Michael Barenboim im Interview

«Es ist uns sehr wichtig, wahre Künstler auszubilden.»
Michael Barenboim begann als Vierjähriger mit dem Klavierspiel. Mit dem Umzug der Familie nach Berlin 1992 wechselte er zur Violine. Barenboim wurde von Abraham Jaffe unterrichtet und studierte bei Axel Wilczok an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Seit dem Jahr 2000 ist Michael Barenboim Mitglied des West-Eastern Divan Orchestra und seit 2003 dessen Konzertmeister. Dabei trat er unter anderem in der Royal Albert Hall in London, im Théâtre du Châtelet in Paris, in der Staatsoper Unter den Linden, in der Berliner Philharmonie, bei den Salzburger Festspielen, in der New Yorker Carnegie Hall und im Teatro Colón in Buenos Aires auf.
Als Solist trat er u. a. mit dem Mahler Chamber Orchestra unter Pierre Boulez, den Wiener Philharmonikern, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons, dem Chicago Symphony Orchestra, den Münchner Philharmonikern unter Lorin Maazel, dem NDR Sinfonieorchester und – im Rahmen des Summa Cum Laude Festivals – mit dem Filasteen Young Musicians Orchestra auf.
Barenboim leitet seit 2020 als Dekan die Barenboim-Said-Akademie in Berlin. Er unterrichtet dort auch als Professor.
Sie sind Dekan der Barenboim-Said-Akademie. Was ist an dieser Akademie anders als an herkömmlichen Musikhochschulen?
Es gibt zwei Aspekte, die uns von anderen Musikhochschulen unterscheiden: erstens haben wir durch unsere Entstehungsgeschichte und enge Verbindung zum West-Eastern Divan Orchestra einen starken Fokus auf den Nahen Osten und Nordafrika; etwa 75% der Studierenden kommen aus diesen Regionen.
Zweitens haben wir eine Geisteswissenschaftliche Komponente ins Curriculum integriert. Das bedeutet, dass alle Studierenden neben ihren Musikfächern auch Philosophie, Literatur und Geschichte belegen müssen. Der Umfang ist natürlich so ausgelegt, dass auch genügend geübt und geprobt werden kann, aber es ist uns sehr wichtig, wahre Künstler auszubilden. Dazu gehört, über den Tellerrand hinauszuschauen und mehr zu sein als nur Spezialist im Instrumentalspiel.
Sie haben selbst auch mal Philosophie studiert. Welche der großen Fragen beschäftigt Sie noch heute?
Zuerst einmal wäre ich natürlich in unserer Akademie sehr glücklich gewesen. So musste ich nach zwei Jahren das Philosophie-Studium abbrechen, um mich auf die Musik zu konzentrieren.
Geblieben sind glücklicherweise die Fähigkeit des kritischen Denkens, auch die Fähigkeit, einem Text (und damit auch einer Partitur) die richtigen Fragen zu stellen.
Es gibt natürlich viele, wie Sie sagen, „große Fragen“, die mich beschäftigen. Eine davon: was können wir mit Sicherheit wissen? Sokrates wusste schon, dass er nichts weiß. Wir leben in einer Welt des technologischen Fortschritts, wo uns gerade das Internet auf alles sofort eine Antwort geben kann. Aber auf eine echt philosophische Frage wie zum Beispiel „warum gibt es etwas und nicht nichts“ bekommen Sie keine richtige Antwort. Ich habe es tatsächlich probiert.
Haben Sie Ihre persönlichen Antworten darauf gefunden?
Wenn ChatGPT schon keine Antwort hat, habe ich bestimmt keine!
Sie gelten als Fachmann für zeitgenössische Musik. Üben Sie denn zeitgenössische Musik wirklich genau so gerne wie die großen Klassiker?
Mir macht gerade die Abwechslung Freude. Wenn ich wie jetzt ein zeitgenössisches Rezital neben der Tournee mit dem Swiss Orchestra spiele, ist das zwar mehr Arbeit, aber es erfüllt mich am meisten!
Was das Üben angeht, muss man eines zugeben: es macht nicht immer Spaß – ob das Stück von Mozart oder von Berio ist, macht da keinen Unterschied. Ohne Üben geht das alles aber leider nicht.
Sie haben soeben das selten gespielte Violinkonzert von Hermann Suter aufgeführt. Was ist Ihre Erfahrung damit?
Das war für mich ein wahre Entdeckung! Es ist ein wunderschönes Werk, im spätromantischen Stil. Am ähnlichsten kommt dem Richard Strauss. Es lohnt sich wirklich, dieses Stück zu hören und aufzuführen, und ich hoffe, dass es nicht das letzte Mal für mich war.
Im September erscheint Ihr neues Album mit Elgars Violinkonzert. Inwiefern soll Ihre Aufnahme anders sein als die bestehenden auf dem Markt?
Es ist nicht meine Absicht, unbedingt etwas anders zu machen. Das sollte nie die primäre Motivation sein. Man muss viel mehr bei so einem Stück immer vom Notentext ausgehen und seine eigene Lesart haben; es ist zudem auch wichtig, die Tradition zu kennen und zu respektieren. Es gibt von diesem Stück immerhin eine Aufnahme, die Elgar selbst dirigiert, mit dem jungen Menuhin an der Geige. Es ist ja nicht uninteressant, wenn die etwas machen, was nicht im Notentext steht.
Ich habe auch das Glück, von Elgar andere Werke gespielt zu haben, wie beispielsweise das Klavierquintett und die Violinsonate. Das ist mir wichtig, dann kennt und erkennt man auch musikalische Gesten und Ideen, die für Elgar typisch sind. Das fließt natürlich auch in die Interpretation hinein. Ich meine, die Aufnahme ist sehr gelungen, sehr ausdrucksstark gespielt von mir und vom Orchester.
Ihr Bruder David macht Hip Hop Musik. Gibt es da auch gemeinsame Projekte oder Ideen für die Zukunft?
Ich habe hin und wieder ein paar Takte eingespielt, wenn er mich gefragt hat. Das kommt aber nicht wirklich oft vor, und das ist auch in Ordnung. Aber wenn der Ton einer Live-Geige gebraucht wurde, war ich da.
Ich stelle bewusst keine Frage im Bezug auf Ihren Vater, weil ich mir vorstellen kann, dass das mitunter auch nerven kann. Welche Frage würden Sie gerne gestellt bekommen bei einem Interview?
Es wäre vermessen, auch noch die Fragen bestimmen zu wollen, wenn ich schon die Antworten geben darf. Natürlich kommen manche Fragen in fast jedem Interview vor, aber das gehört einfach dazu.
Welche Leidenschaften haben Sie neben der Musik?
Ich schaue und spiele gerne Snooker, auch wenn es in den letzten Jahren einfach sehr selten dazu kommt. Dafür reicht einfach die Zeit nicht. Deshalb ist mein Spielniveau dementsprechend dürftig. Wenn ich könnte, würde ich viel öfter spielen – und dann vermutlich auch viel besser.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft bezogen auf Ihre eigene Karriere?
Ich habe mir angewöhnt, nicht zu weit nach vorne zu schauen. Ich habe das Glück, auf der Bühne Musik machen zu dürfen, etwas Schöneres kann ich mir nicht wünschen.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.06.2023
Foto: Neda Navaee
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