Franco Fagioli im Interview

« Für mich war Händel der Andrew Lloyd Webber für die barocke Oper in London. »
Franco Fagioli wurde im nordargentinischen San Miguel de Tucumán geboren. Er erhielt Klavierunterricht am Musikinstitut von Tucumán und studierte dann Gesang, zunächst in seiner Heimatstadt und später am Instituto Superior de Arte, dem Ausbildungszentrum des Teatro Colón in Buenos Aires. Den Durchbruch erzielte der schon beeindruckend ausgereifte junge Interpret, als er im Oktober 2003 den 10. Internationalen Gesangswettbewerb »Neue Stimmen« der Bertelsmann-Stiftung gewann. Im Juli 2015 wurde Fagioli als erster Countertenor überhaupt von Deutsche Grammophon unter Vertrag genommen.
Classicpoint.net: Sie sind in Argentinien geboren. Welchen Platz hat Argentinien in Ihrem aktuellen Leben?
Das ist richtig, ich wurde in San Miguel de Tucumán geboren. Tucumán ist eine Provinz im Nord-Westen, mit wunderschönem subtropischem Wetter. Es ist 1200km von Buenos Aires entfernt. In meinem aktuellen Leben hat es den Platz, dass es das Land ist in dem ich geboren wurde. Meine engste Familie lebt dort, es ist also immer irgendwie da, auch wenn es weit weg ist. Argentinien ist meine Vergangenheit und Gegenwart. Dort leben all jene Menschen, die mich seit Anfang kennen, und das ist unbezahlbar. Klar, man kommt nach Europa und lernt neue Freunde kennen, aber sie kennen einen nicht schon seit immer.
Wann haben Sie zum ersten Mal einen Countertenor gehört und was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Das erst Mal war Zufall, als ich Pianist in einem Chor war und wir Stabat Mater von Pergolesi einstudiert haben. Um das Stück besser zu lernen, bin ich in einen Musikladen gegangen um mir die CD zu kaufen. Es gab nur eine Version. Ich habe nicht darauf geachtet wer das Stück singt, ich ging nach Hause und habe die CD in meinen CD-Spieler gelegt, um sie anzuhören. Die erste Stimme war eine Sopranstimme, aber da war noch diese zweite Stimme, von der ich zuerst dachte, sie sei eine Frauenstimme, doch als ich mir die CD-Hülle genauer angeschaut habe, um nachzuschauen wen ich mir da genau anhöre, war ich schockiert zu sehen, dass es ein Mann war. Für mich war es aber auch eine Bestätigung. Bevor ich wusste, dass Countertenor ein eigenes Stimmregister ist, sang ich bereits in meiner Kopfstimme, aber eigentlich mehr zum Spass. Ich dachte mir, ich imitiere Frauenstimmen. Ich wusste nicht, dass es Musik gab, die für die Countertenor-Stimme geschrieben worden war. Es war eine Bestätigung, dass das existiert und für mich zur Option wurde, um es ernsthaft zu machen. Ich war zu dieser Zeit noch mehr ein Pianist als ein Sänger, aber es hat zu meiner Entscheidung geführt, ein Countertenor zu werden.
Kastraten waren früher grosse Stars. Senesino, Caffarelli oder Giovanni Carestini – Hätten Sie gerne als einer dieser Kastraten damals gelebt?
Naja, nein, ich wäre nicht gerne kastriert worden wie diese armen Männer. Gegenfrage an Sie und die Menschheit: War Kastration wirklich eine Notwendigkeit? Heutzutage singen wir, ohne kastriert zu sein. Vielleicht gibt es auf diese Frage aber auch keine Antwort. Wir können nicht sagen, dass die Castrati besser waren, dass sie etwas machen konnten, was Countertenöre heute nicht machen können. Wir werden nie wissen, wie diese Stars geklungen haben. Klar, es gibt diese eine sehr alte Aufnahme der Capella Sistina Castrato, welche uns eine Ahnung gibt, wie eine Kastratenstimme geklungen hat. In dieser Aufnahme ist aber auch hörbar, dass damals die Art zu singen komplett anders war. Ob das schön ist oder nicht, ist eine Frage des Geschmacks.
