Kian Soltani im Interview

« Ich möchte meine Karriere entspannt angehen. »
Spätestens seit seinem Ersten Preis beim »Internationalen Paulo Cello Competition 2013« in Helsinki hat sich der gerade erst 24 Jahre alte Kian Soltani auf der höchsten Ebene der neuen Cellistengeneration etabliert. Weitere Erste Preise erhielt er beim »Karl Davidoff International Cello Competition« in Lettland sowie beim »International Cello Competition Antonio Janigro« in Kroatien. Kian Soltani war Stipendiat der Mozart-Gesellschaft Dortmund und ist Stipendiat der renommierten “Anne-Sophie Mutter Stiftung”.
Classicpoint.net: Vor kurzem haben wir hier ein Interview mit Ivan Monighetti publiziert. Sie waren 11 Jahre lang sein Schüler. Was hat er Ihnen alles beigebracht?
Sein Unterricht war nicht nur auf cellistische Fragen ausgerichtet. Ich habe sehr viel über die allgemeine Herangehensweise an Musikstücke, mit allem was damit in Verbindung steht, gelernt. Ich musste im Unterricht manchmal auch Klavier vorspielen. Ich musste ihn begleiten auf dem Klavier. Ich musste Gedichte vortragen, Lieder vorsingen, von ihm empfohlene Bücher lesen, Konzerte hören, gemeinsam spazieren, joggen. Ich habe bei ihm übernachtet, über alles Mögliche gesprochen. Er hat mich wie ein Sohn behandelt. Wir haben ein sehr persönliches Verhältnis. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Es war viel mehr als Cellounterricht.
Wenn Sie auf diese lange Unterrichtszeit zurückschauen, lässt sich diese Zeit in verschiedene Phasen einteilen?
Ich bin als 11-Jähriger zu ihm gekommen. Er hat da nicht sofort alles geändert. Sein Unterricht ist ein sehr langsamer und schrittweiser Aufbau. Die ersten 2-3 Jahre habe ich noch nicht alles verstanden. Es war eine Kennenlernphase, bei der ich ihm einfach komplett vertrauen musste, sowie auch mein Vater. Später habe ich dann realisiert wie sich alles auswirkt und konnte die ersten Früchte der gemeinsamen Arbeit ernten. In der letzten Phase hat Ivan Monighetti mir dann das Vertrauen zurückgegeben und mich mehr und mehr alleine machen lassen. Ich konnte die Verantwortung mehr und mehr übernehmen und aus ihm herauswachsen, sodass der Abschied sehr organisch war.
Sie mussten für den Unterricht wöchentlich von Vorarlberg nach Basel fahren und zurück. Das macht 6 Stunden Weg. Das Wochenende war also eigentlich immer mit dem Unterricht in Basel verplant im Alter von 12-23 Jahren. Haben Sie da nie das Spielen mit Freunden etc. vermisst?
Zum Glück war der Unterricht nicht immer am Wochenende. Ich konnte auch unter der Woche zum Cellounterricht fahren und bekam nach einem Antrag an diesen Tagen jeweils schulfrei. Mein Vater hat mich mit dem Auto gefahren. Da konnte ich schlafen. Es war also mehr für meinen Vater eine Strapaze. Als 13-Jähriger habe ich täglich ca. 3 Stunden geübt und hatte immer noch genug Zeit, um mit den anderen Kindern zu spielen. Wir haben viel auf der Strasse mit Bällen gespielt. Später habe ich dann mehr und mehr geübt, bis ich bei 5-6 Stunden pro Tag angekommen bin. Als Schüler habe ich zeitgleich mit den anderen Abitur gemacht.
Sie sind in Österreich aufgewachsen. Ihre Familie kommt aus dem Iran. Was an Ihnen ist persisch?
Relativ viel eigentlich. Sicher mal mein Aussehen. Zudem habe ich immer mit meinen Eltern persisch gesprochen. Wir haben alle persischen Feiertage gefeiert. Wir haben persisch gegessen und persische Feste gefeiert. Zugleich bin ich aber auch sehr österreichisch. Wir haben auch diese Feiertage gefeiert. Ich habe z.B. immer zwei Neujahrsfeste gehabt. Eines an Silvester und das persische, das zum Frühlingsbeginn gefeiert wird, ca. am 20. März. Eine typische persische Eigenschaft ist auch eine übertriebene Höflichkeit, bei der man oftmals Angeboten ablehnt, auch wenn man eigentlich Ja sagen will. Auch wenn ich das nicht wirklich tue, so würde ich die persische Höflichkeit gerne beibehalten!
Sie spielen auch mit Ihren Eltern unter anderem persische Musik. Was bedeutet für Sie diese Musik?
