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Elena Stikhina

Elena Stikhina im aktuellen Interview.

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Mischa Maisky im Interview

Mischa Maisky

«Mit 8 Jahren habe ich aufgehört zu rauchen und mit dem Cellospielen angefangen.»

Mischa Maisky zählt zu den bedeutendsten Cellisten der Gegenwart. Der in Lettland geborene Künstler wurde schon früh als zukünftiger Nachfolger von Rostropowitsch betitelt. Der weltberühmte Solist kam im Alter von 22 Jahren für 18 Monate in ein sowjetisches Arbeitslager und musste ohne Cello über ein Jahr lang Zement schaufeln. Umso erstaunlicher ist die danach gestartete Weltkarriere.

Classicpoint.ch: Wann und warum haben Sie begonnen, Cello zu spielen?
Für die damaligen Verhältnisse in der Sowjetunion habe ich sehr spät angefangen, Cello zu spielen. Es war in dem Jahr, in dem ich aufgehört habe zu rauchen – ich war acht. Ich war das dritte Kind, meine Schwester spielte bereits Klavier, mein Bruder Geige. Meine Mutter hatte genug, sie wollte ein „normales“ Kind haben, also ging ich zunächst auf eine normale Schule, aber dann habe ich darauf bestanden, Cello zu spielen. Warum ausgerechnet Cello, das weiss ich heute nicht mehr. Möglicherweise gab es da eine romantische Geschichte, wie ich auf der Strasse aus einem geöffneten Fenster ein Cello gehört habe und mich in diesen wunderschönen Klang verliebt habe. Aber ich muss die Leute immer enttäuschen, dass ich mich daran nicht mehr erinnere. Vielleicht war es auch einfach eine praktische Entscheidung, damit ich mit meinen Geschwistern im Trio spielen könnte. Das ist nie wahrgeworden, deshalb hatte ich dann später auch den Traum, mit meinen Kindern ein Familien-Trio gründen zu können.

Nachdem Ihr Vater früh gestorben ist, war Rostropowitsch für Sie wie ein zweiter Vater. Wie kam es dazu?
Ich war natürlich völlig besessen von Rostropowitschs Persönlichkeit als Cellist, Lehrer und Musiker. Es war mein Lebenstraum, bei ihm zu studieren. Als mein Vater überraschend an Lungenkrebs starb, unterstützte Rostropowitsch mich, obwohl ich noch nicht sein Student war. Nach dem Tschaikowsky-Wettbewerb nahm er mich in seine Klasse auf. Wir hatten ein enges Verhältnis, natürlich auf der musikalischen Ebene, aber auch auf der persönlichen, was vielleicht daran liegt, dass er sich immer einen Sohn gewünscht hat (er hatte zwei Töchter). Als wir kurz vor seinem Tod lange miteinander sprachen, sagte er mir, dass ich für ihn wie ein Sohn gewesen sei.

Mitten in Ihrer Studienzeit am Moskauer Konservatorium bei Rostropowitsch wurden Sie festgenommen. Nach vier Monaten Gefängnis mussten Sie weitere 14 Monate Zement schaufeln. Was ist passiert und warum konnte Ihnen Rostropowitsch nicht helfen?
Es waren unglaublich unglückliche Umstände. Als ich verhaftet wurde im Sommer 1970, hatte Rostropowitsch gerade selbst grosse Probleme, weil er sich für den Schriftsteller Solschenizyn einsetzte, er lebte damals bereits in Rostropowitschs Landhaus. Er tat, was er konnte, aber genau zu diesem Zeitpunkt verlor er seinen unglaublichen Einfluss. Dass ich mit 18 Monaten weggekommen bin, ist ein Glück, es hätte viel schlimmer kommen können.

Hat man sich später bei Ihnen in irgendeiner Form entschuldigt?
Ich habe niemals eine Entschuldigung erhalten. Aber so schwierig die Erfahrung auch war, war sie für meine Entwicklung eher positiv – denn auch wenn ich dadurch nie den Abschluss am Moskauer Konservatorium machen konnte, habe ich in dieser Zeit wichtige Lebenserfahrung gesammelt. Ich versuche, das Glas immer halb voll zu sehen. In diesem Fall zumindest zu einem Viertel voll.

