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Elena Stikhina

Elena Stikhina im aktuellen Interview.

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Nadège Rochat im Interview

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«Die Spannung soll in der Musik sein.»

Nadège Rochat ist eine ausdrucksstarke Stimme unter den jungen Cellisten. Neben ihrem breit gefächerten musikalischen Interesse am barocken, klassischen und romantischen Repertoire beschäftigt sie sich gerne mit vergessenen Komponisten, Weltmusik und zeitgenössischen Stücken.

Sie begann im Alter von vier Jahren mit dem Cellospiel und studierte zunächst in Genf, dann in Köln bei Maria Kliegel. Sie besuchte Meisterkurse u.a. bei Heinrich Schiff und Anner Bijlsma und schloss ihr Studium an der Royal Academy of Music bei Robert Cohen ab, wo sie heute Professorin ist. Sie gewann mehrere erste Preise bei Schweizer, deutschen und britischen Wettbewerben und wurde zweimal mit dem Schweizer SUISA-Preis für die Interpretation zeitgenössischer Musik ausgezeichnet. Nadège Rochat trat unter anderem in der Tonhalle Zürich, im Wiener Musikverein, im Konzerthaus Berlin, in der Carnegie Hall New York, im Mariinsky-Theater St. Petersburg, im Beethoven-Haus Bonn, im Konzerthaus Dortmund, im KKL Luzern oder in der Victoria Hall in Genf auf.

Sie hat mit Orchestern wie dem Scottish National Orchestra, dem BBC Concert Orchestra, der Staatskapelle Weimar, den Dortmunder Philharmonikern, dem Orchester des Norddeutschen Rundfunks (NDR), der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, dem Sinfonieorchester Biel/Bienne, der Nordwestdeutschen Sinfonieta, dem Orchestre des Pays de Savoie, dem Orchestre de chambre de Genève und dem Amadeus Chamber Orchestra des polnischen Rundfunks zusammengearbeitet.

Sie wurden in eine musikalische Familie geboren. Welche sind Ihre frühesten musikalischen Erinnerungen und was hat Sie zum Cello gebracht?

Musik war seit meinen ersten Erinnerungen Teil unseres Lebens. Ich wollte unbedingt mitmachen, wie man eben seine Eltern nachmacht. Damit ich ihre Instrumente nicht kaputt mache, hat mir mein Vater eine 1-saitige Bratsche aus Holz grob nachgebaut, damit ich die Saite zu meiner Unterhaltung zupfen kann.
Dann, als ich 4 Jahre alt war, haben sie sich endlich entschieden, mir ein richtiges Instrument in die Hände zu geben. Meine Tante ist Cello-Lehrerin, und so haben sie mich zu ihr geschickt.

Sie haben an der Royal Academy of Music studiert, wo Sie nun selbst eine Klasse unterrichten. Was ist für Sie beim Unterrichten besonders wichtig?
Ich selbst bin meinen Professoren unglaublich dankbar. Wenn man ein Instrument, und Kunst generell unterrichtet, gibt man so viel von sich selbst. Man gibt Dinge weiter, für die man selbst Jahre gebraucht hat, sie herauszufinden und zu verwirklichen. Es ist so reichhaltig und komplex: Ein Teil von dem, was man weitergeben möchte, wird von einigen Studierenden nie wirklich verstanden oder verwirklicht, trotzdem muss man es immer wieder versuchen. Andererseits lernen die gleichen Studierenden vielleicht etwas anderes sehr schnell, wofür man selbst sehr lange gebraucht hat! Jeder Mensch ist anders. Was meine erste Professorin Maria Kliegel mir im Bezug zur Pädagogik beigebracht hat (ich war in Köln zwei Jahre lang ihre Assistentin) ist, nie zu versuchen zu ahnen, wozu ein Student oder eine Studentin fähig ist, sondern immer das höchste von jedem und jeder Studierenden zu erwarten. Denn jede*r lernt unterschiedlich schnell. Man kann nicht wirklich wissen, wozu jemand fähig ist, und Studierende zu unterschätzen, zu wenig zu verlangen, ist ein großer Fehler. Von meinem zweiten Professor Robert Cohen behalte ich vor allem die Großzügigkeit, die Gutwilligkeit um jeden Preis, und die Abwesenheit von Konkurrenz in Erinnerung. Es ist ein heißes Thema, denn letztendlich habe ich mich auf die gleiche Karriere vorbereitet wie er. Aber ihm und mir geht es eben um viel mehr als das, es geht darum, in der Form einer Liebe zur Musik, ein Geschenk an die Menschheit zu geben. Es ist eine wichtige Aufgabe, darum braucht man Musikerinnen und Musiker, die Meister der Kommunikation sind, und darum unterrichte ich auch.

