Adrian Brendel im Interview

« Modern & Klassik war in der englischen Pampa ziemlich gewagt! »
Adrian Brendel ist einer der vielseitigsten und originellsten Cellisten seiner Generation und hat als Solist, Kammermusiker und Lehrer die Welt bereist. Sein frühes Eintauchen in das klassische Kernrepertoire löste eine anhaltende Faszination aus, die zu Begegnungen mit vielen hervorragenden Musikern auf den renommiertesten Festivals und Konzerthallen der Welt geführt hat. Seine Entdeckung der zeitgenössischen Musik durch die Werke von Kurtag, Kagel und Ligeti in seinen Teenagerjahren eröffnete ihm einen neuen und vitalen Weg, den er neben seiner Leidenschaft für Jazz und Weltmusik mit großer Begeisterung weiter beschreitet. Adrian Brendel ist der Sohn des weltbekannten Pianisten Alfred Brendel und leitete bis 2018 das Festival «Music at Plush» in Dorset, England. Er ist fixes Mitglied des Nash Ensembles.
Im folgenden Interview spricht Adrian Brendel über seine Leidenschaft für zeitgenössische Musik, seinen Vater Alfred Brendel und die Bedeutung des Coronavirus für die Konzertbranche.
Classicpoint.net: Sie sind in einer Musikerfamilie mit einem berühmten Vater (Alfred Brendel) aufgewachsen. Welches sind Ihre ersten prägenden Erlebnisse mit der Musik?
Konzertbesuche waren für mich als Kind äußerst spannend, besonders diejenigen, bei denen mein Vater mitgespielt hat. Ich durfte schon ganz jung dabei sein und erinnere mich nach wie vor sehr gut an einige Mozart Klavierkonzerte mit Neville Marriner und die ‘Academy of St Martin in the fields’. Ich bekam mit 6 Jahren eine Kassette mit zwei dieser wunderbaren Werke – K482 und K488 – die mir noch heute sehr wichtig sind. Um diese Zeit gab es auch Beethoven, Schubert, Liszt und Kammermusik mit Heinz Holliger, der kurz vor seinem Konzert mit mir ein bisschen am Klavier improvisierte. Das habe ich nie vergessen! Bergmann’s Zauberflöte war auch unglaublich imponierend.
Sie haben zuerst auch Klavier gelernt. Wie sind Sie auf das Instrument Cello gestossen?
Ich habe mich als Pianist immer schwergetan, polyphonisch gut zu spielen. Als Kind spielte sicherlich auch der Gedanke eine Rolle, etwas anderes spielen zu wollen als mein Vater. Mit 6 bekam ich zum ersten Mal Cellounterricht, dann ging es schnell weiter. Heutzutage bedaure ich etwas meine Ungeschicktheit am Klavier, komme aber doch schliesslich irgendwie am Schlussakkord an.
Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater? In welcher Rolle war er ein Vorbild und was wollten Sie anders machen?
Wir verstehen uns sehr gut, vielleicht auch weil wir uns ziemlich unterscheiden. Ich wusste schon relativ früh, dass es zwecklos war, ihn nachzuahmen. Es ist erstaunlich, mit welcher Hingabe er sein Leben geführt hat, was er als Solist und Schriftsteller alles erreichen konnte. Da bin ich etwas anders – spontaner und hauptsächlich mit musikalischen Kollaborationen beschäftigt. Einige Sachen verbinden uns sehr – Filme schauen, Aufnahmen zu diskutieren, neue Musik zu hören, Ausstellungen zu besuchen. Trotzdem gibt es natürlich auch Lücken. Dass er so ein Leben aufrechterhalten konnte, hat etwas gekostet – ich habe ihn oft über lange Strecken gar nicht gesehen. Mir ist es wichtig, für Nico und Lucas (5 und 3) mehr präsent zu sein.
Sie begeistern sich auch für zeitgenössische Musik, sowie Jazz und Weltmusik. Ist das eine bewusste Positionierung weg vom Vater, der sich dafür nie richtig interessiert hat?
Eigentlich nicht. Ich hörte mit 12 Jahren ein Jazz Konzert mit McCoy Tyner in London und war davon einfach vollkommen weggehauen. Kurz danach eine Band aus Kuba mit Chucho Valdes, und Ali Farka Toure mit Ry Cooder. Das war Musik, die mir so viel mehr bedeutete als die Pop- und Rockbands die in meiner Schule die Runden gemacht haben. Ich wusste, dass ich irgendwas anderes neben klassischer Musik finden wollte – da hat sich eine neue Welt geöffnet. Ein paar Jahre später, als ich mehrmals Konzerte der London Sinfonietta besuchte, kam zeitgenössische Musik zum ersten Mal dazu. Mit 17 durfte ich mit dem Komponisten Gyorgy Kurtag zum ersten Mal studieren, wodurch ich mein Interesse deutlich entwickelt habe. Als Student in Köln konnte ich Siegfried Palm, Kagel und viele andere grosse Figuren der Moderne erleben.
