Pieter Wispelwey im Interview

«Diese Musik eröffnet so viel mehr als man hört und spielt.»
Der holländische Cellist Pieter Wispelwey gehört zu den ersten der Generation von Interpreten, die gleich modern wie auch klassisch Cello spielen. Seine solistische Tätigkeit führt ihn in die weltweit wichtigsten Konzertsäle.
Classicpoint.ch: Sie haben sich sehr intensiv mit Bach beschäftigt und nun die 3. Einspielung der 6 Suiten von Bach herausgegeben. Was fasziniert Sie an Bach und insbesondere an diesen 6 Suiten für Cello Solo?
Als Cellist muss man sich natürlich mit Bach beschäftigen.
Beethoven hat fünf, Brahms zwei Sonaten für Violoncello komponiert, von Bach ist allein rein quantitativ das meiste für dieses Instrument geschrieben worden.
Zudem sind die 36 Sätze der sechs Suiten qualitativ komplett zeitlose Stücke. Die 5. und 6. Suite und auch die 4. sind spektakulär, Suite 1 bis 3 sind in sich bereits Minizyklen, ungeheuer charmant und so charaktervoll. Mich fasziniert, wie Bach mit diesem bescheidenen und durchaus eingeschränkten Instrument eine relativ einfache Linie einerseits gestaltet und damit doch eine ganze Welt suggeriert. Diese Musik eröffnet so viel mehr als man hört und spielt. Die Cello-Suiten bedeuten nicht weniger als die Orchestersuiten, die Suiten für Cembalo und die Partiten. In der instrumentalen Beschränkung hört man stets das Universelle.
Sie haben der CD-Einspielung eine DVD beigelegt, welche die Gespräche mit den Bach-Spezialisten und Professoren Laurence Dreyfus und John Butt dokumentieren. Welche Erkenntnisse aus diesen Gesprächen haben Ihre Interpretation entscheidend beeinflusst?
Einer der wichtigsten Impulse, die ich aus den Gesprächen gewonnen habe, wurde von Prof. Dreyfus erläutert: Der Barocktanz ist prinzipiell ganz anders als der Tanz des 19. und 20. Jahrhunderts. Der Barocktanz schwebt und ist kein Dialog mit der Schwerkraft, sondern versucht, gleichsam die Bewegung dagegen zu halten, ihr zu entfliehen. Das bedeutet, dass in der Hierarchie innerhalb des Taktes der erste Schlag noch immer der dominante ist, aber nicht zwingend der schwerste. Dieses Schweben, gerade mit einem eher schwerfälligen Instrument wie dem Cello, dem Bass nachzuempfinden, ist im Grunde besonders schwer, aber eben auch ein sehr spannender Aspekt. Die Aristokratie, das Noble mischt sich mit der Schwerkraft des Instruments, hebt sie gleichsam auf.
Sie spielen mit einer 392-Hertz-Stimmung. Wie fühlt es sich an, in dieser Stimmung zu spielen?
Es ist schlichtweg spannend. John Butt hatte bereits die Brandenburger Konzerte im Stimmton von 392 Hertz mit seinem Ensemble eingespielt. Ich war immer schon sehr neugierig, tiefer als 415 Hertz zu spielen. Im Konzert hatte ich bereits einige Male die Suiten mit 400 Hertz aufgeführt. 392 war jedoch relativ neu für mich. Vielleicht ist das Cello etwas „glücklicher" mit 400 Hertz, je nach Raum. Aber der Köthener Stimmton lässt die Suiten in einem anderen Lichte erklingen, er bringt eine neue Farbe in die unerschöpfliche Klangwelt von Bachs Suiten. Er ermöglicht eine weitere Stufe der Authentizität, jedoch nicht dogmatischer, sondern abenteuerlicher Art.
Haben Sie überhaupt noch Lust, die Suiten mit einem modernen Cello und Bogen zu spielen, oder machen Sie das gar nicht mehr?