Ich wäre nicht gerne kastriert worden, hätte aber sehr gerne die Castrati einmal live gehört. Ich hätte gerne von Ihnen gelernt, denn sie waren sehr gut ausgebildet zu dieser Zeit, nicht nur als Sänger, sondern als Musiker allgemein. Sie spielten Instrumente, kannten Harmonie, Kontrapunkt, alle Regeln der Musik, des Komponierens. Es war die goldene Zeit der Musikgestaltung für Sänger.
Argentinien ist ein Land mit ausgeprägtem Machismo. Wie hat Ihr soziales Umfeld reagiert, als Sie angefangen haben, Countertenor zu studieren?
Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mich vollumfänglich unterstützt haben. Auch wenn sich meine Mutter anfangs Sorgen gemacht hat um mich, da sie nicht wusste, dass Männer so hoch singen können. Sie hatte Angst, dass ich meine Stimme ruinieren würde. Als Kind war ich Sänger in einem Chor, Sopran natürlich, und meine Mutter hat es geliebt. Aber als Mutter erwartet man natürlich, dass sich das ändert, dass dein Kind eine schöne Tenor- oder Baritonstimme hat. Sie wollte meine Stimme schützen. «Oh nein, sing nicht so, sing nicht so hoch, du gefährdest die Gesundheit deiner Stimme!», und ich habe ihr gesagt: «Nein nein, es ist okay, es gibt ein Countertenor-Stimmregister, und das ist, was ich mache», und dann war es in Ordnung für sie. Mit meinen Freunden war es etwas anders. Einmal sind wir in der Stadt umher gelaufen, und ich habe ab und zu gesungen. Meine männlichen Freunde haben dann immer gesagt, ich solle aufhören. Sie haben unseren Freundinnen gesagt, sie sollen ihre Münder bewegen, damit die Leute den Eindruck eines Chores haben und nicht denken, dass sie mit einem Verrückten rumlaufen. Das war lustig.
Ich muss auch sagen, die Rezeption in der Tucumán-Bevölkerung war sehr positiv, als ich angefangen habe zu singen. Ich erinnere mich an mein erstes Konzert mit dem symphonischen Orchester der Provinz, ich war 19 oder 20 Jahre alt und sang Händels Dixit Dominus, den Alt-Solopart. Es gefiel dem Publikum sehr gut. Es war vermutlich das erste Mal, dass ein Countertenor dort aufgetreten ist, aber ich hatte niemals Probleme.
Werden Sie heutzutage viel mit Vorurteilen konfrontiert?
Das ist eine gute Frage. Irgendwie gibt es viel mehr Vorurteile in der Musikwelt als mit regulären Leuten. Die Leute rezipieren, was du ihnen gibst, sie mögen es oder auch nicht, das ist alles. Wie jede andere Kunstform auch. Theater- oder Konzert-Promoter aber, Leute, die mit Musik arbeiten, haben viel mehr Vorurteile als das eigentliche Publikum. Was mir zum Beispiel sehr oft passiert, ich bin Countertenor aber eine Charakteristik meiner Stimme ist, dass das Stimmregister sehr ähnlich ist wie Mezzosopran. Ab und zu kann ich auch sogenannte „Hosenrollen“ spielen, die normalerweise von Mezzosopran gesungen werden. Ariodante von Händel zum Beispiel ist eine solche Rolle, die für Castrati geschrieben wurde, aber heutzutage normalerweise vom Mezzosopran gesungen wird, weil es so hoch ist. Ich kann diese aber auch singen, so zum Beispiel Sesto in La Clemenza di Tito. Diese Rolle konnte ich auf der Bühne singen, als Countertenor, denn auch Sesto wurde für einen Castrato geschrieben. Diese Vorurteile können sich aber ändern, wie ich bereits sagte. Moden ändern sich und klar, wenn man immer nur Aufnahmen hört, in denen Sesto von Mezzosopran gesungen wird, dann wird man immer den Mezzosopran für die Rolle wählen, auch wenn man weiss, dass die Rolle für einen Castrato komponiert wurde. Wenn man nun mich für die Rolle wählt, klar bin ich keine Frau und klar wird es nicht gleich sein, aber es ist eine andere Version, eine andere Art, diese Rolle zu singen. Manchmal akzeptieren die Theater das und manchmal tun sie es nicht.
