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Tianwa Yang

Tianwa Yang im aktuellen Interview.

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Interview mit Gwendolyn Masin

Gwendolyn Masin

«Ich bin eine Enthusiastin!»

Gwendolyn Masin gehört zu den bedeutenden Konzertviolinistinnen und Innovatorinnen klassischer Musik der Gegenwart. Sie tritt international als Solistin und gemeinsam mit anderen
Musikern und Musikerinnen, Künstlern und Künstlerinnen und Orchestern auf. Ihre Live-Aufnahmen und Tourneen umfassen unter anderem Konzerte mit dem National Symphony
Orchestra of Ireland, dem RTÉ Concert Orchestra of Ireland, der Ungarischen Nationalphilharmonie, dem Ungarischen Kammerorchester, dem Savannah Philharmonic
Orchestra, dem Georgia Philharmonic Orchestra und dem Berner Symphonieorchester. Ihre internationale Karriere führte sie quer durch Europa, in die USA, nach Asien, Südafrika sowie in
den Nahen Osten.

Sie haben als Auftraggeberin für zeitgenössische Musik viele Werke zur Uraufführung gebracht. Wie wählen Sie die Komponist:innen aus?
Seit meiner Kindheit trete ich als Geigerin solistisch auf. Mein erstes öffentliches Konzert in einem grossen Saal fand in Budapest in der Liszt-Ferenc-Akademie statt, als ich sechs Jahre alt war. Bei dieser Gelegenheit begegnete ich zum ersten mal persönlich einem Komponisten. Meine Mutter, die ungarische Bratschistin ist, machte mich mit ihren Freunden Marta und György Kurtág bekannt. Ihre bemerkenswerten Persönlichkeiten beeindruckten mich. György erzählte meiner Mutter aufgeregt von seiner aktuellen Komposition, und ich liebte die Energie und Leidenschaft, mit der er sprach. Später zeigten mir meine Eltern Stücke von ihm und spielten mir auch einige davon vor. Ich spürte darin die gleiche Verspieltheit, Frechheit und Neugierde, die Kurtág verkörpert.
Jahre später, ich war im späten Teenageralter, dämmerte mir ein Gedanke, als ich mich auf einer Tournee in Mexiko in einem Hotelzimmer einsam fühlte. Während ich etwas planlos übte, erinnerte ich mich an Kurtág und fragte mich, ob Komponist:innen, die in Einsamkeit arbeiten, wohl auch dieses Gefühl der Isolation empfinden. Und dann wurde mir klar, dass das Aufführen von Musik ein Gespräch mit einem Komponisten oder einer Komponistin und seinen oder ihren Ideen ist, die durch die Musik dargestellt werden.
Wenn ich Komponist:innen treffe, mit denen ich zusammenarbeiten möchte, suche ich seitdem das Gespräch mit ihnen und nehme mir genug Zeit für einen Gedanken- und Meinungsaustausch. Die Verbindung zwischen der Person und ihrer Musik erlaubt mir ein «Mittendrin», einen Punkt, an dem ich der Musik als Interpretin so nah wie möglich komme und an den ich hoffentlich auch das Publikum mitnehmen kann.

Machen Sie bei Auftragskompositionen Vorgaben und begleiten Sie den Prozess der Entstehung?
Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Als der irische Komponist John Buckley sein erstes Violinkonzert schrieb, das ich in Auftrag gegeben hatte, war ich stark involviert, bis hin zur Kadenz, die wir teilweise auf Improvisationen von mir aufbauten. Bei den Kompositionsaufträgen für das GAIA-Musikfestival versuche ich jedoch, einen Rahmen oder ein Thema und die Formation vorzugeben und dem Komponisten oder der Komponistin so viel Freiraum zu lassen, wie er oder sie glaubt, zu brauchen. Als Dobrinka Tabakova Composer-in-Residence beim GAIA war, entwickelte sie zunächst Werke rund um die Musiker:innen, von denen sie wusste, dass sie dabei sein würden und schnitt ihre Komposition teilweise auf sie zu. Eines ihrer Werke führten wir als Duo auf und dabei wurde mir bewusst, wie gross die Rolle der Widmungstragenden in ihren Werken ist.

