Interview mit Sophie Pacini

«Musik ist für mich ein Mantel der Wärme, der nur geteilt Glück ergibt.»
Sophie Pacini (geb. 1991 in München) ist eine deutsch-italienische Pianistin, die zu den herausragenden Musikerinnen ihrer Generation zählt. Bereits im Kindesalter erhielt sie eine hochbegabte Förderung und gab mit acht Jahren ihr erstes Konzert. Sie studierte unter anderem bei Pavel Gililov und entwickelte früh eine internationale Konzertkarriere.
Pacini tritt regelmäßig in bedeutenden Konzertsälen Europas, Asiens und Nordamerikas auf und arbeitet mit renommierten Orchestern sowie Dirigenten zusammen. Für ihre Aufnahmen und Interpretationen – insbesondere von Werken der Romantik – wurde sie mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Echo Klassik und dem ICMA Award. Neben ihrer Tätigkeit als Konzertpianistin engagiert sich Sophie Pacini für die Vermittlung klassischer Musik und betreut eigene Projekte, die Kunst und gesellschaftliches Engagement verbinden.
Wie sind Sie als Kind zum Klavierspiel gekommen?
Meine Mutter hatte meinem Vater von ihrem ersten Ersparten ein Klavier geschenkt, um ihm den lang gehegten Traum zu erfüllen, mit dem Spielen anzufangen und Unterricht zu nehmen. Ich habe direkt ebenso Neugier bekundet und bei dem Tag der offenen Tür der Musikschule unseres Ortes, habe ich dann zum ersten Mal einen Flügel entdeckt, oder wie ich ihn liebevoll nenne „meinen schwarzen Panther“ und mich in diese unabhängige, kraftvoll subtile Eleganz verliebt. Und da ich erfuhr, dass man als Schüler erst an den Flügel darf, wenn man am Klavier (Hochkant-Klavier) gut ist, war für mich klar, dass ich schnell richtig gut werden möchte, um mich in Windeseile an den Flügel setzen zu dürfen. Und einmal dort angekommen, wollte ich nicht mehr weg. Ich hatte meinen Lieblingsplatz gefunden.
Sie haben ein eigenes Festival "Nuancen" 2023 ins Leben gerufen. Was zeichnet dieses Festival aus?
„Nuancen“ ist für mich ein Bekenntnis zu den Zwischentönen, zu allem, was Menschen verbindet, die völlig verschiedenen kulturellen Interessen nachgehen, vielleicht noch keine Berührung zur Musik hatten oder auch einfach Hochkultur mit Blick auf die Alpen, Lindenduft und inmitten bayerischer Gemütlichkeit erleben wollen. Es ist ein Festival, das die Vielfalt der Wahrnehmung feiert – in der Musik, in der Literatur, im menschlichen Austausch. Wir leben in einer Welt, die oft in Schlagworten spricht. Ich wollte einen Raum schaffen, in dem die feinen Übergänge, die Zartheiten, das Unausgesprochene eine Bühne bekommen. Und wo Kontraste zeigen, dass sie einander bedingen, um runde Harmonie zu begründen.
Sie treten nicht nur in den großen Konzertsälen Europas auf. Sie bringen Ihre Musik auch an Orte, die sonst kaum mit klassischer Musik in Berührung kommen und spielen zum Beispiel immer wieder Konzerte in Frauenhäusern. Was hat dazu geführt und wie sind Ihre Erfahrungen?
Mich hat immer bewegt, dass Musik Heilung sein kann, Trost, ein Anker. Frauenhäuser sind Orte, an denen Menschen neue Hoffnung suchen, Zuversicht brauchen – und dort die Musik zu spielen, macht ihren Wesenskern spürbar: Sie gibt Kraft, wo Worte nicht wurzeln können. Es sind mit die berührendsten Konzerte meiner Laufbahn, denn sie zeigen die unmittelbare Wirkung der Essenz von Musik und sind der Kompass für das eigene Ich. Einen Moment der Selbstfürsorge, des Selbstwertgefühls, neuen Mutes, innerer Resonanz und Seelenanrührung schenken. Nach jedem Konzert gibt es von jeder Frau immer eine Umarmung für mich, wir haben sogar auch gemeinsam schon Pasta gekocht und ich fühle mich selbst erfüllt und neuartig, ehrlich inspiriert. Es gibt besonders zwei Sätze, die ich für mich aus meinen bisherigen Konzerten mitgenommen habe und tief im Herzen trage: „Du hast den Ort zuversichtlicher und heller hinterlassen, als wir ihn zuvor empfunden haben.“ „Bitte sprich über uns, erzähle unsere Geschichte. Bitte gib uns eine Stimme“. Und das ist mein Ziel, mit meiner Öffentlichkeit eine Mission zu erfüllen. Die Mission, Wertschätzung zurückzugeben, Geschichten unverschuldeter Bitterkeit und den Ausblick auf eine neu zu entdeckende Zukunft zu erzählen. Als Frau für andere Frauen einzustehen und den Unterschied zu machen. Einfach weil Musik für mich ein Mantel der Wärme ist, der nur geteilt Glück ergibt.