Ich habe mich aber bereits daran gewöhnt, mit meiner Stimme kann ich sowohl tiefere Parts als auch hohe Parts übernehmen. Aber nur Männerrollen, damit will ich nicht sagen, dass ich Carmen singen würde oder Cenerentola. Es freut mich aber, dass es Theater gibt, die mir Rollen gegeben haben, die normalerweise von Frauen gespielt werden. Zum Beispiel Arsace in Semiramide von Rossini, der bereits erwähnte Sesto in La Clemenza di Tito oder Idamante in Idomeneo oder Ariodante von Händel. Vorurteil, das ist, wie das Wort schon sagt, ein VOR-Urteil. Bitte, hören Sie es zuerst, und wenn es Ihnen dann nicht gefällt, dann ist das ok. Man ist frei zu mögen was man möchte. Aber zuerst sollte man die Erfahrung machen.
Ihre Lehrer hatten keinerlei Erfahrung mit dem hohen Männergesang. Wie haben Sie technisch Ihr Stimme entwickelt?
Ja, das ist wahr. Ich hatte zwei Lehrer, meine erste Lehrerin war Sopran und mein zweiter ein Bariton. Sie hatten keine Erfahrung mit Countertenören, aber ich fand das grossartig. Wieso ich das sage? Naja, sie haben mir das beigebracht, was sie gewusst haben über das Singen. Der Sopran hat mir die italienische Gesangstechnik, die Belcanto-Technik beigebracht. Mein Bariton-Lehrer am Teatro Colón in Buenos Aires war der erste, der mir gesagt hat, ich solle doch die Arsace Arie aus Semiramide versuchen, meine Stimme sei gut für diese geeignet. Ich habe also meine Stimme mit der italienischen Gesangstechnik entwickelt. Das heisst, dass sie angelehnt ist an die Anfangszeit der Oper, angelehnt an Belcanto; Belcanto nicht nur als Musik des 19. Jahrhunderts, sondern Belcanto als eine Art Gesangsideal, angelehnt an die italienische Tradition des Singens. Während des 19. Jahrhunderts war Belcanto ein Modewort, eine Art, sich auf die Musik zu beziehen aus diesem nostalgischen Gefühl für den italienischen Gesang der Vergangenheit. Was ich mit Nostalgie meine, schauen Sie sich an, wie viele «Hosenrollen» es in den Belcanto-Opernhäusern gibt. Diese Rollen sind eine Reminiszenz an was Castrato war. Es gab ja keine Kastraten mehr, die Kastration war verboten worden, aber die Komponisten schrieben die Rollen wieder auf diese Weise, da es wieder in Mode war. Das Publikum mochte diese Art der Oper, aber da es keine Kastraten mehr gab, wurden diese Rollen von Frauen übernommen, was sehr interessant ist. Das habe ich gelernt.
Sie haben sich einen Namen als einer der besten Händel-Sänger unserer Zeit gemacht. Wie ist Ihr persönlicher Bezug zu Händel?