Sie sind Gründerin und musikalische Leiterin des GAIA Musikfestivals. Was zeichnet dieses Festival aus?
Viele Dinge, glaube ich. Die Themen Vielfalt, Nachhaltigkeit und Gleichberechtigung waren uns von Anfang an ein Anliegen. Schon der Name des Festivals deutet darauf hin. Gaia, aus dem Chaos geboren, ist die urzeitliche griechische Göttin in Gestalt der Erde.
Das Festival zielt darauf ab, einzigartige und sehr lebendige Interpretationen zu schaffen. Sie stammen von Musiker:innen die zehn Tage lang zusammenkommen, um gemeinsam ein Repertoire zu erarbeiten. Und anstatt so sehr auf Kulturvermittlung zu pochen, dass sie zu einer leeren Notwendigkeit wird, haben wir uns von Anfang an mit den Bewohnern des Dorfes Oberhofen sowie unseren anderen Spielorten verbunden. Wir machen gemeinsame Projekte, öffnen die Türen bei den Proben, kommen mit unserem Publikum ins Gespräch, tauschen uns bei kleinen Salonabenden aus. Ich lade Künstler:innen ein, die sich mit anderen verbinden wollen, die sich die Realitäten unsere Gesellschaft widerspiegeln.

Das Festival findet demnächst statt, welches sind Ihre persönlichen Höhepunkte dieses Jahrgangs?
Es wird vieles geben worauf ich mich freue. Die Wiederaufnahme der Bühnenproduktion «The Journey», die ich mit Lukas Bärfuss entwickelt habe. Das Konzert mit Amandine Beyer, in dem Barock- und Renaissancemusik auf Schönbergs «Verklärte Nacht» treffen. Werke wenig gehörter Komponist:innen wie Bodorová, Ben-Haim, Bacewicz, aber auch das durchaus Bekannte: Beethovens Septett oder eines von Mozarts Klavierkonzerten.

Sie haben 2004 die multidisziplinäre Reihe «In Search of Lost Time» ins Leben gerufen. Können Sie uns davon erzählen?
Nachdem ich so jung mit dem Konzertieren begonnen hatte, war ich mit 23 Jahren hungrig nach Verbindung, Zusammenarbeit und danach, den anderen Kunstformen, die ich liebe, einen Weg in mein Bühnenleben zu ermöglichen.
Die Idee multidisziplinärer Performances griff ich schon früh auf. «In Search of Lost Time» ist ein Beispiel dafür, das seitdem einige Änderungen erfahren hat. Ursprünglich kombinierte es klassische Musik mit Theater, Literatur, Tanz und Lichtdesign in ungewöhnlichen Räumen; später kam zeitgenössische Musik hinzu.
Die Reihe fand in Irland und der Schweiz statt und schlummert nun zugunsten anderer Produktionen, die mein Interesse geweckt haben.

Sie wurden für das Casino Bern eingeladen die Reihe «Cocktail für die Musen» zu konzipieren und kuratieren und selbst bei jedem Konzert zu spielen.  Entstanden sind aufwändige, einmalige Produktionen mit klassischer Musik und anderen Musikgenres und Kunstformen. Wie ist diese Idee entstanden?
Nachdem das Casino Bern umfassend renoviert worden war, lud mich die dortige Kulturleitung ein, diese Reihe zu machen. Das Casino Bern wollte ein grösseres Publikum ansprechen, eines, das über das bestehende hinausgehen sollte. Ich habe die Reihe von 2018 bis 2023 sehr gerne geleitet. Wir hatten bis zu 3 Happenings pro Jahr. Beim ersten spielte ich zum Beispiel mit meinem ORIGIN-Ensemble zusammen mit Andreas Schaerer, Kalle Kalima und Wolfgang Zwiauer. Unter anderem stösst dabei Bach auf Improvisationen, Jazz, und neu Entstandenes. Es waren magische Momente, die noch nachklingen und auf Youtube nachgesehen werden können.