Aus so einem Auftritt ist auch Ihre neue CD „Bittersweet“ entstanden. Können Sie dazu mehr erzählen?
„Bittersweet“ ist ein Spiegel des Lebens selbst: Freude und Schmerz, die Reise durchs Dunkel ins Licht. Die Idee zum Album entstand in der Tat aus einem dieser Konzerte im Frauenhaus, wo ich spürte: Eine solche Umarmung durch Musik wäre ideal für ein Album, ein Mutmacher to go, ein Klavierbüchlein für die Tasche, eine Talismankiste zum Bewahren. Es ist keine Flucht vor der Realität, sondern ein Durchleben derselben.
Sie setzen sich seit Jahren für die Vermittlung von Klassik an Kinder und Jugendliche ein und möchten klassische Musik jedem und überall zugänglich machen und konzipieren neue Konzertund Sendungsformate für Radio und Fernsehen. Wie sind dabei Ihre Erfahrungen?
Ich erlebe immer wieder: Kinder haben eine unvoreingenommene, fast magische Beziehung zur Musik. Da ist keine Schublade „Klassik“, „Pop“, „Modern“ – da ist nur Staunen. Genau das möchte ich bewahren. In meinen Projekten versuche ich, Formate zu schaffen, die nicht belehren, sondern einladen. Klassik darf kein Museum sein, sie muss atmen, lebendig sein. Das gelingt dann, wenn wir nicht fragen: „Versteht das jemand?“, sondern: „Berührt es?“
Sie sind seit 2019 als Klavierduo mit Martha Argerich unterwegs. Wie ist es, mit ihr zusammen zu spielen?
Mit Martha zu spielen ist wie fliegen – man weiß nie, welche Winde einen tragen, aber man vertraut ihnen. Sie ist ein musikalischer Vulkan, voller Energie und Überraschung, und zugleich eine unglaublich warmherzige Partnerin. Das gemeinsame Musizieren mit ihr ist weniger ein „Prozess“ als ein Lebenstraum, ein freudvolles Abenteuer und baut Kostbarkeiten fürs Leben.
Sie haben ja einen Altersunterschied von 50 Jahren. Gibt es auch unterschiedliche Herangehensweisen an Werke oder Sachen, die Sie anders interpretieren möchten?
Natürlich sind da Unterschiede – geprägt von Zeit, Erfahrung, von Lebenswegen. Aber genau diese Unterschiede sind der Schatz. Es geht nicht darum, recht zu haben, sondern darum, miteinander Räume zu öffnen. Martha bringt eine Unmittelbarkeit, eine zeitlose Neugier mit, die bedingungslos ansteckend ist. Und ich bringe vielleicht die Lust am Aufnehmen und Festhalten aller geteilten und zu fassenden Emotionen mit. Am Ende geben wir uns die Hand – in der Musik, die beglückend und herausfordernd über uns beide wacht.
Haben Sie noch weitere Ideen oder Projektwünsche für die Zukunft?
Meine Frauenhaus- Mission verfolge ich weiter mit Nachdruck, setze mich auch für andere Gemeinschaften und Vereine ein, die Sichtbarkeit und eine halt gebende Umarmung durch Musik brauchen, bin mittlerweile Botschafterin verschiedener Institutionen geworden, die sich über die letzten Monate bei mir durch die Aufmerksamkeit auf die Frauenhäuser gemeldet haben und ich setze mich zunehmend für die deutsche Kulturpolitik ein, frei nach dem Motto: Vom Seitenrand schimpfen kann jeder. Rausgehen, machen, bauen. Daneben verfolge ich meine rege Tätigkeit als Initiatorin und Moderatorin neuer Radioformate und werde auch hier nicht müde, jeden und jede für den keimenden Zauber von Musik zu begeistern. Und vielleicht irgendwann auch ein Buch über kurze Fantasiestücke aus meinem Leben durch die Augen einer Pianistin.
Welche Leidenschaften haben Sie neben der Musik?
Ich schreibe gern, gehe spazieren aber am liebsten nur im Wald (!), beobachte Menschen im Cafe oder auf Reisen und erfinde Geschichten dazu und seit neuestem habe ich wieder ein Abo im Fitnessstudio. Und ich bringe die Menschen um mich herum gerne zum Lachen und dekoriere mein zu Hause je nach Herzenslage. Alles, was die Wahrnehmung schärft, ist für mich Leidenschaft.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.12.2025
Bild: Vitaliy Bachaco
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