Julian Steckel im Interview

«Ich habe wenig Neid und Egoismus erlebt.»
Seit dem Gewinn des ersten Preises beim Internationalen ARD-Wettbewerb 2010, bei welchem Julian Steckel zusätzlich den Publikumspreis, den Oehms-Classics-Sonderpreis sowie den Sonderpreis des Münchner Kammerorchesters erhielt, gehört Julian Steckel zu den international gefragtesten Cellisten. Neben seiner Solokarriere unterrichtet er auch eine Celloklasse als Professor in Rostock und widmet sich der Kammermusik.
Classicpoint.ch: Sie haben zum Abschluss Ihres Studiums bei der Geigerin Antje Weithaas Unterricht genommen. Wie kam es dazu und was haben Sie von Ihr gelernt?
Ich kannte Antje Weithaas als Lehrerin meiner Schwester Anna Theresa und als Kammermusikpartnerin und war musikalisch und menschlich begeistert von ihr.
Daher lag der Entschluss für mich nahe, bei ihr weiter zu lernen. Ich hatte das Privileg, bei den besten Cellisten studieren zu dürfen, und hatte das Bedürfnis, noch andere Blickwinkel zu bekommen.
Der Unterricht bei Antje Weithaas war gleichzeitig eine Unterstützung meines bisherigen Weges – durch Kenntnis des Notentextes, der Biographie, der Lebensumstände der Komponisten möglichst nahe an den Ausdruck des Werkes zu kommen, also vom "wie ist etwas geschaffen, aufgebaut, komponiert", zum "was will das Werk uns und den Zuhörern sagen" – also zur Essenz, dem Ausdruck, der Bedeutung eines Werkes zu gelangen. Gleichzeitig war die Zeit bei ihr einfach sehr erfrischend und befreiend für mich.
Bevor Sie den Durchbruch mit dem Gewinn des ARD-Wettbewerbes hatten, haben Sie viele zweite Preise gewonnen und gerade die Stelle als Solocellist beim Rundfunk-Sinfonieorchester erhalten. Haben Sie schon nicht mehr mit einem Gewinn gerechnet?
Nein, ich hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Damit meine ich nicht, dass ich nicht ruhig schlafen konnte, weil ich "nur" 2. Preise bei den grossen internationalen Wettbewerben gewonnen hatte – ich hatte aber trotzdem das Gefühl, dass die Zeit im Orchester eine Zwischenstation war. Wenn ich zurückschaue auf meine Wettbewerbsteilnahmen vor dem ARD-Wettbewerb, sehe ich, dass die Erstpreisträger – mit wenigen Ausnahmen – heute kaum mehr im Konzertleben vertreten sind. Insofern war mir schon damals klar, dass ich mir von einem 1. Preis, selbst beim ARD-Wettbewerb, nicht selbstverständlich einen sofortigen Einstieg ins Konzertleben erhoffen konnte.
Was haben Sie bei den Wettbewerben, bei denen Sie mitgemacht haben, denn alles so erlebt?
Ich erinnere mich vor allem daran, Freundschaften geschlossen zu haben. Bei den Cellowettbewerben hat sich ja immer die junge internationale Cellistengeneration getroffen. Alle haben tagsüber viel geübt, und danach wurde gefeiert. Je länger der Wettbewerb dauerte, desto weniger Cellisten blieben übrig, desto mehr hatten frei ... und desto kürzer wurden die Nächte. Natürlich musste man sehr fokussiert sein, aber trotzdem war die Atmosphäre immer freundschaftlich, ich habe wenig Neid oder Egoismus erlebt.
Hin und wieder ist mal ein Jury-Mitglied eingeschlafen, das war natürlich amüsant...
Wäre es unmöglich gewesen, ohne Wettbewerbsgewinn die Solokarriere zu lancieren?
Karrieren haben viele Vorzeichen. Das grösste und leider unfairste ist Glück. Das ist in vielen Berufen so, in denen Qualität nicht objektiv messbar ist. Grosses Können ist in den allermeisten Fällen auch dabei, aber dann zählen Dinge wie Sympathie, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein – das kann ein Einspringer sein, oder ein Dirigent, der an einen glaubt, ein Agent, der die Macht hat, wichtige Debüts zu organisieren – und grosse Ausdauer, Nervenstärke und die Fähigkeit, mit Niederlagen umzugehen.
Ich hätte also auch ohne Wettbewerb die Möglichkeit gehabt, mich durchzubeissen oder von irgendjemandem "entdeckt" zu werden, aber es gibt eben nie eine Garantie. Manche Karrieren verlaufen erst steil, dann hört man jahrelang nichts mehr von dem Künstler. Andere warten jahrzehntelang, bis sie auf einmal gehört werden.
Sie wurden fast zeitgleich mit dem Wettbewerbsgewinn auch zur Professur in Rostock berufen. Ist das die perfekte Ergänzung zur Solokarriere?