Sie sind künstlerischer Leiter des Festivals «Music at Plush», das jeden Sommer in Dorset (England) stattfindet. Was zeichnet dieses Festival aus?
Plush fing 1995 an, und war von Anfang an damit beschäftigt, klassische Kammermusik interessante und öfters ungewöhnliche Rahmen zu geben. Meist bedeutete das, Moderne und Klassik zu verbinden, manchmal auch über Genren hinaus ins Improvisierte, Jazz oder Weltmusik im selben Programm. Heute klingt das nicht mehr so neu, doch war sowas in der englischen Pampa damals ziemlich gewagt! Ich habe meine künstlerische Leitung dort 2018 beendet und erinnere mich sehr gerne an viele aufregende Projekte. Die vergangenen Programme kann man auf plushfestival.com finden.
Was haben Sie die letzten Monate in dieser Corona-Zeit gemacht?
Meine Frau ist Journalistin bei der BBC und muss viel arbeiten, also bin ich oft mit den Kindern beschäftigt – meistens sehr gerne! Ich unterrichte online, sonst sieht mein Kalender ganz schön verstaubt aus. Ohne Konzerte habe ich letztlich versucht, ein paar neue Solowerke zu lernen und neue Sachen zu hören und zu sehen. Besonders begeistert bin ich momentan von Händel, Zelenka, Scarlatti, Haydn, zeitgenössische Musik von Veress, Brett Dean, Knussen und Harvey. Beim Kochen immer Jazz – Brad Mehldau, John Taylor und Kenny Wheeler, Oscar Peterson und Root 70.
Sonst gehen wir oft spazieren, schauen Filme an, und reden mit Familie und Freunden via Zoom. Zum Lesen komme ich momentan leider nur gelegentlich, da habe ich nur selten genug Konzentration am Abend. Nur nicht die täglich entsetzlichen politischen Äußerungen aus England und der USA – diese ersparen wir uns mittlerweile soweit es geht.
Denken Sie, dass sich aufgrund dieses Virus im Bereich der Konzertveranstaltungen langfristig etwas ändern könnte?
Mal schauen. Es war auch ohne Corona eine komplizierte Zeit in unserem Bereich. Wo soll die Moderne hin? Gibt es ein Überangebot? Wie baut man als junger Musiker heutzutage eine erfüllende Karriere auf? Vielleicht sind wir in unserem Bereich ein Strich zu selbstgefällig geworden. Die Klassik ist immer eher konservativ geblieben, doch wäre es interessant, andere Konzertarten auszuprobieren. Wenn mehr Konzertveranstalter den Mut finden könnten, wirklich ‘out of the box’ zu denken, wäre ich im Prinzip sehr dafür. Hier in England müssen wir aber zuerst alles Mögliche tun, vernünftige Unterstützung für Musikausbildung in Schulen zu etablieren. Die Situation ist kritisch geworden.
Sie hatten mit dem Nash Ensemble eine Konzert-Tournee geplant, die nun abgesagt werden musste. Wurden die Konzerte verschoben?
Ich hoffe sehr, dass unsere Nash-Ensemble-Tournee bald stattfinden kann. Alles liegt offen. Ich fürchte, wir werden etwas länger warten müssen, bis sich die Situation etwas normalisiert.
Was sind Ihre nächsten Projekte?
Dieses Jahr habe Ich einige Aufnahmeprojekte in Vorbereitung, mit dem Nash Ensemble und als Solist. Sonst fange ich langsam an, eine neue Festivalidee zu entwickeln. Dafür gibt es ausnahmsweise ein bisschen Zeit! Ich unterrichte online an der Royal Academy, Guildhall und Yehudi Menuhin School. Konzerte sind bis Oktober schwer zu finden.
Was sind Ihre Leidenschaften neben der Musik?
Ich treibe und schaue sehr gerne Sport. Früher viel Fussball, jetzt eher Tennis, Schwimmen, einmal pro Jahr Ski fahren und Cricket, sonst Kochen, Filme, Bücher. Am allerbesten ist es doch, mit guten Freunden und der Familie Zeit zu verbringen.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 3.06.2020
Fotografie: © Jack Liebeck
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