Interview mit Seong-Jin Cho

«Ich versuche, nicht auf die Aufnahmen anderer zu hören.»
Seong-Jin Cho hat sich weltweit als einer der führenden Pianisten seiner Generation und als einer der markantesten Künstler der aktuellen Musikszene etabliert. Mit seiner angeborenen Musikalität und vollendeten Kunst vereint sein bedachtes und poetisches, virtuoses und farbenfrohes Klavierspiel Lebendigkeit mit Feinheit und wird von einer beeindruckenden, natürlichen Balance getragen. Er wird weltweit einhellig für seine ausdrucksstarke Magie und seine einsichtsvollen Erkenntnisse gefeiert. Die Weltöffentlichkeit wurde 2015 auf Seong-Jin Cho aufmerksam, als er den ersten Preis beim Internationalen Chopin-Wettbewerb gewann, seitdem erlebte seine Karriere einen rasanten Aufstieg. Im Januar 2016 unterzeichnete er einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon. Cho wurde im Jahr 2023 in Anerkennung seiner außergewöhnlichen Beiträge zur klassischen Musikwelt mit dem renommierten Samsung Ho-Am Prize in the Arts ausgezeichnet. Als gefragter Künstler arbeitet Seong-Jin Cho mit den renommiertesten Orchestern der Welt zusammen, wie zum Beispiel den Berliner Philharmonikern, den Wiener Philharmonikern, dem London Symphony Orchestra, dem Concertgebouworkest, und dem Boston Symphony Orchestra.
Sie sind in dieser Saison Artist in Residence bei den Berliner Philharmonikern. Wie läuft die Zusammenarbeit?
Im letzten Oktober habe ich mein erstes Konzert mit dem Berliner Philharmonischen Orchester geben. Im Winter habe ich auch Kammermusik mit den Musikern der Berliner Philharmoniker und der Karajan-Akademie aufgeführt. Außerdem werde ich im März Beethovens 5. Klavierkonzert mit Jakub Hrůša spielen und im April ein Recital mit einem Ravel-Programm geben. Ich freue mich auf diese Projekte, da ich viele Freunde im Orchester habe. Wenn ich mit ihnen auftrete, habe ich immer das Gefühl, mit meinen Freunden zu spielen.
Sie leben seit 2017 in Berlin. Was schätzen Sie an Ihrer neuen Heimat?
Die Stadt ist sehr international, aber gleichzeitig auch sehr ruhig. Wenn ich in Berlin bin, fühle ich mich nicht als Ausländer, sondern sehr entspannt.
Was vermissen Sie aus Ihrer Heimat Südkorea?
Ich vermisse meine Freunde und das leckere koreanische Essen!
Sie haben als Kind auch sechs Jahre lang Geige gelernt. Warum haben Sie sich letztendlich für das Klavier entschieden?
Ich glaube, ich fühlte mich beim Klavierspielen wohler. Außerdem dachte ich, dass ich besser Klavier spielen kann.
Wie lernen Sie ein neues Stück?
Ich brauche mindestens zwei Monate, um ein neues Stück zu lernen. Ich spiele es einfach durch und studiere die Partitur sorgfältig, wobei ich versuche, nicht auf die Aufnahmen anderer zu hören. Es gibt keine spezielle Methode, um neue Musik zu lernen.
Wie würden Sie Ihren eigenen Klang als Pianist beschreiben und gibt es Aspekte, die Sie weiterentwickeln möchten?
Wie die menschliche Stimme hat jeder Pianist einen anderen Klang. Es ist schwer, ihn vollständig zu verändern. Zum Beispiel ist es schwer, ein Bassist zu werden, wenn man ein Tenor ist. Aber in gewisser Weise glaube ich, dass man seinen Klang entwickeln kann. Es ist schwer zu erklären, aber es braucht Zeit, um seinen eigenen Klang zu entwickeln. Es geht nicht nur darum, die Tasten zu drücken, sondern auch um die Phrasierung und die Art und Weise, wie man auf dem Klavier „singt“.
Sie werden an seinem 150. Geburtstag im Jahr 2025 an einem Abend alle Klavierwerke von Ravel aufführen. Wie ist diese Idee entstanden und wie bereiten Sie sich darauf vor?
Ich bin Ravels Musik während meines Studiums in Paris begegnet, daher ist sie mir seither sehr nahe. Deshalb wollte ich sein 150-jähriges Jubiläum mit seinem gesamten Solowerk feiern. Aber ich werde die Werke nicht nur 2025 vollständig aufführen, sondern habe bereits letztes Jahr damit begonnen. Es war das erste Mal, dass ich das Solowerk eines Komponisten vollständig aufgeführt und aufgenommen habe, man könnte sagen, ich bin tief in das Werk eingetaucht, und jetzt kann ich sagen, dass ich Ravels Musik viel besser verstehe als zuvor.
Was sind Ihre Leidenschaften neben der Musik?
Ich reise viel, daher sind meine Lieblingsbeschäftigungen Essen und der Besuch guter Restaurants – einfach, weil ich das tun kann, wo auch immer ich mich gerade aufhalte. Es müssen keine teuren Restaurants sein, und ich genieße es besonders, lokale Restaurants zu erkunden.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.02.2025
© Bild: Ben Wolf
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