René Jacobs im Interview

«Ich gehe an ältere Stücke heran als wären es Neue.»
Jacobs studierte Philologie an der Universität Gent und nahm gleichzeitig Gesangsunterricht bei Louis Devos und Alfred Deller. Bevor er sich ganz der Musik zuwandte, war er drei Jahre Lehrer für Latein und Griechisch. 1977 gründete er das Vokalensemble Concerto Vocale Gent. In seiner Laufbahn als Sänger trat er in den 1970er Jahren mit Musikern wie Alan Curtis, Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt oder Sigiswald Kuijken in Erscheinung. Danach wirkte er mehrfach als Dirigent bei zahlreichen Festivals unter anderem bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.
Jacobs ist als Spezialist für historische Aufführungspraxis Alter Musik und Opern des Barock bekannt. Als Dirigent arbeitet unter anderem mit namhaften Orchestern und Ensembles wie dem Concerto Köln, der Akademie für Alte Musik Berlin, dem Freiburger Barockorchester, dem B'Rock Orchestra Gent, dem Nederlands Kamerkoor und dem RIAS Kammerchor zusammen.
Seit 1988 dirigiert Jacobs beim Centre de musique baroque de Versailles. Außerdem unterrichtete er an der Schola Cantorum Basiliensis. 1997 bis 2009 war er künstlerischer Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.
Als Dirigent vervollständigte er die Instrumental- und die Verzierung der Gesangsstimmen bei mehreren Barockopern. Auf CDs und DVDs gibt es zahlreiche Einspielungen unter seinem Dirigat. Unter anderem erhielt er mit Mozarts Hochzeit des Figaro den Classical Grammy Award 2005 für die beste Operneinspielung. Sein Beitrag zur internationalen Rezeption Telemanns wurde 2008 mit dem Georg-Philipp-Telemann-Preis gewürdigt. Mit der Zürcher Sing-Akademie nahm er Beethovens Oper Leonore in der Urfassung auf. Dabei zeigte sich Jacobs, so Eleonore Büning, als „der schnellste Beethoven-Operndirigent der Tonträgergeschichte“.
Sie haben zuerst Philologie studiert und waren drei Jahre Lehrer für Latein und Griechisch, wie hat sie das beeinflusst?
Ich war sehr froh, dass ich das gemacht habe. Immer wenn ich ein neues Stück kennenlerne, frage ich nach den Quellen. Griechisch und Latein helfen bei Barockopern, da die Themen oft aus der Mythologie kommen. Ich war stets froh, das mit mir mitzutragen.
Danach studierten sie Gesang und dirigieren nun, was brachte sie zu diesem Schritt?
Das war ein Prozess. Als Sänger habe ich schon oft Repertoire gesungen, vokale Kammermusik und Kammermusik mit Stimmen. Irgendwann bin ich auf eine Barockoper aus dem 17. Jahrhundert gestossen. Ich sagte mir, dass das so interessant ist und niemand macht. Ich brachte es dann zum Festival für alte Musik und es war ein voller Erfolg. Bei den ersten Auftritten dirigierte und sang ich noch, das ging aber nicht ewig. Schlussendlich sang dann ein Kollege von mir. Daraus entstand sehr viel, auch Sachen, die ich mir nie vorstellen konnte.
Sie gelten als Spezialist für Aufführungspraxen der alten Musik und Barockopern?
Das sind gleich drei Wörter, die ich nicht mag. Für mich ist alte Musik alt im Sinne, dass für Mozart die Werke von Händel alt waren. Zu erwähnen ist, dass erst in dieser Zeit dieser Begriff entstand. Jedoch waren dazwischen nur zwei Generationen. Klar macht die zeitliche Distanz etwas aus. Aber historische Aufführungspraxis war und ist für mich stets sehr wichtig. Meine ersten Aktivitäten waren in diesem Feld und lernte durch diverse Zusammenarbeiten viel über Aufführungspraxen.
Dies sollte aber nicht ein Alibi sein für ein Mangel an Fantasie. Und ein Spezialist bin ich nicht. Denn vieles was ich jetzt mache ist aus späteren Perioden. Ich gehe an ältere Stücke heran als wären es neue Stücke. Dabei versuche ich mich stets von alten Aufführungstraditionen zu lösen. Ich studiere das Stück, nicht nur die Musik. Zuerst nehme ich mir das Textbuch an, denn das ist die Quelle und diese sagt viel über den Komponisten aus. Dazu kann man viel Neues daraus lesen entdecken.
Sie haben eine Serie von neuen Aufnahmen bei harmonia mundi realisiert über längst vergessene Werke. Wie stossen Sie denn auf diese Werke?