Meine persönliche Beziehung zu Händel ist «Hallo, mein Meister, hier bin ich, um zu lernen». Jedes Mal, wenn ich mich ihm in der Partitur zuwende, versuche ich herauszufinden was er mir durch die Noten, durch die Musik mitteilen möchte. Natürlich versuche ich, den Charakter in der Oper zu interpretieren. Händel ist immer da, er war ein grosses Genie, auch wenn er für Kastraten oder andere spezielle Sänger geschrieben hat. Man sieht immer sein Herz in der Musik und das ist es was ihn so grossartig macht. Es ist nicht vergleichbar mit den anderen Komponisten, die für Kastraten geschrieben haben, also z.B. Porpora, Vinci, Manna, Cafaro, all diese neapolitanischen Komponisten haben sehr personalisierte Musik geschrieben, die sich sehr stark auf die Stimme der Person bezogen hat, für die das Stück geschrieben wurde. So kam zum Beispiel ein Sänger zum Komponisten «Oh, Maestro Porpora, ich bin sehr gut darin, diese Tonleitern oder diese Arpeggi zu singen, bitte schreiben Sie diese in die Arie» und dann wurde das so gemacht. Händel ging aber weiter als das. Er war fähig, einen Stil zu kreieren, der zwar auf der neapolitanischen Oper basierte, aber viel universeller war. Händel dachte nicht nur an die Person, für die er das Stück schrieb, sondern auch an all die anderen Stimmen, die seine Musik singen würden. Das ist für mich das Grossartige an ihm. Er wusste seine Genialität mit einer Universalität zu kombinieren, und natürlich auch mit Business, er war ein grossartiger Geschäftsmann. Er leitete ein Theater, entsprechend musste er seine Oper verkaufen. Für mich war Händel der Andrew Lloyd Webber der barocken Oper in London. Heutzutage gehen wir in London oder New York ins Musical, damals war es Händel in London, er erschuf einen Stil, der sowohl fürs Publikum als auch für die Sänger zugänglich war.
Wo liegen die klanglichen Unterschiede zwischen einem Countertenor und einem Mezzosopran?
Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Wir können nicht wirklich von klanglichen Differenzen im engsten Sinne sprechen, denn manchmal hört man eine Aufnahme und erkennt nicht, ob es ein Countertenor oder Mezzosopran ist. Das passiert mir regelmässig, dass die Leute mich hören und nicht wissen, dass ich ein Mann bin. Es geht also weniger um den Klang. Klar, ein Mezzosopran ist eine Frau, ein Countertenor ist ein Mann, es wird nie das Gleiche sein, aber beide haben etwas Reichhaltiges, das sie zur künstlerischen Szene beitragen können. Lieber würde ich über die unterschiedlichen Gesangsschulen sprechen. Man hört sofort, ob ein Sopran mehr an die italienische Schule des Gesangs angelehnt ist oder die deutsche oder russische Schule. Denn es ist diese Schule, die den grössten Unterschied macht, viel mehr als die klangliche Differenz. Bei den Countertenören gibt es zum Beispiel die britische und die italienische Schule. Man lernt zu singen und fühlt sich einer dieser Techniken verbunden. Es gibt einen interessanten Punkt, zu Händels Zeiten gab es sowohl Countertenöre als auch Castrati. Die Castrati waren alle Italiener, entsprechend war ihre Art zu singen von der italienischen Schule gefärbt. Sie sangen italienische Opern in London. Zur gleichen Zeit gab es auch Countertenöre. Der Unterschied zu den Castrati war nebst der Operation die Gesangstechnik. Die Castrati wurden engagiert, um italienische Opern zu singen, die Countertenöre Oratorien und englische Musik, da sie sich der britischen Schule der Gesangstechnik verbunden fühlten. Dies als Beispiel, wenn wir von klanglichen Differenzen sprechen.
Sind grosse Opernhäuser zurückhaltend mit Engagements von Countertenören?
Es ist ähnlich wie mit den Vorurteilen, Opernhäuser sind nicht per se zurückhaltend. Sie sind sehr offen, künstlerische Events zu kreieren, wenn sie Opern inszenieren, und das ist grossartig. Es ist auch schön, dass sie immer barocke Opern oder sogar Händel-Opern in ihre Saisons integrieren. Ich finde nicht, dass sie zurückhaltend sind. Es geht darum, was sie brauchen, welche ästhetische Richtung sie verfolgen möchten und das ist in Ordnung.
Wo liegen ausserhalb der Musik Ihre Interessen?
Menschen, meine Familie und Freunde, mit anderen Leuten zu kommunizieren. Aber ich liebe auch Tennis und Laufen, ich bin ein guter Läufer.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 2.10.2018
© Bild: Igor Studio / DG
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