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Philippe Herreweghe im Interview

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« Ich möchte die Musik durchsichtig machen. »

Philippe Herreweghe ist ein belgischer Dirigent. Er studierte Klavier, Cembalo und Orgel und danach Medizin und Psychiatrie. Schon während seiner Studienzeit leitete er einen Chor. Sein Ensemble, das in den Anfängen noch Amateurstatus hatte, fand bei Musikern wie Nikolaus Harnoncourt oder Gustav Leonhardt Beachtung. So wirkte er an Harnoncourts Gesamteinspielung der Bachkantaten mit.
Herreweghe gehört inzwischen zu den wichtigsten Protagonisten der historischen Aufführungspraxis. 1970 gründete er und leitet seitdem das Collegium Vocale Gent, das sich sowohl mit vorbarocker Musik beschäftigte als auch wegweisende Einspielungen der Kantaten von Johann Sebastian Bach vorlegte. Herreweghe ist ebenfalls Leiter des in Paris beheimateten „Orchestre des Champs Elysées“. Seit 1999 ist er erster Dirigent der „Königlichen Philharmonie von Flandern“ mit Sitz in Antwerpen. 1982 übernahm er die künstlerische Leitung des Festivals für Alte Musik in Saintes. 2010 erfolgte die Gründung des eigenen CD-Labels „phi“.

Classicpoint.net: Sie haben Medizin und Psychiatrie studiert. Sie haben dann als Assistenzarzt gearbeitet und am Abend Ihren Chor dirigiert. Später haben Sie sich voll auf die Musik konzentriert. Haben Sie die Medizin einmal vermisst?
Ich habe sehr früh angefangen, am Konservatorium neben meiner normalen Schule Klavier zu studieren. Ich habe mit 14 Jahren bereits ein Diplom erhalten. Ich war an einer Jesuitenschule. Da gab es einen Chor. Wir mussten täglich proben und singen. Der Chorleiter war ein professioneller Musiker. Wir haben also sehr schöne Musik gesungen: Bach, Schütz, etc. Ich führte ein musikalisches Doppelleben zu dieser Zeit. Mit dem Klavier lernte ich hauptsächlich die Klavierliteratur aus der romantischen Periode. Daneben haben wir Kirchenmusik gesungen, das war hauptsächlich sogenannte Alte Musik. In dieser Zeit waren die Chorleiter keine professionellen Dirigenten. Ich habe mich für Psychiatrie interessiert und dachte mir, dass ich später als Psychiater arbeiten werde und als Hobby Bach dirigieren werde. Darum habe ich Medizin studiert. Daneben habe ich aber meinen Chor gegründet und schon bald auf professionellem Niveau gearbeitet. Die Zusammenarbeit mit Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt hat mich weiter inspiriert. Ich wollte mich fortan ausschliesslich der Musik widmen. Ich denke, ich bin ein besserer Musiker geworden als ein Psychiater.

Hat Ihnen das Psychiatriestudium bei der Arbeit als Chorleiter manchmal geholfen?
Nein, nicht direkt. Ich bin aber der Überzeugung, dass komplette Musiker sehr viel wissen sollten. Je mehr man studiert, umso tiefer kann man auch in die Musik eintauchen und umso mehr kann man verstehen. Insofern ist das Medizin- und Psychiatriestudium für mich sehr wichtig gewesen. Ich würde diesen Ausbildungsweg wieder gehen. Als Dirigent muss man nicht täglich 8 Stunden üben. Es ist wichtig, sich breit gefächert zu bilden. Zudem habe ich im Studium 3 Jahre mit schizophrenen Personen zu tun gehabt. Das hat mich menschlich sehr stark geprägt. Psychiatrie ist der Umgang mit kranken Leuten, Dirigieren ist der Umgang mit komplizierten Leuten!

Ausschlaggebend für Ihre volle Zuwendung zur Musik war die Zusammenarbeit mit Leonhardt und Harnoncourt. Können Sie uns über die Anfänge erzählen?
Von Leonhardt habe ich sehr viel über Artikulation, Verzierungen, Intonation etc. gelernt, was ich vom Klavier her nicht so gekannt habe. Seine grosse Stärke war der Rhythmus. Leonhardt hat sich komplett der Musik verpflichtet. Er hat sich immer in den Dienst der Musik gestellt und im Vergleich mit anderen Musikern nie die Musik für anderes missbraucht. Harnoncourt hatte eine rhetorisch dramatische Kraft, welche mich noch mehr überzeugte bei der späteren Musik. Leonhardt war ein sehr konservativer Musiker mit der Meinung, dass alles nach Mozart keine Musik mehr ist.
Auch mein Klavierlehrer Marcel Gazelle hat mich stark geprägt. Er war der Begleiter von Yehudi Menuhin. Ich habe viel studiert in meinem Leben: Medizin, Psychiatrie, Klavier, Harpsichord, Cembalo, Gesang und auch Fagott. Was ich dann am meisten gemacht habe in meinem Leben war Dirigieren, und das habe ich mir selber beigebracht.

Können Sie uns Ihr Klangideal beschreiben?
Was mir am wichtigsten ist, ist Klarheit. Ich möchte die Musik gewissermassen durchsichtig machen. Meine Aufnahmen sollten von einem guten Musiker notierbar sein. Meine Herausforderung ist immer, die Musik so klar auszusprechen, dass sie vom Gehör her notierbar wäre.

Das geistliche Werk von Bach steht bei Ihnen fast das ganze Leben im Mittelpunkt. Sind Sie selber gläubig?
Für mich ist fast alle gute Musik religiös. Die grosse Musik ist geistliche Musik. Ich würde mich als etymologisch religiös bezeichnen. Wir sind alle miteinander und mit der Welt verbunden. Meiner Meinung nach sind in diesem Sinne alle Menschen religiös.

Welche Interessen und Beschäftigungen haben Sie neben der Musik?
Ich habe eigentlich keine Freizeit. Ich bin immer am Arbeiten. Aber das ist für mich nicht anstrengend. Ich lese sehr viel und reise sehr viel. 280 Tage pro Jahr verbringe ich im Hotel.


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 2.4.2018
© Foto: Michiel Hendryckx

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