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Interview mit Julia Lezhneva

Julia Lezhneva

«Die analytische Arbeit ermöglicht emotionale Freiheit, während emotionale Entdeckungen mich häufig dazu bringen, etwas technisch weiter zu verfeinern.»

Die 1989 auf der Insel Sachalin geborene russische Sopranistin Julia Lezhneva zählt zu den führenden Interpretinnen des barocken und klassischen Repertoires. Ihren internationalen Durchbruch feierte sie 2010 bei den Classical Brit Awards in London. Seither gastiert sie auf bedeutenden Bühnen und arbeitet mit renommierten Ensembles wie Il Giardino Armonico, Concerto Köln und dem Kammerorchester Basel zusammen. Besonders geschätzt wird sie für ihre virtuose Koloraturtechnik, ihre klare Stimme und ihre ausdrucksstarke Interpretation.

Sie sind die Tochter zweier Geophysiker. Wie sind Sie Opernsängerin geworden?
Meine Liebe zur klassischen Musik habe ich von meinen Eltern geerbt. Meine Mutter hatte eine kleine Sammlung von Schallplatten, die ich mir ständig anhörte. Beide Eltern haben ein gutes musikalisches Gehör. Meine Mutter erzählte mir viele unterhaltsame Geschichten über die künstlerischen Talente ihrer Mutter und Grossmutter. Sie selbst besuchte eine Musikschule, an der sie sang und Domra spielte.
Auf der Seite meines Vaters waren die Männer unserer Familie über sieben Generationen hinweg als orthodoxe Priester tätig. Einer von ihnen hätte möglicherweise eine Karriere als Sänger einschlagen können: Er hatte grosses Talent und sogar die Möglichkeit, am Theater aufzutreten. Doch sein Vater verweigerte ihm den Segen, und so wurde er stattdessen Priester.
Als ich sieben Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir nach Moskau. Zunächst war das Klavier mein Hauptinstrument. Eines Tages stellte mir meine Lehrerin eine Aufnahme von Cecilia Bartoli mit Giovanni Antonini sowie weitere Barockaufnahmen vor. Für mich als Elfjährige war es eine Offenbarung zu entdecken, dass die menschliche Stimme wie ein Instrument klingen und wirken kann – so virtuos und ausdrucksstark. Daraufhin begann ich Gesangsunterricht zu nehmen. Später setzte ich meine Ausbildung mit dem Schwerpunkt Gesang fort, nahm an mehreren Wettbewerben teil und studierte in Cardiff und London. Auf diesem Weg wurde ich von vielen aussergewöhnlichen Persönlichkeiten unterstützt, gefördert und inspiriert – darunter E. Obraztsova, M. Van Daalen, D. O’Neill, M. Minkowski, K. Te Kanawa und G. Antonini. Sie haben mein Leben geprägt und mir dabei geholfen, Sängerin zu werden.

Wie gehen Sie an eine neue Rolle heran – eher analytisch oder emotional?
Wenn ich mich einer neuen Rolle nähere, bewege ich mich zwischen einem analytischen und einem emotionalen Zugang. Zu Beginn konzentriere ich mich stark auf die Analyse: auf die musikalische Struktur, die Phrasierung, die Dynamik und natürlich den Text. Handelt es sich um eine Fremdsprache, übersetze ich den Text, denn ich möchte nicht nur die allgemeine Bedeutung verstehen, sondern jede einzelne Nuance – auch das, was zwischen den Zeilen steht und häufig durch die Musik vermittelt wird. Dieser Prozess gibt mir Sicherheit und Klarheit und hilft mir, eine solide technische Grundlage zu schaffen.
Je vertrauter ich mit der Musik werde, desto stärker verlagert sich mein Fokus auf die emotionale und intuitive Ebene. Ich frage mich, wer diese Figur wirklich ist, was sie will und was sie empfindet. Die Musik wird dann weniger zu etwas, das ich «lerne», sondern vielmehr zu etwas, das ich durchlebe.
Letztlich ist es ein ständiger Dialog zwischen beiden Ebenen: Die analytische Arbeit ermöglicht emotionale Freiheit, während emotionale Entdeckungen mich häufig dazu bringen, etwas technisch weiter zu verfeinern. Im Idealfall kann ich auf der Bühne loslassen und ganz im Moment, in der Figur und in der Musik präsent sein.

Gibt es eine Aufführung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es gibt viele Aufführungen, die mir in Erinnerung geblieben sind. An einige aus den Anfängen meiner Karriere erinnere ich mich besonders gut, weil ich damals sehr nervös war. Zu jener Zeit war jede einzelne Aufführung etwas ganz Besonderes. Ich dachte, dieses Gefühl würde sich mit der Zeit verändern – doch das ist nicht geschehen.
Jede Erfahrung und jeder Auftritt ist auf seine eigene Weise einzigartig und unvergesslich. Jeder Auftritt hinterlässt Spuren, prägt und verändert mich ein wenig und vertieft meine Inspiration sowie meine Verbundenheit mit meinem Beruf.

