Rafael Rosenfeld im Interview

«Wir konnten unsere Hungrigkeit bewahren.»
Als Kammermusiker trat Rafael Rosenfeld bei vielen Festivals auf, so z.B. bei den Ittinger Pfingstkonzerten, beim Davoser „Young Concert Artists“, beim Lucernefestival, beim Menuhinfestival Gstaad, beim Open Chamber Music Festival Prussia Cove und beim Leicester International Music Festival. Er war u.a. Kammermusikpartner von András Schiff, Heinz Holliger, Joshua Bell, Tabea Zimmermann, Gábor Tákacs-Nagy und Daniel Phillips. 2002 begründete er das Merel Quartet mit. Seit Herbst 2005 leitet er eine Ausbildungs- und Konzertklasse für Cello an der Hochschule für Musik Basel.
Bereits mit 22 Jahren wurden Sie Solocellist beim Tonhalle-Orchester Zürich. Wie hat sich das Orchester in all den Jahren entwickelt?
Als ich 1995 ins Tonhalle Orchester kam, befand sich dieses gerade in einer Phase des Wandels. In diesen Jahren wurden viele Stellen im Orchester neu besetzt mit jungen MusikerInnen, die hochmotiviert und voller Elan zur Sache gingen. Meine erste Saison war auch der Beginn der Ära David Zinman. Es herrschte also Aufbruchstimmung – so ähnlich wie jetzt wieder mit dem Gewinn von Paavo Järvi als Chefdirigenten und der Wiedereröffnung der alten Tonhalle.
Aus meiner Sicht ist das Orchester heute noch stabiler, das Niveau der einzelnen Spieler ist vielleicht noch ausgeglichener als vor 20 Jahren, zum Glück konnten wir uns die „Hungrigkeit“ auf das Musik machen aber bewahren. Järvi ist dabei ein absoluter Glücksfall, er bringt eine unvergleichliche Mischung von Vision und Ideen, aber auch Ruhe und Vertrauen mit, die uns erlaubt, auf unserem höchsten Level zu spielen.
Für mich persönlich ist es nicht einfach, dass mein langjähriger Partner und Freund Thomas Grossenbacher sich entschieden hat, das Orchester zugunsten seiner Lehrtätigkeit und anderen Projekten zu verlassen. Wir sind zur Zeit daran, seine Nachfolge zu regeln, es wird sicher eine sehr gute Lösung dafür geben, es ist aber noch schwer, sich vorzustellen, wie dieser wunderbare Musiker und Mensch zu ersetzen sein soll.
Sie sind Mitglied des Merel Streichquartetts. Was zeichnet das Quartett aus und wo liegen ihre Schwerpunkte?
Kammermusik, und Streichquartett im Besonderen, war immer meine grösste Leidenschaft. Das Repertoire ist so unendlich reich und spannend, und ich fühle mich am wohlsten in dieser kleinen, eingespielten Formation. Im Zentrum steht bei uns die gemeinsame Suche nach dem Verstehen und dem Erleben dieser Meisterwerke. Sie sind so tief, dass man immer das Gefühl hat, nur einen kleinen Teil davon erfassen zu können, doch durch das jahrelange Zusammenleben mit ihnen kommt man damit doch (hoffentlich) Stück für Stück etwas weiter. Unsere Aufgabe im Konzert ist, diese für das Publikum erlebbar und erfahrbar zu machen.
Wir spielen ein sehr breites Repertoire von früher bis zeitgenössischer Musik. Doch gibt es schon einen Kern von Komponisten wie Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Mendelssohn, Brahms, Dvorak, Bartok (wen vergesse ich hier?), die als Hochblüte der Streichquartett bezeichnet werden könnte, und denen wir uns auch am meisten widmen.
Sie unterrichten seit 2005 an der Musikhochschule Basel. Was macht Ihnen Spass beim Unterrichten und was nervt?
Die Arbeit mit jungen Musikern bringt mir sehr viel Freude. Man wird dabei unheimlich zum Nachdenken und Reflektieren angeregt, man muss Muster, die man seit Jahren oder sogar Jahrzehnten befolgt, neu anschauen und bewerten. Ich versuche auch immer, die Werke, die ich unterrichte, neu zu hören und zu überlegen, wie man anders herangehen könnte.
Eine der grössten Schwierigkeiten ist, zusammen mit den Studierenden zu erreichen, dass sie ihr volles Potenzial ausschöpfen können. Es braucht eine enorm grosse Einsatzbereitschaft und Durchhaltewillen, ein wirklich guter Cellist und Musiker zu werden. Die jungen Menschen, die wir in die Schule aufnehmen, bringen auf jeden Fall schon mal eine sehr gute Begabung mit, sonst würden sie sich bei den Aufnahmeprüfungen nicht durchsetzten. Was sie dann aber daraus machen, hängt von vielen Faktoren, aber vor allem auch von den Vorgenannten ab.