Für mich jedenfalls schon! Ich mag den Austausch mit den Studenten einfach sehr. Das Sprechen und Denken über Musik ist mir sehr wichtig. Ich spüre immer stärker, dass die Fähigkeit zu assoziieren und ein möglichst grosses Wissen die eigene Gefühls- und damit Ausdruckswelt unmittelbar bereichert. Das war mir selbst als Student zwar durchaus auch bewusst, ich habe es aber nicht wirklich gelebt und konnte mich meistens erfolgreich auf mein Bauchgefühl verlassen, was wiederum genauso wichtig ist! Mittlerweile kann ich mir mein musikalisches Leben ohne das Unterrichten kaum mehr vorstellen. Zu beobachten und etwas mitzulenken, wie jemand seinen Weg geht, sich entwickelt, bis er am Ende mehr oder weniger selbständig ist, finde ich sehr spannend.
Wo waren Ihre Lehrer Pergamenschikow, Schiff und Rivinius jeweils stark im Unterrichten und wo setzen nun Sie Ihre Prioritäten beim Unterricht?
Rivinius, Pergamenschikow und Schiff sind alle miteinander verbunden. Pergamenschikow und Schiff kannten sich schon als junge Kollegen und haben sich immer wieder gegenseitig Studenten geschickt, Rivinius studierte bei Schiff, und Pergamenschikow und Rivinius haben in den Jahren vor Pergamenschikows Tod viel zusammen musiziert.
Aber vor diesen prominenten Cellisten stand und steht mein vielleicht wichtigster Lehrer, Ulrich Voss.
Ich kam mit 16 Jahren zu Rivinius und war als Cellist ganz in Ruhe und ohne Erfolgsdruck über 10 Jahre lang von Voss ausgebildet worden. Natürlich war ich nicht "fertig", aber das ist man sowieso nie. Ich hatte aber durch diese gründliche Schule eine sehr stabile Technik und hatte im Alter von 15, 16 Jahren bereits viele der grossen Konzerte mal gespielt. Ausserdem war mein Repertoire bereits recht breit, ich hatte von Bach bis Zimmermann viel Musik unter den Fingern gehabt. Auch menschlich war Voss nicht nur in dieser Zeit mein wichtigster Mentor. Heute kann ich sagen, dass ich ohne ihn nie so weit gekommen wäre. Rivinius als ehemaliger Voss-Schüler war eine natürliche Fortsetzung dieses Weges. Von Voss wusste ich viel übers Cellospielen, von Rivinius hörte ich dann, wie es klingen konnte. Wenn er mir etwas vorspielte, war das für mich unglaublich beflügelnd – so reich, so farbig und so fehlerfrei wollte ich auch klingen! Durch seine fantastischen, spielerischen und solistischen Fähigkeiten konnte ich mir daher sehr viel abschauen. Das war in dem Alter genau das Richtige. Er musste mir technisch nicht viel erklären, wir haben viel am Klang gearbeitet, und ich habe mein Repertoire erweitert. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mir Zeit gelassen hat und mich nie unter Druck setzte, obwohl er in der Sache sehr streng war und viel Wert auf Stabilität legte. Ich habe in dieser Zeit keine grossen Wettbewerbe gespielt, wie das heute bei Teenagern oft üblich ist und konnte, auch weil ich noch zur Schule ging, in Ruhe lernen.
Ein Jahr nach dem Abitur ging ich zu Pergamenschikow nach Berlin und studierte in einer ganz kleinen Klasse, in der jedes Mitglied absolutes Topniveau hatte. Das war ein grosser Ansporn und eine nahtlose Fortsetzung meines Drangs, auf dem Cello immer weiter zu kommen, mehr zu lernen und besser, stabiler, ausdrucksstärker zu werden. Pergamenschikow forderte mich ganz stark heraus. Ich hatte unglaublich viel Unterricht, und der "Massstab" (eines seiner Lieblingswörter) verschob sich noch einmal stark nach oben. Pergamenschikow gab sich mit nichts anderem als Perfektion zufrieden. Auch bei ihm gab es in den zwei Jahren kaum ein Wort zur "Technik". Er verband seine Ideen immer mit Bildern, sei es aus Literatur, Film, Kulinarik ... Das hat meinen Horizont, meine Vorstellungskraft sehr erweitert. Das versuche ich auch heute selbst beim Unterrichten weiterzugeben. Gleichzeitig zu diesem höchsten Anspruch an sich selbst und seine Studenten war er unglaublich warmherzig und gerecht. Es gibt unendlich viele Geschichten, was er alles für seine Studenten getan hat. Für seine Unterstützung und, ja doch, väterliche Liebe bin ich ihm für immer dankbar.
