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Tianwa Yang

Tianwa Yang im aktuellen Interview.

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Martin Jaggi im Interview

Martin Jaggi

« Alles Rohe, Archaische interessiert mich extrem. »

Der Komponist und Cellist Martin Jaggi lebt und arbeitet in Singapur und Basel. Seine Werke wurden in zahlreichen europäischen und asiatischen Ländern sowie in den USA, in Kanada, Mexiko, Argentinien und Südafrika aufgeführt und von verschiedenen Radiostationen aufgezeichnet. Das Orchesterwerk «Trieb» und das Streichquartett «Gharra» wurden in die CD-Dokumentation «Grammont Sélection» mit herausragenden Schweizer Uraufführungen aufgenommen. 2015 erschien eine Portrait-CD beim Label Musiques Suisses/Grammont Portrait. Seit 2016 unterrichtet er Interpretation Neuer Musik am Yong Siew Toh Conservatory of Music (National University of Singapore).

Classicpoint.ch: Sie leben seit einiger Zeit in Singapur. Was hat Sie dorthin verschlagen?
Dies hat familiäre Gründe. Meine Frau kommt aus Singapur und zudem wollte ich schon immer mal in Asien leben. Auch ist es für uns hier einfacher Familie (wir haben zwei Kinder) und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Da ich in letzter Zeit weit mehr Zeit zum Komponieren als zum Konzertieren mit dem Cello benötige, hat sich dieser Schritt nach Singapur angeboten. Ich bin jedoch noch regelmässig in der Schweiz und Europa wo ich als Cellist u.a. mit dem Ensemble Phoenix Basel oder der basel sinfonietta spiele. Hier in Singapur habe ich eine kleine Stelle an der Musikhochschule.

Hat sich Ihre Art zu komponieren verändert, seit Sie von der Schweiz nach Singapur umgezogen sind?
Ich denke nicht, dass dies einen direkten Einfluss auf meine Musik hatte.

Was sind die Unterschiede im Umfeld der Klassischen Musik zwischen Singapur und der Schweiz?
Das Konzertleben hier besteht fast nur aus Orchesterkonzerten. Es gibt zwei grossartige Säle, und das Orchester ist auch nicht schlecht. Viele internationale Stars schauen vorbei. Aber hier liegt auch das Problem. Es gibt kaum eine freie Szene. Kammermusik und Neue Musik finden fast ausschliesslich in den Bildungsinstitutionen statt. Und falls doch etwas aus dem Campus rauskommt, ist es schwierig, Gelder dafür zu finden. Da ist in der Schweiz natürlich unendlich viel mehr, Freieres und Spannenderes los!  
Aber langsam ändern sich die Dinge; seit kurzem gibt es sogar ein Ensemble für Neue Musik! Und bei dem Tempo, in dem sich hier die Sachen ändern? Vor 10 Jahren, als ich zum ersten Mal nach Singapur kam, war es eine relativ monotone, langweilige Stadt. Nun ist sie dynamisch und spannend. Wenn ich einen Monat weg bin und wiederkomme, steht da garantiert irgendetwas Neues. All dies beginnt auch langsam in die Musikszene einzusickern.

Sie haben Cello und Komposition studiert. Wann haben Sie erstmals mit dem Komponieren begonnen?
Als mein Grossvater gestorben ist, habe ich ein Requiem für Chor a cappella nach der Vorlage Mozarts geschrieben. Einfach drauf los, ohne Regeln. Seitdem habe ich nie mehr aufgehört zu schreiben. Da war ich 12.

Ihr Vater hat bereits Komposition studiert. Er hat Sie dann auch als 16-Jährigen in Komposition unterrichtet. Inwiefern hat er Sie beim Komponieren geprägt?
Ich hatte gleich nach dem Requiem Theorie-Unterricht bei meinem Vater. Ich denke, er wollte ein wenig Ordnung in meine anarchische Vorgehensweise bringen. Dies war von unendlichem Wert für mich! Mit 16 kam ich dann als Jungstudent zu Rudolf Kelterborn. Nun wurde es ernst. Nach einem Jahr wechselte ich zu Detlev Müller-Siemens, da Kelterborn pensioniert wurde. Diese zwei Lehrer haben mich stark geprägt! Von meinem Vater und meiner Mutter (sie war Violinistin im Basler Sinfonieorchester) habe ich die Liebe zur Musik mitbekommen; sie war ständig um mich herum. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar.

Sie wollten ursprünglich Paläontologie studieren (die Wissenschaft, die sich mit der Entwicklung und Ausbreitung des Lebens auf der Erde befasst). Befassen Sie sich heute noch mit diesen Themen?
Eigentlich nicht. Aber mein älterer Sohn interessiert sich nun für Dinosaurier. Da habe ich begonnen, ein wenig nachzulesen, was in den letzten 20 Jahren in der Paläontologie so geschehen ist. Erdrutschartige Erkenntnisse sind das! Interessieren tut es mich schon noch.

Die Titel Ihrer Werke sind auffallend oft aus der Geologie entnommen: Megalith, Atakor, Acheb, Schebka, Nunatak, Moloch oder Gharra. Schöpfen Sie Ihre kompositorischen Ideen aus der Natur?
Aus der Natur, der Archäologie, der Zivilisationsgeschichte, der Ethnologie… Alles Rohe, Archaische interessiert mich extrem.

Sie befassen sich seit über 15 Jahren mit einer „neuen Tonalität“. Können Sie uns diese beschreiben?
Ich habe mir ein harmonisches Ordnungssystem erarbeitet, das mir erlaubt, fast wie mit "herkömmlicher" Tonalität zu arbeiten. Es basiert auf komplexen Akkorden, die fast immer auch Mikrotöne beinhalten. In letzter Zeit benütze ich es aber nur noch am Rande, wenn überhaupt noch. Im Moment interessiert mich mehr die Horizontale als die Vertikale. Linien, Polyphonie, Heterophonie…

Michael Kunkel hat in seinem Essay zu Ihrer Musik vermutet, dass in vielen Ihrer Kompositionen die folgende Fragestellung zugrunde liegt: Wie deformiere ich Zeit? Genauer: Wie artikuliere ich musikalische Gestalten in der Zeit auf eine Weise, die dem zielgerichtet-linearen Orientierungsmodus möglichst zuwider läuft. Hat er damit Recht?
Ein Stück weit ja. Ich versuche immer zu überraschen, unerwartete Wendungen, Schnitte zu integrieren. Wir hören Musik stark mit Erwartungshaltungen. Diese will ich brechen. Dazu gehört auch, dass der Schnitt, der Bruch eben manchmal nicht passiert. Ich gehe in der Form oft stark intuitiv vor. Sie muss für mich stimmen. Vorgefasste Strukturen können da schon mal stark gebogen werden.

Die meisten Ihrer Stücke sind einsätzig, warum?
Dies ist vielleicht auch eine Mode der Zeit? Die meisten Stücke heutzutage sind einsätzig. Warum? Ich weiss es nicht. In letzter Zeit schreibe und plane ich meistens in Zyklen. Die Stücke können allein, oder auch zyklisch gespielt werden, wo sie dann quasi einzelne Sätze bilden.

Wie läuft bei Ihnen der Kompositionsprozess ab?
Zuhause am Schreibtisch in einem Schwall von Papieren. Und beim Spazieren! Allermeistens setze ich mich erst hin, wenn sich die Ideen schon ziemlich weit in meinem Kopf entwickelt haben.


Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 2.8.2016

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