Sie sind vielerorts mit der Geige in der Hand Keynote-Speakerin. Über was reden Sie am liebsten?
Ich bin Enthusiastin – ich kann mich schnell für Themen begeistern, die von Musik bis hin zu anderen Kunstformen, Wissenschaft, Politik oder Geschichte reichen. Einladungen zu Vorträgen erfolgten meist im Rahmen von Vortragsabenden, und in einigen Fällen hatte ich die Gelegenheit, vor Menschen zu sprechen, die wenig bis gar keine Erfahrung mit klassischer Musik haben. Das ist einerseits sehr exponiert, wie bei TedX, andererseits aber auch ein fantastischer Prozess, auf den man sich einlässt, und der enorm erfüllend ist.

Sie haben eine eigene Unterrichtsmethode entwickelt und das erschienene Buch «Michaela's Music House, The Magic of the Violin» wurde preisgekrönt. Was sind die Kernpunkte Ihrer Unterrichtsmethode?
Wahrscheinlich das aktive Einbeziehen der Vorstellungskraft von einem sehr frühen Alter an, eine gründliche Herangehensweise an die Mechanik des Spielens und die tiefe Überzeugung, dass Musikschüler:innen so schnell wie möglich Unabhängigkeit vom Lehrer oder der Lehrerin finden sollten. Je eher ein Schüler oder eine Schülerin mit kritischem Denken aus meinem Klassenzimmer geht, um sich ein eigenes Musikabenteuer zu suchen, desto grösser empfinde ich mein Erfolgserlebnis.

Sie haben in Ihrer Doktorarbeit die Chronik der zeitgenössischen Geschichte der Violine dargestellt und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb der Geigenpädagogik des 20. Jahrhunderts untersucht. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?
Das lässt sich nur schwer zusammenfassen. Die Arbeit ist über 200 Seiten lang und bespricht mehr als 20 Thesen von führenden Geigern, angefangen bei Geminiani im Jahr 1751, über Spohr, Baillot, de Bériot und David bis hin zu Menuhin und Bron. Es enthält Interviews mit führenden Persönlichkeiten des Geigenspiels, von denen einige meine Lehrerinnen und Lehrer waren: Ana Chumachenco, Zakhar Bron, Shmuel Ashkenasi, Herman Krebbers, Boris Kushnir, Nora Chastain, Maxim Vengerov. Es gibt eine Fundgrube an Tipps zu Technik und Bewegung, die sie in ihren Interviews weitergegeben haben.
Ich empfehle jedem, der seine Geige liebt und wissen möchte, wie die grossen Pädagogen der letzten 270 Jahre unterrichtet haben, meine Dissertation herunterzuladen. Sie ist auf der Website des Trinity College, wo ich meinen Doktortitel erworben habe, kostenlos erhältlich.

Welches sind Ihre aktuellen Projekte?
Ich bin auf Tournee als Solistin mit dem Ungarischen Anima Musicae Kammerorchester, bereite Programme für die Saison 25/26 vor und arbeite an der Entwicklung eines Solorezitalprogramms sowie der Weiterentwicklung von «The Journey» mit Lukas Bärfuss. Zudem lerne ich, ganz im Stillen, die Kunst des Dirigierens von fantastischen Dirigentin:innen.

Was machen Sie neben der Musik?
Vieles, gerne. Aber irgendwie wird alles, was ich tue, irgendwann zum Stoff dessen, was dann auf die Bühne kommt. Ich bin Mutter, bewege mich gerne, schreibe und lese viel, bin am liebsten unterwegs, und habe eine unstillbare Neugierde und grosses Interesse daran, Menschen kennenzulernen. Eine Enthusiastin eben.


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.04.2024
Photo: Balazs Borocz

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