sie diese im Tournee-Alltag?
Ich denke, das Wichtigste ist eine gute Planung und eine starke Motivation. Kombiniert entsteht eine gute Fitness, physisch und mental. Natürlich ernähre ich mich bewusst, achte darauf, was ich trinke und mache Sport. Tennis, Skifahren, Schwimmen und auch Billiard sind meine Lieblingsbeschäftigungen, wenn ich Zeit habe.
Üben Sie heute anders als Sie vor 20 Jahren geübt haben?
Ja, heute übe ich wirklich anders. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, obwohl das auch eine Gefahr mit sich bringt. Ich habe eine gewisse Routine entwickelt, ähnlich einem Athleten. Ich brauche Fingerübungen und muss den wichtigsten Muskel, das Gehirn trainieren. Es fängt mit einem Aufwärmen an und endet, wenn ich zufrieden genug bin, um die Geige und den Bogen niederzulegen.
Welches war Ihr schlimmstes Bühnenerlebnis?
Mein schlimmstes Erlebnis auf der Bühne war, als die Spitze meines Bogens mit einem lauten Riss knickte – ein grosser Schock! Ich musste den Bogen des Konzertmeisters vom Orchester nehmen, um gleich weiter spielen zu können. Mein schlimmstes Erlebnis abseits der Bühne war, als ich auf der Suche nach dem Konzertort in Ferrara in Italien war, als ich eigentlich in Carrara hätte sein müssen… ein Albtraum!
Welches war Ihr schönstes Bühnenerlebnis?
Ich habe so viele wunderbare Momente auf der Bühne erlebt, dass es mir schwer fällt, den schönsten Moment auszuwählen. Es gab Momente, bei denen mich die Musik so tief berührt hat, dass ich danach eine Zeit lang nicht reden konnte. Es gab Momente, wo alles perfekt gepasst hat: Meine Frau ist im Publikum, meine Mitmusiker und ich sind in bester Form, der Musiksaal hat eine perfekte Akkustik, das Publik hört aufmerksam und atemlos zu – was für ein wunderbares Gefühl ist das!
Hätten Sie auch Lust, mal ein Orchester ohne Geige zu dirigieren?
Ja, das könnte ich mir auf jeden Fall vorstellen. Aber Dirigent zu sein braucht sehr viel Engagement und harte Arbeit, wie ich sie in die Geige investiert habe. Die Zeit wird es zeigen, ob ich den Luxus einer ähnlichen Investition erleben kann.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 3.11.2014
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