Wie hat es sich angefühlt, nach dieser Zeit wieder Cello zu spielen? Haben Ihre Erfahrungen Ausdruck in der Musik gefunden?
Ja, natürlich. Unbewusst wahrscheinlich, aber diese Zeit hat mich geprägt. Ich habe insgesamt zwei Jahre nicht Cello gespielt. Diese zwei Jahre kamen mir vor wie 20 Jahre an Lebenserfahrung. Als ich wieder begann, war es nicht leicht, aber auch nicht so schwierig, wie man denken könnte. Ich hatte viel neue Energie und freute mich, ein neues Leben beginnen zu können.

Nach der Zeit bei Rostropowitsch haben Sie bei Piatigorsky studiert. Warum gerade bei Piatigorsky?
Er war besonders in Russland eine Legende. Ich traf ihn 1966 beim Tschaikowsky-Wettbewerb, wo er in der Jury sass. Er war ein guter Freund Zubin Mehtas, den ich aus Israel kannte. Es war Mehtas' Vorschlag und auch Rostropowitsch empfahl nur ihn, als ich die Sowjetunion verliess. Ich hatte grosses Glück, dass ich diese besonderen vier Monate mit ihm erleben konnte, obwohl er schon sehr krank war. Wenig später starb er an Lungenkrebs, wie mein Vater.

Wenn Sie in wenigen Sätzen sagen müssten, was er Sie gelehrt hat, was wäre das?
Das ist wirklich schwierig, in einigen Sätzen zu sagen. Er stand am Ende seines Lebens und das wusste er. Für mich war es der Beginn meines neuen Lebens. Er liebte es, Russisch zu sprechen und es war für ihn die letzte Chance, seine unglaubliche Lebenserfahrung und sein Wissen mit jemandem zu teilen, der alles aufgesogen hat wie ein Schwamm. Es war eine intensive Kommunikation und ich habe mit ihm in den vier Monaten wahrscheinlich mehr Zeit verbracht als mit Rostropowitsch in vier Jahren, weil er immer unterwegs war. Zu sagen, Piatigorsky sei ein besserer Lehrer als Rostropowitsch, wäre so unsinnig wie zu behaupten, Mozart sei ein besserer Komponist als Bach, aber man kann sagen, dass ich ein besserer Schüler war. Mit beiden hatte ich eine sehr enge Beziehung, Piatigorsky wurde mein zweiter Vater in meinem zweiten Leben.

Sie sind der einzige Cellist, der bei Rostropowitsch und Piatigorsky studiert hat. Wie unterschiedlich war die Art dieser beiden grossen Cellisten zu unterrichten?
Sie waren sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, aber interessanterweise hatten sie eine ähnliche Weise zu unterrichten. Beide haben fast nie über das Cellospielen als solches gesprochen. Es ging ihnen um Musik und musikalischen Ausdruck und die Hauptsache, die ich von beiden gelernt habe, ist, dass das Cello (in meinem Fall) nicht mehr als ein Instrument ist. Es ist ein Mittel, das uns hilft, ein Ziel zu verfolgen, nämlich die Musik. Das muss man sich immer wieder bewusst machen, damit nicht die Musik zu einem Mittel wird, um zu zeigen, wie gut jemand sein Instrument beherrscht.

Hören Sie sich Aufnahmen von anderen Cellisten an und besuchen Sie auch als Zuhörer Konzerte?
Ja, absolut. Ich höre so viel Musik, wie ich kann. Ich höre andere Cellisten, weil ich glaube, dass es wichtig ist, um den eigenen musikalischen Geschmack zu entwickeln, die Ohren zu schulen und nicht in eine Routine zu verfallen. Man kann an jeder Aufnahme und an jedem Konzert lernen – aus den guten und interessanten Dingen und aus den Fehlern anderer genauso. Musik ist zu meinem Beruf geworden, aber in erster Linie ist es meine Leidenschaft. Ich liebe Musik und geniesse es, sie zu hören, also gehe ich ins Konzert, um grossartige Musik und tolle Künstler zu hören, sooft ich Zeit finde.