Sehr wenig von dem was ich aufnahm, und das war sehr viel, fand ich in den originalen historischen Quellen. Die Leute verstehen nicht wie viel von dieser Musik in der Moderne herausgegeben wurde. Denn die Musikologie als Fach begann bereits im 18. Jahrhundert. Diverse Werke wurden dazumal auch schon veröffentlicht, zum Beispiel in Zeitungen. Man findet zum Beispiel in Bibliotheken sogenannte Denkmalsausgaben von Komponisten. Es gibt darum auch vom 20. Jahrhundert Ausgaben von Faximili Faksimili, dabei waren unter anderem 40 Reihen aus dem 17. Jahrhundert auf Italienisch.
Sie haben auch ein Buch namens «ich will Musik neu erzählen» herausgebracht. Wie kam es dazu und wem empfehlen Sie das?
Das war eine Kooperation, aber kein klassisches Buch, mehr ein langes Interview mit Silke Leopold, einer bekannten deutschen Musikologin. Eine Frau, welche sehr gut erklären kann.
Es handelt von verschiedenen unerwarteten Aspekten. Zum Beispiel, dass ich mich als erstes in die Musik von Schubert verliebt habe.
Sie haben unglaublich viele Aufnahmen gemacht. Gibt es mittlerweile Einspielungen, die Sie bereuen?
Es gibt da Aufnahmen die ich bereits vergessen habe. Es gibt aber auch Aufnahmen, die ich selber nicht mehr habe. Doch es sind alles Kinder, gleich wie ein Vater nicht sagen kann oder will, wer sein liebstes ist, kann ich das auch nicht.
Sie haben gesagt, dass Sie auch an Musik aus der heutigen Zeit interessiert sind. Nun kommen Sie zurück zu Schubert, doch interessieren Sie sich auch für ganz Aktuelles?
Fokussiert bin ich darauf nicht, im Sinne, dass ich vorhabe Musik, die heute komponiert wird, vertieft zu betrachten. Die alte Musik, auch wenn ich dieses Wort wie gesagt nicht mag, geht immer weiter in der Musikgeschichte. In diesem Sinne gehen meine Projekte immer weiter, doch werde ich meinem Alter geschuldet nie zur zeitgenössischen Musik kommen. Doch die Musik, die heute komponiert wird, die oft sehr komplex ausfallen kann ist nur ein winziger Prozentsatz der produzierten Musik von heute. Genres wie Rock, Pop oder Rap dominieren heute. Damit habe ich grosse Probleme, denn diese Musik ist so vermarktet und rein musikalisch sehr trivial und es werden Beats mit Rhythmik verwechselt.
Als Operndirigent arbeiten Sie mit Regisseuren zusammen. Gab es dort schon Momente des Abbruchs?
Nein, denn wenn es gelingt eine gute Zusammenarbeit zu schaffen und beide auf der gleichen Wellenlänge arbeiten, dann ist eine Inszenierung etwas ganz Schönes. Doch wenn ich den Eindruck habe, dass der Regisseur das Stück nicht lesen will oder kann, dann ist es wichtig, rechtzeitig zu intervenieren. Man darf nicht vergessen, eine Opernprobezeit dauert 6 Wochen, das ist eine lange Zeit. Das wäre ein unglaublicher Zeitverlust. Im Moment mache ich wenige Produktionen, aber immer mehr Konzerte. Die letzten Tourneen waren immer an vier verschiedenen Orten, da musste man flexibel bleiben. Doch kamen so tolle Stücke zusammen, dass die Leute bei konzertanten Aufführungen oft sagten, sie hätten mehr verstanden als bei einer Inszenierung.
Gibt es ein musikalisches Erlebnis, das besonders für Sie war?
Was mich als Kind sehr beeindruckt hat, war die erste Aufführung der Matthäuspassion von Bach. Das war eine Aufführung in der Kathedrale von Genf, wo ich als Knabe im Knabenchor mitgesungen habe. Es war das erste Mal, dass ich ein Orchester sah und das ganze Prozedere miterleben durfte. Das beeinflusste alles. Dadurch wurde Musik für mich das Wichtigste, auch während meines Philologiestudiums.
Haben Sie noch zukunftsnahe Projekte?
Es gibt vieles, was ich machen möchte und einiges, was ich machen werde. Ich machen dieses Jahr wieder eine echte Opernproduktion in der Staatsoper von Berlin von Vivaldi. Es ist aber auch ein Projekt mit Brahms Requiem, einem Lieblingsstück von mir, geplant. Ohne dieses zu verwirklichen, wäre es schade zu sterben.
Als nächstes steht das Gstaad Menuhin an.
Ja, aber die Kirche ist sehr schmal, vor allem für solch grosse Stücke. Denn mit einem 40 Mann grossen Chor wird es eine Herausforderung. Ich frage mich da, wie es klingen wird.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 31.05.2021
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