Auf was schauen Sie bei den Aufnahmeprüfungen junger CellistInnen? Haben Sie Tipps für unsere mitlesenden Studierenden?
Das ist immer ein Gesamteindruck, der sich aus verschiedenen Aspekten zusammensetzt. Wir versuchen, vor allem zu erspüren, was für ein Potenzial jemand hat, technisch und künstlerisch. Was enorm viel bringt, ist, wenn man mit jemanden vorher schon etwas zusammenarbeiten konnte, man kann das dann viel besser einschätzen. Ich würde also den jungen StudentInnen empfehlen, sich frühzeitig mit verschiedenen möglichen Wunschlehrern in Verbindung zu setzten, entweder Kurse zu besuchen oder um ein Vorspiel zu bitten.
Haben Sie selbst Rituale?
Wahrscheinlich schon, aber sie sind mir nicht sehr bewusst. Was mir am meisten gebracht hat, in Bezug auf die Bewältigung von Lampenfieber oder Nervosität, ist die Alexander-Technik. Da habe ich mich eine Weile lang intensiv damit beschäftigt, wenn das jemand gut vermitteln kann ist es Gold wert.
Sie sind künstlerischer Leiter des Kammermusikfestivals Zwischentöne in Engelberg. Inwiefern hebt sich dieses Festival von anderen Klassikfestivals ab?
Die Zwischentöne sind mit viel persönlicher Liebe und Hingabe gestaltet. Meine Frau, Mary Ellen Woodside, stellt jeweils ein Programm zusammen, was über stimmige innere und äussere Bezüge verfügt. Sowohl die Werke, die wir programmieren, als auch die Gastkünstler, die wir einladen, liegen uns ganz besonders am Herzen.
Was auch besonders schön ist, ist, dass wir in diesem Engelberg mit der grossartigen Bergkulisse nahe am Publikum sind, es viel Möglichkeiten zum Austausch gibt und eine echte „Kammermusik-Atmosphäre“ herrscht.
Das Festival findet ja schon in 2 Wochen, vom 15.-17.Oktober statt, und ich freue mich riesig darauf, es ist jedes Mal ein Highlight in meinem Jahr.
Was sind die Zukunftspläne des Festivals?
Wir haben seit letztem Jahr die meisten Konzerte im neu renovierten Kursaal, der sehr stimmungsvoll ist und eigentlich die perfekte Grösse hat für so einen Anlass. Wir haben schon viele Programmideen und Kontakte zu Künstlern, die wir in den kommenden Jahren einladen wollen.
Was neu dazukommt, ist eine Kammermusikreihe in der anderen Hälfte des Jahres, die Merel Chamber Series, welche wir im Frühling 2022 in Luzern und Zürich eröffnen werden. Ein anderes Gefäss, wo wir unserem Publikum unsere Lieblingsprogramme präsentieren werden.
Sie sind sehr vielseitig aktiv, mit Orchester, Unterricht, Kammermusik, Soloauftritten. Gibt es in Ihrem Arbeitsalltag trotzdem tägliche wiederkehrende Beschäftigungen/Aufgaben, die zu Ritualen geworden sind?
Vielleicht ist sogar die Umstellung das Ritual, mich immer wieder auf die verschiedenen Situationen und Aufgaben neu einzustellen. Es gibt natürlich viele wiederkehrende Aufgaben, manchmal sehr administrativ, auf die könnte ich manchmal gerne verzichten.
Was ich immer als eine Art „Wellness“ empfinde, sind die Quartettproben, die wir meist mit langsamen Spielen beginnen. Das Sicheinhören in die Musik und Aufeinanderhören ist eine der schönsten Teile meiner Arbeit.
Welches sind Ihre Leidenschaften neben der Musik?
Eines ist das Filme- und Serienschauen, als Entspannung. In diesen Tagen haben wir für das Zürich Filmfestival Tickets für einige Filme gekauft, auch ein bisschen, um uns selbst zu zwingen, kurz durchzuatmen, bevor die letzten Vorbereitungen zu den Zwischentönen beginnen. Drei sehr gute haben wir bereits gesehen.
Meine absolute Lieblingsserie ist „Breaking Bad“, für mich ein Meisterwerk an Geschichte, Schauspielkunst, szenisch, Musik. Wir haben sie schon mindestens 4-, wenn nicht 5-Mal durchgesehen und entdecken immer noch viele Details. Dazu habe ich mir auch den „Insider-Podcast“ angehört, bei dem man viel erfährt darüber, wie das Ganze gemacht wird – was ich wiederum lehrreich finde für was wir an Kollaboration machen.
Gibt es etwas, das Sie gerne auch noch machen würden aber bis jetzt nie dazugekommen sind?
Nicht noch nie, aber zu selten: wirklich lange Ferien oder Auszeiten, meist ist das Jahr zu vollgestopft. Eigentlich würde ich am liebsten 6 Wochen oder so frei nehmen am Stück, das klappt aber fast nie.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 30.09.2021
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22.04.2026 - Merel Chamber Series III - «Zenith»
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