Xavier de Maistre im Interview

«Es bleibt kaum Zeit für anderes.»
Xavier de Maistre wird allgemein als der Künstler gefeiert, dem es gelungen ist, die Harfe aus dem Bereich der zarten, zwar wunderbaren, aber doch sehr sanften Töne hervorzuholen, in den man sie allzu schnell einordnet. Als Solist konzertiert Xavier de Maistre regelmäßig in den bedeutenden Konzerthäusern Europas, Japans und der USA. Seit 2001 ist Xavier de Maistre Professor an der Musikhochschule Hamburg.
Wie sind Sie zur Harfe gekommen?
Meine Eltern haben mich als Jungen in die Musikschule geschickt, und ich war so begeistert von der Harfenlehrerin, dass ich unbedingt die Harfe lernen wollte.
Sie haben vor dem Harfenstudium politische Wissenschaften an der berühmten „Ecole des Sciences Politiques“ in Paris und später an der "London School of Economics“ studiert.
Ich stamme nicht aus einer Musikerfamilie, und meine Eltern wollten, dass ich einen „richtigen Beruf“ lernen sollte. Obwohl alle Lehrkräfte immer wieder gesagt haben, dass es eine Zeitverschwendung wäre und ich mich doch voll auf das Harfenstudium konzentrieren solle, haben meine Eltern nicht daran geglaubt, dass ich als Musiker genug verdienen würde, um leben zu können.
Ab wann haben auch Ihre Eltern geglaubt, dass Sie als Musiker gut leben können?
Das war, als ich die Stelle als Soloharfenist beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bekommen habe.
Interessiert Sie die Politik heute noch?
Beim Studium der politischen Wissenschaften habe ich gemerkt, dass ich ohne Musik nicht leben könnte, und dass ich mich unbedingt voll mit der Musik beschäftigen möchte. Trotzdem interessiert mich das Weltgeschehen heute sehr. Ich lese jeden Tag mindestens 2 Tageszeitungen.
Glauben Sie an die Möglichkeit, dass weitere Harfenisten neben Ihnen eine Karriere in Ihrem Ausmass realisieren könnten?
Ich würde mich sehr freuen. Allerdings fürchte ich, dass der Markt noch zu klein ist. Die Harfe ist ein sehr spektakuläres Instrument. Wenn die Leute das Instrument besser kennenlernen, möchten Sie auch mehr davon hören. Es ist auch wichtig, dass das Repertoire erweitert wird. Mit dem Standardrepertoire hätte ich keine Solokarriere machen können. Ich habe sehr viele Stücke für die Harfe adaptiert und konnte so das Repertoire erweitern.
Sie haben Krzysztof Penderecki überzeugt, ein Auftragswerk anzunehmen.
Die meisten Komponisten haben sehr grossen Respekt vor dem Instrument und trauen sich nicht, dafür zu komponieren. Meine Bekanntheit hilft mir, und ich möchte sie nutzen, um zeitgenössische Komponisten zu überzeugen, neue Werke zu schreiben. Auch Penderecki war zurückhaltend. Ich habe mich aber schon einige Male mit ihm getroffen und werde ihm weiterhin helfen, das Instrument zu verstehen und die Möglichkeiten aufzeigen, damit das riesige Spektrum der Harfe ausgenutzt werden kann. Es gibt auch in der Vergangenheit wenige Komponisten, die sich intensiv mit der Harfe auseinandergesetzt haben, wie z.B. Maurice Ravel oder Richard Strauss.
Die allermeisten Personen, die Harfe spielen, sind weiblich. Warum eigentlich?
Das ist historisch bedingt. Man hat immer dieses Bild vom 18. Jahrhundert, bei dem in einem Salon eine hübsche Frau die Harfe spielt. Auch wenn in der Vergangenheit die Männer die berühmten Harfensolisten waren, ist dieses Klischee stark verankert.
Sie sind Professor in Hamburg und geben regelmässig Meisterkurse an der Julliard School New York, der Toho University Tokyo und dem Trinity College London. Sehen Sie durch Ihre Tätigkeit als Professor und Vorbild als Harfenist eine Tendenz, dass nun auch mehr Studenten neben Studentinnen die Harfe als Instrument auswählen?
Ja, durchaus. Nicht bei den SchülerInnen an der Musikschule aber bei den Studenten, die die Harfe als Beruf ausüben möchten, da ist der Trend spürbar.
Kann eine Harfe auch einen grossen Saal füllen?
Man kann mit der Harfe durchaus auch grosse Konzertsäle füllen. Viele Solisten trauen sich nicht, ein dreifaches Piano zu spielen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das sehr wohl geht. Die Leute halten den Atem an, damit sie die Töne noch hören. Danach klingt ein Fortissimo natürlich auch wieder viel lauter. Das Ohr passt sich dem Spektrum an. Ich liebe diese Momente, wenn ein gutgefüllter grosser Saal plötzlich ganz still wird, damit ein leisestes Pianissimo noch zu hören ist.
Sie waren vor Ihrer internationalen Solokarriere über 10 Jahre bei den Wiener Philharmonikern. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Ich habe als Musiker sehr viel gelernt von den vielen verschiedenen grossartigen Dirigenten, wie z.B. die grossen Bögen und Linien zu gestalten sowie detailliert an den Werken zu arbeiten. Allerdings war ich immer sehr frustriert, da ich als Harfenist hauptsächlich in den Proben warten musste und Pause hatte. Ich wollte spielen und bereue keine Sekunde den Entschluss, das Orchester zu verlassen und den Weg der Solokarriere eingeschlagen zu haben.
Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht Harfe spielen?
Ich spiele über hundert Konzerte im Jahr und reise sehr viel. Es bleibt kaum Zeit für anderes. Ich treibe aber sehr gerne Sport. Wenn es möglich ist, gehe ich joggen, rudern oder schwimmen. Wie gesagt lese ich täglich mehrere Zeitungen. Ich versuche auch, möglichst viel Zeit mit meiner sechsjährigen Tochter zu verbringen.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 09.07.2012
Bild: Felix B. Röde
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