Daniel Behle im Interview

«Ich bin kein Freund der Avantgarde, sondern der Freitonalität.»
Der vielseitige Sänger und Komponist Daniel Behle ist in Konzert, Lied und Oper gleichermaßen erfolgreich. Sein Repertoire reicht von barocken Meisterwerken über klassisches und romantisches Repertoire bis hin zu Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts.
Er konzertiert regelmäßig mit Orchestern wie der Sächsischen Staatskapelle Dresden, den Berliner und Wiener Philharmonikern, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem NDR Elbphilharmonie Orchester, Orchestra dell' Accademia Nazianale di Santa Cecilia, den Wiener Symphonikern, dem Gewandhausorchester Leipzig und der Bachakademie Stuttgart und arbeitet dabei mit Dirigenten wie Stefan Asbury, Bertrand de Billy, Semyon Bychkov, Christoph Eschenbach, James Gaffigan, Thomas Hengelbrock, Pablo Heras-Casado, Marek Janowski, Philippe Jordan, Fabio Luisi, lngo Metzmacher, Kent Nagana, Yannick Nezet-Seguin, Hans-Christoph Rademann, Jeremie Rhorer, Andreas Spering, Christian Thielemann und Franz Welser-Möst.
Sie haben zuerst Schulmusik, Posaune und Komposition studiert. Was waren damals Ihre Berufsaussichten?
Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Ich glaube auch nicht, dass man Musik studiert, weil man Geld verdienen möchte. Musik machen ist ein Bedürfnis und ein Drang. Für mich auf jeden Fall. Einzig die Form der Kanalisation musste gefunden werden. Und das hat etwas gedauert.
Im Alter von 22 Jahren haben Sie mit Gesangsunterricht bei Ihrer Mutter angefangen. Wie war das, in diesem Alter von der Mutter unterrichtet zu werden?
Da ich die Pubertät schon hinter mir hatte, war der Unterricht bei der eigenen Mutter kein Problem. Ich habe meine Mutter als Künstlerin, ja, als weltweit äußerst erfolgreich erlebt. In dieser Hinsicht wusste ich schon, dass es evtl. von Wert sein könnte, was sie mir beibringt. Diese Zielstrebigkeit hat mich nach 6 Jahren Ausbildung schon in den Beruf geworfen. Meine erste Anstellung war am Theater Oldenburg.
Spielen Sie heute noch Posaune?
Leider nein. Ich habe meine Alt- und Tenorposaune zwar noch, aber spiele sie nicht. Allerdings schreibe ich recht viel für Blechbläser und aktuell in meinem ersten Bühnenwerk schaue ich natürlich, dass der Kollege etwas Schönes zu spielen hat.
Sie haben danach 5 Semester beim Tenor James Wagner studiert und sind zur Gesangsklasse Ihrer Mutter zurückgekehrt. Warum die Rückkehr?
James Wagner ist 2003 plötzlich verstorben. Mein Studium war noch nicht abgeschlossen. Nach seinem Tod habe ich die zweite Zwischenprüfung, das Kolloquium und Diplom innerhalb eines halben Jahres durchgezogen. Ich wollte meiner Mutter nicht den Arbeitsplatz subventionieren.
Sie komponieren immer noch fleissig?
Ich habe 20/21 mein erstes Bühnenwerk beendet. Eine Operette. "Hopfen und Malz". Mit Orchester, Chor, acht Solisten und einer ziemlich lustigen Geschichte. Zweieinhalb Stunden Musik zu komponieren und zu orchestrieren war eine Mammutaufgabe. Jetzt sind es 600 Partiturseiten und ich habe das Gefühl, die Pandemiezeit künstlerisch optimal genutzt zu haben.
Was ist Ihnen beim Komponieren wichtig?
Ich war immer ein Freund des Musikantischen. Als aktiver Musiker war ich im Kompositionsstudium immer sehr enttäuscht, wie gerne und oft gegen den Musiker geschrieben wurde. Wie Sie hören, bin ich kein Freund der Avantgarde etc., sondern der Freitonalität sehr zugetan. Ein großer Verehrer von Richard Strauss. Seine Hypertonalität, ein Begriff, den ich für mich geprägt habe, der äußerst schnelle Wechsel tonaler Zentren, das macht mir Freude. Es klingt schön, aber du musst mit dem Kopf dranbleiben. Fordernde Schönheit sozusagen.
Sie haben den Opus Klassik als Sänger des Jahres 2020 erhalten. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Ich fühle mich nach wie vor sehr geehrt. Ich habe die Auszeichnung als labelunabhängiger Künstler erhalten. MoZart war mein 14. Soloalbum, welches nur dank der Hilfe von Crowdfunding zustande kam. Tolle Sache.
Wie erleben Sie die aktuelle Pandemie-Situation?
Ich habe mehr Zeit für meine Familie und zum Komponieren. Eigene Produktionen zu planen und aufzunehmen, darauf hat die Pandemie nur geringen Einfluss. Die Schweiz unterstützt selbständige Künstler in der Pandemie. Glück gehabt.
Was nehmen Sie aus dieser Zeit für die Zukunft mit?
Weniger Flugzeug, weniger langwierige Neuproduktionen und noch ein Bühnenwerk schreiben. Und leider auch zu realisieren, dass sich Deutschland als "Kulturland" in der Pandemie nicht mit Ruhm bekleckert hat. Da wird einiges wieder gut zu machen sein.
Welche Leidenschaften ausserhalb der Musik haben Sie?
Meine Kinder natürlich. Und wenn noch Zeit bleibt, spiele ich seit 16 Jahren etwas World of Warcraft...
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 1.6.2021
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