Wie gehen Sie mit Lampenfieber um?
Ein gewisses Mass an Nervosität ist für Sängerinnen und Sänger normal – ja sogar notwendig. Dieses Adrenalin kann die Konzentration schärfen und einer Aufführung genau die richtige Energie und Spannung verleihen. Entscheidend ist, die richtige Balance zu finden und die Nervosität nicht ausser Kontrolle geraten zu lassen.
Vor einem Auftritt versuche ich, mich körperlich zu erden: durch ruhiges und gleichmässiges Atmen, das bewusste Spüren meiner Füsse auf dem Boden und das Lösen unnötiger körperlicher Spannungen. Manchmal macht bereits ein stiller Moment hinter der Bühne einen grossen Unterschied und hilft mir, wieder eine Verbindung zu meinem Atem herzustellen.
Auch eine gute Vorbereitung ist ein wichtiger Anker. Wenn ich eine Rolle musikalisch, technisch und emotional wirklich verinnerlicht habe, besitze ich eine stabile Grundlage, auf die ich vertrauen kann. Anstatt darüber nachzudenken, wie ich wahrgenommen werde, versuche ich, ganz in der Figur und ihrer Geschichte zu bleiben. Sobald ich mich vollkommen auf das einlasse, was ich ausdrücken möchte, bleibt weniger Raum für Angst. Dann geht es weniger darum, dass «ich auftrete», sondern vielmehr darum, in diesem Moment etwas mit dem Publikum zu teilen.

Muss sich die Oper verändern, um zu überleben – oder ist vielleicht genau das Gegenteil der Fall?
Die Rahmenbedingungen sind anspruchsvoller geworden. Der Zeitgeist und die sich wandelnde politische Landschaft bringen auch wirtschaftliche Herausforderungen für Opernhäuser und die Oper im Allgemeinen mit sich. Dennoch bietet die Musik – und insbesondere die Oper – etwas Bleibendes: eine Verbindung zu unserer Vergangenheit und zugleich einen Zugang zu anderen Welten. Darüber hinaus bringt sie Schönheit in unser Leben. Wir werden dazu eingeladen, über den gegenwärtigen Moment hinauszutreten und uns mit der Geschichte und der Musik zu verbinden. Das ist für mich eine der wichtigsten Aufgaben der Oper und der Kultur insgesamt. Ein zentraler Aspekt ist für mich, dass eine Inszenierung und Produktion sowohl dem Librettisten als auch dem Komponisten gerecht werden sollte. Auch wenn eine Oper aus dem 17. bis 19. Jahrhundert in einen neuen oder zeitgenössischen Kontext übertragen wird, kann sie ihre ursprüngliche Atmosphäre und Ästhetik bewahren – vorausgesetzt, die Interpretation bleibt der Kernidentität des Werkes treu. Es geht daher darum, historische Authentizität und zeitgenössische Relevanz in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen.

Gibt es Aspekte der klassischen Musikwelt, die Sie kritisch sehen?
In unserer Zeit prägen einfache Harmonien und moderne Rhythmen einen grossen Teil unseres alltäglichen Hörerlebnisses. Vor diesem Hintergrund kann klassische Musik distanziert oder anspruchsvoll wirken, da sie häufig ein höheres Mass an Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert. Dadurch kann eine gewisse Zugangsschwelle entstehen, die nicht immer leicht zu überwinden ist.
Gleichzeitig liegt genau in dieser Tiefe auch ihre Stärke. Wenn wir uns auf ihre Strukturen und ihre Schönheit einlassen, entfaltet sich ihre Wirkung mit der Zeit und kann zu einer tief bereichernden Erfahrung werden. Deshalb halte ich es für wichtig, dass die klassische Musikwelt darüber nachdenkt, wie sie ihrer künstlerischen Tiefe treu bleiben und zugleich neue Zuhörerinnen und Zuhörer erreichen kann.

Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich einen Rat geben könnten – welcher wäre das?
Wenn ich meinem jüngeren Ich einen Rat geben könnte, würde ich sagen: Vertraue deinem eigenen Weg und habe Geduld mit dir selbst. Entwicklung braucht Zeit, und nicht alles muss sofort perfekt sein. Wichtig ist, neugierig und offen für neue Erfahrungen zu bleiben und sich von Zweifeln nicht entmutigen zu lassen.

Was möchten Sie als Künstlerin langfristig zum Ausdruck bringen oder hinterlassen?
Als Künstlerin möchte ich vor allem etwas Echtes und Berührendes vermitteln – etwas, das über den Augenblick hinaus Bestand hat. Wenn es mir gelingt, Menschen durch Musik zu bewegen, ihnen neue Perspektiven zu eröffnen oder ihnen einen Moment der Schönheit und Tiefe zu schenken, dann ist das für mich das Wertvollste, was ich hinterlassen kann.

Wie finden Sie die Balance zwischen einem intensiven Tourleben und Ihrem persönlichen Alltag?
Manchmal kann man sich durch anspruchsvolle Probenphasen und ständiges Reisen eingeengt fühlen – fast wie in einem engen Korsett. Das ist zweifellos eine Herausforderung. Wann immer es möglich ist, versuche ich, wieder mit der Natur in Kontakt zu kommen, beispielsweise beim Wandern in den Bergen. Ausserdem nehme ich mir bewusst Zeit für Ruhe und Erholung.

Was inspiriert Sie ausserhalb der Musik?
Wasser spielt seit meiner Kindheit eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ich fühle mich von der Weite des Meeres angezogen, ebenso wie von stillen Wegen entlang von Flüssen und Seen. Dort habe ich häufig das Gefühl, dass jeder Schritt einem tieferen inneren Fluss folgt. An solchen Orten kann ich die Schönheit des Lebens und der Natur besonders intensiv spüren.


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.09.2026
Bild Copyright: Ksenia Zasetskaya

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23.09.2026 - Golden Age | Julia Lezhneva II
03.10.2026 - Arie di baule – Kofferarien: Sängerstars auf Reisen | Julia Lezhneva III
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28.11.2026 - Händel: Agrippina (konzertant)
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