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Interview mit Lena-Lisa Wüstendörfer

Lena-Lisa Wüstendörfer

«Im Ausland pflegt man mit der eigenen Musikgeschichte einen deutlich aufmerksameren Umgang als hier in der Schweiz.»

Lena-Lisa Wüstendörfer ist Music Director des Swiss Orchestra und gestaltet seit 2022 als Intendantin von Andermatt Music den Konzertbetrieb der Andermatt Konzerthalle. Ergänzend zu ihrer Konzerttätigkeit publiziert Lena- Lisa Wüstendörfer auf dem Gebiet der Rezeptions und Interpretationsgeschichte, insbesondere zu Gustav Mahler und Felix Weingartner. Der von ihr herausgegebene Band Mahler-Interpretation heute (edition text + kritik 2015) gehört laut der Neuen Zürcher Zeitung NZZ zum «Faszinierendsten», was zur jüngeren Mahler-Rezeption publiziert wurde. Im Juni 2019 erschien im selben Verlag die Monographie Klingender Zeitgeist zu Mahlers Vierter Symphonie, die als «wegweisende» und «höchst anregende Pionierarbeit» (Stifter Jahrbuch) rezensiert wurde. Wiederholt war sie an der Universität Basel als Lehrbeauftragte tätig.
1983 in Zürich geboren, studierte Lena-Lisa Wüstendörfer an der Hochschule für Musik in Basel Violine und Dirigieren sowie an der Universität Basel Musikwissenschaft und Volkswirtschaft, wo sie auch zur Doktorin promoviert wurde. Ihre Dirigierstudien vertiefte sie bei Sylvia Caduff und Sir Roger Norrington und war Assistenzdirigentin von Claudio Abbado.

Ihr Ziel mit dem Swiss Orchestra ist es, Schweizer Werke aus der Klassik und Romantik wieder aufleben zu lassen, warum?
Die Schweizer Klassik und Romantik sind in unserer Kulturgeschichte in Vergessenheit geraten. Nur wenige sind sich heute bewusst, welche musikalischen Schätze des 19. Jahrhunderts hierzulande verborgen liegen – besonders im sinfonischen Bereich, auf den ich mich spezialisiert habe. Im Ausland pflegt man mit der eigenen Musikgeschichte einen deutlich aufmerksameren Umgang als hier in der Schweiz. Mit dem Swiss Orchestra wollen wir diesen blinden Fleck beleuchten und im Konzert erlebbar machen. Für unser 5-jähriges Bühnen-Jubiläum, das wir dieses Jahr im November mit unserer zehnten Tour feiern, spannen wir den Bogen noch weiter: von der Wiener Klassik über die Schweizer Frühromantik bis hin zur Gegenwart – mit Mozart, Beethoven, Friedrich Theodor Fröhlich und Helena Winkelman.

Welches Schweizer Werk ist Ihnen besonders ans Herz gewachsen und warum?
Da ich mich vertieft mit diesen vergessenen Werken befasse, gibt es natürlich einige, die mir viel bedeuten. Müsste ich mich jetzt für eines entscheiden, so wäre dies wohl Hans Hubers 1. Sinfonie, auch Tell-Sinfonie genannt. Ein eindrückliches Werk der Romantik, das die Schweizer Natur und Sagenwelt musikalisch kongenial abzubilden vermag, ohne plakativ zu werden. Hubers Sinfonien sind hervorragend komponiert, was ihm unter anderem die Anerkennung von Richard Strauss einbrachte.

Wie gehen Sie vor bei der Suche nach unbekannten Werken?