Erzählen Sie uns doch bitte die Geschichte, wie Sie zu Ihrem Montagnana-Cello gekommen sind.
Als ich aus Russland kam, hatte ich kein gutes Instrument. Ich war froh, als Charles Beare, ein Geigenbauer aus London, mir ein Instrument zu Verfügung stellte. 1973 spielte ich darauf mein Debut in der Carnegie Hall mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra. Nach dem Konzert wartete ein Herr, bis alle gegangen waren und erzählte mir, dass er klassische Musik liebe und mein Konzert sehr genossen habe. Sein Onkel war ein Amateur-Cellist und hatte dieses grossartige Instrument, auf dem er nicht mehr spielen konnte, weil er 94 Jahre alt und teilweise gelähmt war. Er wollte, dass ein junger Künstler Konzerte auf dem Instrument spielte, damit viele in den Genuss kämen, es zu hören. Am nächsten Tag ging ich ihn besuchen, wir redeten lang und ich spielte viel für ihn. Als ich ging, hatte er Tränen in den Augen und sagte, jetzt könne er in Frieden sterben, weil er wisse, dass das Cello in guten Händen wäre. Er wollte es mir schenken, aber es war sein einziges Vermögen und seine Frau war noch jünger, also hat er es mir zu einem sehr symbolischen Preis angeboten. Da ich überhaupt kein Geld hatte, kaufte eine Stiftung das Cello und ich spielte es, bis ich einen eigenen Kredit aufnehmen konnte, um es der Stiftung abzukaufen. Das Cello und ich haben also verschiedene Stadien in unserer Beziehung durchlebt: Erst haben wir uns auf den ersten Blick oder besser gesagt den ersten Klang verliebt, dann hatten wir einige Jahre lang eine wundervolle Affäre. Als ich es der Stiftung abkaufte, haben wir uns sozusagen verlobt und als ich den Kredit abbezahlt hatte, haben wir geheiratet. Jedes Jahr feiern wir unseren Jahrestag – letztes Jahr hatten wir den 40.! Es ist eine lange Beziehung und ich hoffe, dass wir noch genauso viele Jahre vor uns haben.

Bei Ihrem Auftritt am Festival Zaubersee in Luzern werden Sie Werke von Rachmaninoff spielen. Was bedeuten Ihnen der Komponist und seine Musik?
Auch wenn ich nicht aus Russland komme, sondern aus Lettland, bin ich in Russland ausgebildet worden und habe natürlich eine starke und enge Beziehung zu russischer Musik, russischer Kultur, russischer Literatur. Rachmaninoff ist einer meiner liebsten Komponisten, obwohl ich das zumindest einem Dutzend anderer Komponisten auch sagen könnte. Manchmal wünschte ich, ich wäre Pianist, dann könnte ich noch mehr von ihm spielen, aber er hat viele Romanzen und kürzere Stücke für Klavier und Gesang geschrieben, die so gut zum Cello passen, dass ich mir erlaubt habe, sie zu arrangieren nach dem Beispiel seiner eigenen Bearbeitung der berühmten „Vocalise“. Die Stücke wurden bis jetzt überall, wo ich sie gespielt habe, gut aufgenommen und ich hoffe, das Publikum in Luzern wird sie ebenfalls mögen.

Sie kommen mit Ihrer Tochter, die Sie am Klavier begleitet. Auch wenn es nicht das ganze Familientrio ist, von dem Sie gesprochen haben – wie erleben Sie die künstlerische Zusammenarbeit mit ihr?
Ich spiele mit meiner Tochter schon seit vielen, vielen Jahren. Es war immer mein Lebenstraum, Musik mit meinen Kindern zu machen, der jetzt in Erfüllung gegangen ist. Es ist extrem natürlich und inspirierend. Ich freue mich sehr darauf, in Luzern wieder gemeinsam aufzutreten.


Interview von Florian Schär, Johanna Ludwig | Classicpoint.ch | 2.5.2014
Bild: Hideki Shiozawa

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