Seit Sie 13 Jahre alt sind, widmen Sie sich dem orientalischen Tanz und sind vom Flamenco begeistert. Was macht für Sie die Faszination aus?
Alles... Erstmal die Vielschichtigkeit dieser beiden Musikrichtungen. Wenn man sich nicht viel damit beschäftigt, ahnt man nicht, wie komplex sie sind. Ich interessiere mich auch für Sprachen, und letztendlich sind diese beiden Tänze und deren Musik andere Sprachen. Ich unterstütze die wissenschaftliche Theorie, nach der die Sprache die Entwicklung unseres Gehirns gefördert hat, und nicht andersherum. Wenn man sich mit einer Fremdsprache beschäftigt, oder einer fremden Musik, lernt man, differenziert zu denken. Das ist faszinierend. Auch die Einstellung der Musiker*innen von „populärerer" Musik (ich mag die klassische Musik nicht als unpopulär bezeichnen, für mich ist jede Musik populär) finde ich inspirierend. Ich habe oben von unserer besonderen Aufgabe gesprochen, Musik als Geschenk zu vermitteln. Ich finde, dass diese Aufgabe in der sogenannten populären Musik noch ausgeprägter ist als in der klassischen Musik. Wahrscheinlich, weil sich bei uns in der Klassik so viele Institutionen eingemischt haben, und die Suche nach der technischen Perfektion beinahe krankhaft geworden ist.

Inwiefern beeinflusst diese Leidenschaft zum Tanz auch Ihr Cellospiel?
Es geht mir darum, beim Cellospiel so wenige körperliche Spannungen zu haben wie möglich. Die Spannung soll möglichst in der Musik sein, nicht im Körper, der sie produziert, sonst geht viel Ausdruck verloren. Mit dem Tanz (zumindest dem Bauchtanz) lernt man, sich nach den natürlichen Möglichkeiten seines Körpers und der Gravität zu bewegen. Das gibt natürliche Kraft, und die körperliche Entspannung erlaubt, dass Kopf und Herz für Kreativität empfänglich sind.

Müssen Ihre Cellostudenten auch tanzen?
Ich habe tatsächlich vor nicht langer Zeit meine ehemalige Bauchtanzschule in London an eine Studentin weiterempfohlen! Gegen Rückenprobleme ist es genial, und übrigens auch für Männer (mein erster Lehrer, damals in Frankreich, war ein Choreograph aus Ägypten und ein toller Tänzer!).

Haben Sie sich manchmal schon genervt, dass Sie ausgerechnet das Cello gewählt haben, bei dem ein Sichbewegen während dem Spiel doch sehr eingeschränkt ist?
Es geht nicht darum, wieviel man sich bewegt, sondern wie... Pina Bausch hat es sehr gut zum Ausdruck gebracht mit ihrem Ballet „Kontakthof" (mit nichtberuflichen Tänzern ab 65 Jahren). Und wenn man einen alten Mann anguckt, der Salsa tanzt, versteht man es sofort.

Sie haben 2020 einige Uraufführungen von Werken gespielt, welche für Sie komponiert wurden. Wie ist es dazu gekommen und können Sie uns die Werke kurz vorstellen?
Leider kam es nur zu einer Uraufführung, das Werk „Apocalypse" des französischen Komponisten Gilles Colliard für Cello solo – im Oktober 2020, alles andere wurde wegen Covid verschoben. Ich freue mich darauf, „Elegia di un Silenzio" für Cello und Orchester von Raffaelle Bellafronte zu spielen, auf einer Tour in Italien im Winter 2022/23, und im März 2022 mit dem Theater Orchester Biel die Uraufführung von „Fulgores" von Lorenzo Palomo in der Re-komposition für Cello, Gitarre und Orchester (ich arbeite mit dem Komponisten gerade daran).

Sie interessieren sich für die Philosophie aus Europa, Asien und dem arabischen Raum. Welche Gedanken sind Ihnen besonders wichtig?
Mich interessiert, wie Schumann, die Frage der Stelle der Musik und des Musikers bzw. der Musikerin in dieser Welt, denn ich ahne, dass sie sehr wichtig ist. „Töne sind höhere Worte", soll der Komponist gesagt haben. Und da ich der Meinung bin, dass Worte unsere Wirklichkeit gestalten...
Für mich sind Musik und Leben nicht voneinander zu trennen (wenig ist, in dieser Welt tatsächlich, voneinander zu trennen). Die Musik erlaubt, die Welt wie durch eine Linse zu erfahren, und damit beschäftigt sich auch die Philosophie. Da ich mich vor allem tagtäglich der Musik widme, ist es erfrischend, alles auch durch eine andere Linse zu betrachten.

Welche Zukunftspläne und Wunschprojekte haben Sie aktuell?

Ich hatte vor der Pandemie sehr konkrete Ideen davon, was ich in ein paar Monaten und sogar Jahren machen würde. Jetzt gehe ich mit dem Flow... Erstmal viele Konzerte bis zum Ende des Jahres (Frankreich, Deutschland, Mexiko, Schweiz). Ich habe angefangen zu komponieren, und für ein Online-Cello Magazin (cellomagazine.online) Interviews mit Kollegen zu machen. Das macht Spaß! Ein Wunsch? Einmal mit dem Dirigenten François-Xavier Roth das Cellokonzert von Schumann zu spielen.


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 27.10.2021

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