Das variiert natürlich. Oft durchforste ich Nachlässe in Universitätsbibliotheken oder werde bei Sichtungen von privaten Sammlungen fündig. Mittlerweile erhalte ich auch Zusendungen von Personen, die meine Leidenschaft für die Schweizer Klassik und Romantik kennen und teilen. Bei der Auswahl der Stücke verlasse ich mich meist auf meine Intuition. Ich lese die Partituren und wenn mich die musikalische Qualität überzeugt, mir die Komposition gefällt und ich womöglich auch noch einen relevanten Bezug zu aktuellen Themen erkenne, beginne ich mit der Planung und Umsetzung, die sich über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren erstrecken kann – je nachdem ob das Stück bereits als Druck vorhanden ist oder neu aus dem Manuskript ediert werden muss.

Sie sind Intendantin von Andermatt Music. Was zeichnet Andermatt Music aus?

Mit Andermatt Music bringen wir Musik jenseits festgetretener Pfade in die höchstgelegene Konzerthalle der Schweiz. Wir veranstalten hier rund 20 Konzerte im Jahr. Das Programm basiert auf den drei Säulen «Swiss Orchestra – Schweizer Klassik», «World Stage – Weltbühne» und «Local Roots – Heimat Klänge». Neben dem Swiss Orchestra als Residenzorchester treten jeweils gefeierte Klassikstars, weltbekannte Orchester sowie herausragende Innerschweizer Formationen auf. Bewusst verbinden wir Tradition mit Innovation. Ein Leitmotiv, das sich sowohl in der Musik als auch in der architektonischen Offenheit der Andermatt Konzerthalle widerspiegelt, wo Publikums- und Backstagebereich nahtlos ineinander übergehen und Zuhörende und Musizierende in intimer Atmosphäre aufeinandertreffen. Selten kommt man den Aufführenden so nah wie hier.

Sie haben Violine und Dirigieren aber auch Musikwissenschaft und Volkswirtschaft studiert und mit einem Doktorat abgeschlossen. Inwiefern haben die verschiedenen Studien voneinander profitieren können und was war vielleicht auch schwierig?
Meine Motivation war es, neben meinem Studium der Violine und des Dirigierens auch die Entstehungsgeschichte von Kompositionen und deren kultureller Einbettung genau zu verstehen. Dieser Kontext ist für mich essentiell, um die Materie von Grund auf zu erfassen. Ohne dieses musikwissenschaftliche Hintergrundwissen wäre meine berufliche Tätigkeit in dieser Form bei Swiss Orchestra gar nicht möglich – von der Forschung in den Archiven bis hin zur Prüfung von Manuskripten und der Aufführung. Die grösste Herausforderung für mich war es wohl, diese verschiedenen Studiengänge zeitlich unter einen Hut zu bringen.

Wo sind beim Dirigieren Ihrer Meinung nach die grössten Herausforderungen?

Für mich ist entscheidend, dass ein Orchester eine organische Einheit bildet. Dazu braucht es reibungslose Interaktion, die ein optimales Zusammenspiel ermöglicht. Manchmal sind die Voraussetzungen für ideale Harmonie rasch gegeben, manchmal braucht es mehr Effort, um diese herzustellen. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab, der Akustik eines Konzertsaals beispielsweise.

Wie würden Sie Ihren Idealklang eines Orchesters beschreiben?
Das hängt vom jeweiligen Stück ab, das gespielt werden soll. Wichtig ist mir die Vielfalt der Klangcharaktere, die ein Orchester hervorrufen kann. Ein Forte kann hart sein, es kann aber auch weich klingen. Diese Nuancen zu spielen, darauf kommt es an, um Musik zum Sprechen zu bringen.

Welche Leidenschaften haben Sie neben der Musik?
Ich lese gerne Krimis und mag es, mit offenen Augen und Ohren durch die Stadt zu spazieren. Ausserdem backe ich leidenschaftlich gerne Guetzli – mittlerweile bin ich eine regelrechte Spezialistin für Mailänderli.


Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 01.11.2024
© Bild: Dominic Büttner

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30.05.2026 - Emmanuel Pahud, Flöte/Swiss Orchestra/Lena-Lisa Wüstendörfer, Leitung

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