Die persische Musik ist für mich extrem wichtig. Sie bedeutet mir Heimat, meine Wurzeln, meine Kindheit und meine Familie. Ich bin damit aufgewachsen. Aber erst in den letzten Jahren habe ich mich intensiv damit beschäftigt. Ich gebe ca. 1 bis 2 Konzerte pro Jahr mit meinem Vater, nicht nur mit dem Cello, sondern teilweise auch mit der Kemanche, einer Schossgeige. Aber mein Fokus ist natürlich immer auf der klassischen Musik.
Sie haben als gerade 24 Jahre gewordener junger Cellist bereits einige Wettbewerbe gewonnen und sich nun aber entschieden, keine Wettbewerbe mehr zu spielen. Was waren die Gründe für diesen Entscheid?
Bei Monighetti war vieles auf Wettbewerbe ausgerichtet. Ich habe an sehr vielen Wettbewerben teilgenommen. Als ich dann bei Monighetti aufgehört habe, beendete ich zeitgleich auch die Teilnahme an Wettbewerben. Man muss sich immer die Frage stellen: Warum mache ich Wettbewerbe? In der Zeit bei Monighetti habe ich das für die Erfahrung und die Motivation zum Üben gemacht. Es war gut, so fokussiert auf Ziele hinzuarbeiten und die Erfolge haben mir Selbstbewusstsein gegeben. Es ist dann der Zeitpunkt gekommen, zu dem ich die Wettbewerbe nicht mehr als Motivation, fürs Selbstbewusstsein oder um anderen was zu beweisen, gebraucht habe.
Sie werden von zahlreichen Stars gefördert, haben mit Martha Argerich, Daniel Barenboim etc. zusammengespielt und sind in der Anne-Sophie Mutter Stiftung. Nicht wenige trauen Ihnen eine grosse Karriere zu. Spüren Sie auch einen Erwartungsdruck?
Der Erwartungsdruck war auch bei den Wettbewerben immer da. Interessanterweise habe ich bei allen Wettbewerben im Vorfeld nie daran geglaubt zu gewinnen. Ich war sehr entspannt. Vielleicht war gerade das der Schlüssel zum Erfolg. Das gleiche, entspannte Gefühl habe ich auch bei meiner Karriere. Natürlich habe ich trotzdem eine grosse Erwartung an meine cellistischen Fähigkeiten. Letztendlich kann ich nur so gut spielen wie es mir möglich ist. Wenn das reicht für eine grosse Karriere ist das schön, ansonsten werde ich trotzdem glücklich sein. Ich bin sehr froh, dass ich von so bedeutenden Künstlern gefördert werde.
Sie sind noch sehr jung. Was sind Ihre Karriereziele, Ihre Visionen?
Ich habe 3 grosse cellistische Vorbilder: Giovanni Sollima, Steven Isserlis und Yo Yo Ma. Sie unterschieden sich in ihrer Herangehensweise. Giovanni Sollima ist ein grossartiger Künstler, der alles auf dem Cello kann – Spielen verschiedenster Stilrichtungen, Komponieren, und er ist extrem kreativ. Für mich ist er ein Vorbild als freier Musiker und Künstler. Steven Isserlis ist für mich das Vorbild des klassischen Musikers mit einer absolut partiturgetreuen Interpretation, akribisch einstudiert. Die Partitur ist beinhahe eine Bibel, eine heilige Schrift. Mit dieser unglaublich intensiven und disziplinierten Hingabe ist er für mich ein grosses Vorbild. Yo Yo Ma ist für mich ein Genie mit seinem Gespür für die richtigen Projekte. Er ist auch sehr offen für alles. Mein Ziel ist es, diese drei grossartigen Charakter in mir zu vereinen um diese Qualitäten zu erreichen. Gerne würde ich auch irgendwann eine Klasse haben und Studenten unterrichten.
Sie komponieren auch?
Ich habe erst ein Zugabestück komponiert, improvisiere viel und arrangiere Stücke. Ich möchte in Zukunft mehr in diese Richtung arbeiten, gerade auch mit persischer Musik.
Was beschäftigt Sie neben der Musik noch?
Viel und trotzdem ist alles mit Musik verbunden. Ich bin der Typ, der eine gewisse Zeit etwas sehr intensiv macht und nach einiger Zeit das Interesse wieder etwas verliert um sich auf eine andere Sache einzulassen. So war ich fast schon fanatisch in gewissen Sportarten, später Magie und Zauberei. Ich liebe Filme im Kino. Nach der Musik sind Filme meine grösste Leidenschaft. Wäre ich nicht Musiker geworden, dann etwas mit Film: Schauspieler, Regisseur, Filmmusikkomponist oder am liebsten alles in einem.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.net | 1.2.2017
Bild © Juventino Mateo
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