Bertrand Chamayou im Interview

« Wir leben in einer so interessanten Zeit. »
Bertrand Chamayou, geboren 1981 in Toulouse, wurde bereits in jungen Jahren von dem Pianisten Jean-François Heisser als herausragendes Talent entdeckt und später am Pariser Conservatoire National Supérieur de Musique unterrichtet. Anschließend studierte er bei Maria Curcio in London. Als bislang einziger Künstler wurde er bereits viermal mit dem französischen Preis Victoires de la Musique ausgezeichnet: 2006 als „Nachwuchskünstler“, 2012 für „Bestes Album“ und 2011 und 2016 in der Kategorie „Solo Instrumentalist“. Für sein Debüt-Album beim Label Erato, das im Frühjahr 2014 erschien, spielte Bertrand Chamayou ein Schubert-Programm ein. Sein neues Album, das im Februar 2016 erschien, widmet sich Ravels Gesamtwerk für Solo-Klavier und wurde mit dem ECHO Klassik in der Kategorie Solistische Einspielung des Jahres ausgezeichnet. Als Auftakt zum 100. Debussy-Todesjahr 2018 erschien Ende 2017 ein Album mit Debussys später Kammermusik, auf dem Chamayou mit französischen Kollegen wie Emmanuel Pahud, Renaud Capuçon, Edgar Moreau und anderen zu hören ist.
Classicpoint.net: Sie wollten zuerst Komponist werden. Warum haben Sie dann eine Karriere als Pianist begonnen?
Das ist eigentlich eine sehr gute Frage. Als ich ein Kind war, begann ich, mich mit Musik zu befassen. Niemand in meiner Familie war ein Musiker. Also kannte ich dieses Feld nicht wirklich. Ich hatte kein Wissen über diesen Job und welche Art von Leben ich erwarten konnte. Ich habe nicht gedacht, einmal ein Profimusiker zu werden. Ich ging normal zur Schule und spielte nebenbei Klavier, ich improvisierte und komponierte Musik. Ich fing wirklich an, mich dafür zu begeistern. Und was ich sehr oft gesagt habe, ist, dass ich, wenn ich in diesem Moment wählen müsste, ein Komponist werden wollte. Vielleicht auch, weil ich ein wenig schüchtern war auf der Bühne und mich sehr wohl gefühlt habe beim Komponieren. Ich habe meine Kompositionen nicht gross gezeigt, musste aber für meine Prüfungen vorsingen und am Klavier spielen. Und so fiel den Leuten mein Talent für das Klavierspiel auf, als ich etwa 12 oder 13 Jahre alt war. Eigentlich begann meine Karriere so, denn zuerst entdeckte mich mein Klavierlehrer in Paris bei einer Prüfung, bei der er in der Jury war. Als ich dann in Paris war, haben mich alle für Konzerte vorgeschlagen. Ich habe mich nie um etwas beworben und habe nie einen Manager angerufen oder einen Promoter engagiert. Ich hatte das Glück, von vielen Menschen wahrgenommen zu werden. In dieser Zeit nahm das Klavierspielen so viel Platz ein, dass ich aufhörte zu komponieren. Ich würde nicht sagen, dass ich frustriert bin, nach mehr als 10 Jahren Karriere als Pianist. Aber im Alter von 30 Jahren wurde mir klar, dass mir irgendetwas Kreatives fehlte. Heute nähere ich mich dem 40. Geburtstag und habe das Gefühl, dass ich zumindest den Komponisten von Heute nahe sein muss. Deshalb spiele ich jetzt viel mehr zeitgenössische Musik, beauftrage neue Stücke und bin so ein wenig näher an zeitgenössischen Komponisten.
Komponieren Sie heute noch?
Nein. Ich habe aufgehört. Als ich im Alter von 16 Jahren nach Paris zog, war ich so stark mit dem Klavierspielen beschäftigt, dass ich aufgehört habe zu komponieren, und ich habe nie wieder angefangen. Schade.
Wenn Sie älter werden, könnte es sein, dass der der Wunsch, wieder zu komponieren stärker wird?
Eigentlich denke ich die ganze Zeit daran. Aber es ist sehr schwer, weil ich so viele Musik kenne. Es ist schwierig zu akzeptieren, etwas nicht sehr Gutes zu tun. Und ich brauche auch Zeit. Ich werde vielleicht an einem bestimmten Punkt eine Auszeit für das Klavier nehmen und es noch einmal versuchen. Ich weiß es nicht. Mal sehen, was die Zukunft bringen wird.
Ich habe gelesen, dass Sie im Alter von 27 Jahren ein neurologisches Problem in der rechten Hand hatten.