Ich habe immer Lust, sie zu spielen, egal, ob auf einem modernen oder alten Instrument. Spielen ist immer ein Übersetzen, heißt, stets eine Sprache finden, die bedeutungsvoll ist. Vielleicht entspricht es mir mit 400 Hertz in guter angemessener Akustik ein bisschen mehr, aber in einem großen Saal mit einem modernen Cello die Suiten zu spielen, also anders zu übersetzen, kann genauso aufregend sein.
Sie bezeichnen die Cello-Suiten als Provokation. Was ist an den Kompositionen Ihrer Meinung nach provokativ?
Die Provokation besteht allein schon darin, dass sie für ein Violoncello solo senza Basso geschrieben wurden. Wir wissen nichts 100%-iges darüber. D.h. sie sind provokativ, weil sie experimentell sind. Sie sind zudem eine Einladung für den Hörer und Spieler, darüber nachzudenken, was die Essenz des Musizierens ist. In diesem Sinne ist die Provokation philosophisch zu verstehen.
Sie spielen viele Sätze sehr schnell, sodass man, auch wenn es stilisierte Tänze sind, nicht dazu tanzen könnte. Was sind Ihre Überlegungen bei der Wahl des Tempos?
Beim Musizieren und der Wahl des Tempos geht es schlicht um Entscheidungen. Mir ist dabei wichtig, dass die sechs Sätze einer Suite etwas Gesamt-Organisches mit Kontrasten bilden. Bei den schnelleren Sätzen wie der Gigue oder der Courante ist es daher, denke ich, vor dem Hintergrund des integralen Klangs und Tempos absolut gestattet, diese auch sehr schnell zu gestalten. Sodass jede Suite für sich eine stimmige Einheit bildet und wie aus einem Guss klingt.
Die 6. Suite spielen Sie auf einem Cello Piccolo. Wie fühlt sich das Spiel der 6. Suite auf einem 5-saitigen Cello an?
Das ist ein ganz märchenhaftes Instrument und geradezu exotisch für moderne Musiker und Streicher. Es ist ein Fest, das zu spielen! Es ist sehr expressiv, und erzeugt einen strahlenden Ton. Das Stück blüht dadurch geradezu. Es ist einfach wunderbar, die 6. Suite mit der hohen E-Saite zu spielen.
Sie haben bei Anner Bylsma studiert, der sich selbst auch extrem stark mit Bach auseinandergesetzt und bedeutende Einspielungen gemacht hat. Tauschen Sie sich heute noch mit ihm aus?
Ich habe Anner Bylsma bestimmt seit 25 Jahren nicht gesprochen. Als 14-Jähriger lag ich nächtelang wach, nachdem ich einen Vortrag von ihm gehört hatte. Ich habe jedoch nie mit ihm Bach studiert. Er hat ein so individuelles Verhältnis zu der Musik Bachs, welches ich auch – das war mir früh klar – haben wollte. Mir war aber ebenso bewusst, dass ich dieses nicht über Erfragen, sondern über das eigene Empfinden, mit meiner eigenen Sprache würde entwickeln müssen. Ich kann nicht beurteilen, ob es gelungen ist. Für Anner Bylsma und seinen Zugang zu Bach empfinde ich durchaus so etwas wie Liebe und Zuneigung.
Haben Sie bereits wieder Ideen für eine 4. Einspielung?
Ich habe mit der vierten Einspielung bereits in Tokyo begonnen. Es wird so etwas wie eine Bach-Suite-Guerilla-Aufnahme auf meinem Guadagnini-Cello.
Würde Bach noch leben, was würden Sie von ihm unbedingt wissen wollen?
Von ihm, wie bei allen Komponisten vergangener Epochen, würde ich wissen wollen, wie er spielt, wie gut er ist, was ihm wichtig ist beim Spielen. Denn er muss ungeheuer gut gewesen sein als Musiker. Und er war wie seine zeitgenössische Kollegen Super-Spezialist der Musik seiner Zeit, also von moderner Musik.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 7.3.2013
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