Sir James Galway im Interview

«Ich hörte im richtigen Moment auf.»
Sir James Galway gilt als einer der bedeutendsten klassischen Flötisten des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Seine Diskografie umfasst mehr als fünfzig Schallplatten und CDs. Der aus Belfast stammende und in der Schweiz wohnhafte Künstler wird oft auch „der Mann mit der goldenen Flöte“ genannt.
Wie sind Sie eigentlich zur Flöte gekommen?
Nun, mein Vater hat Flöte gespielt, mein Grossvater hat Flöte gespielt, mein Onkel Joe hat Flöte gespielt und es von meinem Grossvater gelernt und viele andere Leute, die in meinem Quartier lebten, haben die Flöte gespielt. So dachte ich mir, dass auch ich die Flöte spielen sollte.
Sie werden auch „Der Mann mit der goldenen Flöte“ genannt. Wie wichtig ist das Instrument selbst? Werden Ihre Instrumente speziell produziert?
Die Flöte, die ich im Moment spiele, ist von einer amerikanischen Firma, geführt von einem japanischen Flötenhersteller namens Kanichi Nagahara, produziert worden. Ich denke, das Instrument ist sehr wichtig, und ich bin überzeugt, dass die Flöte, die ich spiele, in der fortschrittlichsten und besten Technik gemacht worden ist. Sie hat einen wundervollen Ton, hauptsächlich weil der Flötenhersteller eine gute Vorstellung hat, wie die Flöte klingen soll, und er weiss, wie der Flötenkopf gefertigt werden muss, um diesen Klang zu erreichen.
Sie haben 6 Jahre lang unter Herbert von Karajan als Soloflötist bei den Berliner Philarmonikern gespielt. Wie haben Sie die Arbeit mit Karajan erlebt?
Ich könnte den ganzen Tag von der Zeit mit den Berliner Philarmonikern unter von Karajan erzählen. Es war eine wunderbare Erfahrung und von Karajan war ein wirklich giftiger Dirigent. Grossartig an ihm war, dass er alles schon so viele Male dirigiert hatte. Natürlich dirigierte er viele Opern. Wenn er eine Oper dirigierte, so war es, als ob er altbekannte Landschaften wieder besuchen würde. Es floss einfach.
Ich erinnere mich, als ich einmal mit ihm die Bohème mit Pavarotti für DECCA aufgenommen hatte. Pavarotti war damals noch ziemlich unbekannt, und wir hatten ihn alle noch nicht gehört. Karajan stellte ihn als „Schwergewicht-Weltmeister“ vor. Als er dann anfing zu singen, war es atemberaubend!
Ich erinnere mich auch, als wir mal Strauss probten. Als an einer Stelle alles etwas auseinanderdriftete, sagte Karajan zu einem Hornisten: „Ich hätte gerne, dass Sie diese Stelle so spielen.“ Und der Hornist schaute ihm direkt in die Augen und sagte: „Nein, ich spiele das so für Richard Strauss und werde es nicht für Sie ändern!“ Von Karajan sagte dann nur: „Nun, was kann ich dazu sagen?“
Vermissen Sie manchmal das Spiel im Orchester?
Nein, überhaupt nicht. Ich hörte im richtigen Moment beim Orchester auf. Ich war bereit dafür, und es war richtig für mich. Es war kein plötzlicher Stopp. Es war vielmehr, als ob ich langsam alle Möglichkeiten im Orchester ausgeschöpft hätte und ein neuer Anfang auf mich wartete: Ich verliess das Orchester als etablierter Flötist.
Sie spielen auch viele ausserklassische Stilrichtungen. Was gefällt Ihnen nebst der Klassik?
Ich mag am liebsten Klassik. Das Niveau der Leistungen ist in der Klassik am höchsten. Es gibt ein paar Ausnahmen, ein paar erstaunliche Bands wie z.B. Pink Floyd, the Beatles und ein paar andere grosse Rock Bands. Wissen Sie, die Beatles tauchten nicht plötzlich auf. Sie spielten hunderte und hunderte Konzerte bevor sie bekannt wurden und CDs einspielten. Es dreht sich alles um Erfahrung. Wenn Sie jemanden wie Pavarotti oder Joan Sutherland singen hören, ist das einfach verblüffend. Sie haben eine so grosse Erfahrung, und das ist in ihren Darbietungen hör- und spübar.
Sie haben mit Weltstars der Pop- und Rock-Szene zusammen gespielt. Sind da auch persönliche Freundschaften entstanden?
Nicht wirklich, weil man einfach für den Anlass zusammenkommt. Die Ausnahme ist John Denver. Bei John ist eine tiefe Freundschaft entstanden. Meine Frau und ich haben auch auf seiner Hochzeit gespielt.
Wie bereiten Sie sich unmittelbar vor einem Konzert auf den Auftritt vor?
Die letzte Stunde vor einem Konzert verbringe ich in meinem Umkleideraum mit Üben. Üben bringt Perfektion. Ich übe täglich viele Stunden. Man kann nicht aufhören zu üben, selbst wenn man der Beste ist. Man muss ständig weiterüben, um der Beste zu bleiben. Andernfalls ist es wie ein Fahrrad, das man nicht mehr fährt; es wird rostig.
Sie haben schon fast überall auf der Welt gespielt. Welche Konzertsäle gefallen Ihnen am besten?
Das ist schwierig zu sagen. Es gibt z.B. einen grossartigen Saal in Champagne (Illinois, USA) und einen guten in Ann Arbour (Michigan, USA) und das Detroit Symphony Orchestra hat einen wunderbaren eigenen Konzertsaal. Es gibt viele Konzertsäle, die besser sind als einige der bekannten Konzertsäle.
Unterscheidet sich das Publikum in Europa zu den USA, oder gibt es bereits innerhalb Europas spürbare Unterschiede beim Verhalten des Publikums?
Nein, ich glaube nicht, dass es Unterschiede gibt. Aufgrund meines Bekanntheitsstatus im Flötenspiel gibt es ein extrem grosses Interesse an Flötenspieler, die mir oft viele Kilometer nachreisen, um mich zu hören, was wirklich wunderbar ist.
Was macht James Galway eigentlich in seiner Freizeit?
Interviews wie dieses! Ich liebe es, Musik zu hören, spiele Schach, beschäftige mich mit dem Computer, und ich koche sehr gerne mit meiner Frau am Wochenende.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 03.04.2012
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