Es ist sehr interessant, denn wie ich bereits erwähnt habe, mit dieser Kompositionszeit und der Tatsache, dass ich nicht geplant hatte, ein professioneller Musiker zu werden, denke ich, dass ich damals im Alter von 20 Jahren eine große Karriere begonnen habe, vor allem in Frankreich. In jüngster Zeit hat sich das auch international ausgedehnt. Während zehn Jahren spielte ich hauptsächlich in Frankreich und wurde dort berühmt. Ich glaube, ich war psychologisch überhaupt nicht darauf vorbereitet. Für mich ist das die Erklärung für diese Krankheit, weil es die Nerven sind, und ich denke, dass der Ursprung wirklich psychologisch ist. Ich hatte grosse Ängste und musste diese Ängste überwinden. Durch die Krankheit der rechten Hand war ich für ein Jahr blockiert. Zuerst wurde ich ein wenig depressiv, aber es war eine sehr kurze Zeit, weil ich kein depressiver Mensch bin. Ich bin ziemlich optimistisch. Aber ich war damals ein wenig deprimiert. Und ich fing an, wirklich darüber nachzudenken, das Klavierspielen zu stoppen. Es ist sehr interessant, denn die Erkrankung war der Grund, dass ich darüber nachdenken konnte, aufhören zu können, was mir wiederum half, dass ich mich etwas weniger eingeengt fühlte, mein ganzes Leben lang mit dem Klavier verbringen zu müssen. Der Druck ging ein wenig nach unten, und ich baute meine gesamte Technik neu und besser auf. Ich war sogar mit der rechten Hand auf strenge technische Weise in der Lage, Dinge zu tun, zu denen ich vorher nicht in der Lage war. Es dauerte etwa zwei oder drei Jahre bis alles wieder aufgebaut war. Aber auf eine bessere Art und Weise. Ich denke, ich bin mental stärker seit dieser Zeit. Eigentlich habe ich den internationalen Durchbruch geschafft, nachdem ich mich von dieser Sache erholt habe. Es gibt ja die berühmte Aussage, dass alles was Dich nicht umbringt, Dich stärker macht. Nun fühle ich mich sehr gut.
Ist Ravel Ihr Lieblingskomponist?
Ich würde nicht sagen, dass er mein Favorit ist, denn ich habe keinen Favoriten. Ich kann keine Rangliste erstellen, aber natürlich ist er einer meiner liebsten Komponisten. Die Zeit von Ravel, Debussy etc. und die Art der Musik liebe ich. Auch mein Klavierlehrer, als ich noch ein Kind war, liebte diese Musik und brachte sie mir näher. Viele Leute damals in Paris mochten Strawinsky, de Falla und viele andere. Natürlich bin auch ich sehr angetan von dieser Musik, welche ich auch bereits als Kind vermittelt bekommen habe. Es war eine Art musikalischer Schock, als ich diese Musik entdeckte. Ich denke, Ravel war eines meiner Schlüsselelemente. So ist er in meinem Herzen geblieben, etwas ganz Besonderes und sehr Starkes. Deshalb spiele ich viel von dieser Musik, diesen Klavierkonzerten, sowie seine komplette Solomusik, die ich aufgenommen habe. Er hat für mich einen ganz besonderen Stellenwert.
In diesem Jahr sind Sie Artist in Residence beim Menuhin Festival in Gstaad.
Für mich ist die Aufgabe des Artist in Residence sehr interessant, weil sie mir einen Raum gibt, mich in verschiedenen Aspekten auszudrücken: Solomusik, ich werde mit Orchester spielen, ich werde Kammermusik spielen, ich werde Musik aus dem 19. und 20. Jahrhundert spielen und verschiedene Stücke mit verschiedenen Partnern aufführen. Ich liebe die Möglichkeit, Zeit und Raum zum Ausdrücken zu haben und das Publikum zu treffen. Normalerweise spiele ich ja nur ein Konzert und treffe das Publikum nur kurz. Nun habe ich die Möglichkeit, das Publikum in meine Welt zu entführen, über mehrere Konzerte eine Verbindung aufzubauen und ihm meine verschiedenen Seiten zu zeigen. Es macht mir wirklich Spaß. Ich fühle mich dem Publikum näher, wenn ich diesen Raum habe.
Sie sagten, dass Sie mit zeitgenössischen Komponisten arbeiten. Wen würden Sie gerne als Komponisten empfehlen? Wer ist im Moment Ihr Lieblingskomponist der Gegenwart?
Es gibt eine Menge, schwer zu sagen. Aber ich könnte zum Beispiel George Benjamin erwähnen. Wir leben in einer so interessanten Zeit. Die meisten Leute wissen wirklich nicht viel über zeitgenössische Musik, und für mich ist das eine Schande. Ich möchte mich engagieren und in den nächsten 10 Jahren helfen, die heutige Musik den Leuten näher zu bringen und konsequent in die Programme einzubauen. Die Leute denken, dass die neue Musik sehr schwierig ist und haben Hemmungen, sich zu öffnen. Unsere Mission als Dolmetscher muss sein, dass wir diese sehr interessante Welt zeigen. Es gibt einen solchen Reichtum an toller neuer Musik der letzten Jahre, dass wir dafür verpflichtet sind. Das ist meine Überzeugung, was ich den nächsten Jahren tun muss.
Ich habe gelesen, dass Sie auch sehr gerne kochen. Können Sie uns Ihr Lieblingsrezept verraten?
Mein Lieblingsrezept hängt von der Jahreszeit ab. Es hängt davon ab, was ich an dem Tag finde. Ich habe keine fixen Rezepte. Ich gehe einfach auf den Markt, suche mir gute und frische Zutaten und improvisiere damit ein Gericht.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 1.5.2019
© Bild: Marco Borggreve
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