Nach Boris' Tod nahm mich Heinrich Schiff in seine Klasse auf. Damit studierte ich bei einem weiteren Idol meiner Jugend und war von Anfang an fasziniert von seiner komplexen künstlerischen Persönlichkeit, seinem intensiven Lebensstil, seinem sensationellen Klang und der Energie bei allem, was er anpackte. Ich war Anfang zwanzig und natürlich sehr empfänglich für dieses Gefühl des "Alles-oder-Nichts": sehr viel arbeiten, sehr viel rauchen, und so weiter... Schiff verlangte, egal ob man schon am Beginn einer Karriere stand oder nicht, noch einmal durch eine technische Schule zu gehen, die vor allem, aber nicht nur, die Bogentechnik betraf. Damit hatten immer mal wieder ein paar Leute Probleme, die sich dafür schon zu gut befanden. Schiff warnte auch mich, bevor ich bei ihm anfing, dass sein Unterricht kein Zuckerschlecken werden würde, aber genau deswegen wollte ich ja zu ihm. Dieser scheinbare Rückschritt hat mich aber deutlich stärker werden lassen als ich es vorher war. Ich musste mich in dieser Zeit viel um meine eigentlich schon stabilen musikalischen und technischen Fundamente kümmern, viel Gewohntes hinterfragen, Neues hinzufügen, bestätigen... In die gleiche Zeit fiel auch mein mich mehrere Monate und viel Selbstvertrauen kostender Unfall, eine ganz wichtige Phase des Zweifels, aber auch der Neuorientierung und Selbstfindung.
Heute, wenn ich selbst unterrichte, wird mir klar, wie wichtig es war, das alles zu durchlaufen. Schiff zählt für mich, auch wenn die Zeit für mich nicht immer einfach war, zu den grössten Cellopädagogen überhaupt, und ich schätze mich glücklich, dass ich bei diesen sehr unterschiedlichen, aber doch miteinander verbundenen, Persönlichkeiten lernen durfte.
Nach einem Motorroller-Unfall hatten Sie den Arm drei Monate im Gips. Was ging Ihnen in dieser Zeit durch den Kopf?
Der Unfall war ein Schock für mich. Bis dahin hatte mich eher das Glück verfolgt. Abgesehen davon, dass in dieser Zeit ganz wichtige Schritte um Jahre verzögert wurden. Meine erste CD-Aufnahme konnte nicht stattfinden, ich war in der Form meines Lebens und hatte vielversprechende Konzerte und Begegnungen, konnte diese Chancen aber nicht wahrnehmen und einlösen. Ich machte mir natürlich Sorgen, ob ich jemals wieder meine Form erreichen würde. Nicht ganz ernsthaft zwar, aber doch habe ich überlegt, was ich ausser "Cellist" noch gerne werden würde... Glücklicherweise hatte ich ja die Schule abgeschlossen und immer auch andere Interessen gehabt. Aber der Gedanke kam mir doch sehr fremd vor, nach so vielen Jahren mit dem klarem Ziel vor Augen, Cellist zu werden, einen ganz anderen Weg einschlagen zu müssen. Glück gehabt, ich habe mich wieder aufgerafft, als der Arm geheilt war, und mich wieder herangetastet. Die Unbekümmertheit, die technische Nonchalance, die war aber erstmal weg, und es hat Jahre gedauert, bis ich zu alter Selbstverständlichkeit zurückgekehrt bin.
Sie haben bereits mehrere CD-Einspielungen mit Paul Rivinius gemacht. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und was verbindet Sie mit ihm?
Paul kenne ich, seit ich ungefähr 5 Jahre alt war. Damals besuchte ich mit meinen Eltern Konzerte seines Bruders Gustav und ihm und war ein grosser Fan der beiden. Als ich nach Berlin zog, lernte ich ihn kennen und suchte gerade einen Pianisten, der mich bei einem grossen Wettbewerb "begleiten" sollte. Obwohl Paul das damals schon nicht mehr machte, traute ich mich, ihn zu fragen, und er machte netterweise eine Ausnahme für mich. Schon die erste Probe war ein Erweckungserlebnis für mich. So hatte ich die Brahms F-Dur-Sonate noch nie erlebt. Es war gleichzeitig alles ganz natürlich nachzuvollziehen und mir musikalisch verwandt und gleichzeitig ganz neu durch die Energie und Fantasie, die sein Spiel ausstrahlt. Als ich dann nach und nach mehr Konzertangebote bekam, lag es für mich nur nahe, ihn zu fragen. Seitdem spielen wir zusammen, reisen viel zusammen, nehmen auf, und haben einfach sehr viel Spass.
Sie sind als Solist sehr viel auf Reisen. Gibt es lustige Anekdoten, die Sie mit dem Cello auf Reisen erlebt haben?
Reisen mit dem Cello ist eher eine mühsame Angelegenheit. Der Check-in dauert lange, alle 10 Sekunden muss man erklären, dass man einen zweiten Sitzplatz gekauft – ja, wirklich bezahlt! An der Sicherheitsschleuse gibt es immer jemanden, der nicht glaubt, dass das Cello durch das X-Ray passt (nein, es hat nicht zugenommen seit vorgestern), die Mitpassagiere sind grantig, weil man als einziger scheinbar unbegrenzt Handgepäck mitnehmen darf ... aber dafür bekommt man dann zwei der so leckeren Bordmenüs!
Und nein, ich werde auch im nächsten Leben nicht Flöte lernen.
Gibt es in Ihrem Leben auch neben der Musik Leidenschaften?
Ich geniesse zum Glück nicht nur die Reisen und das Konzertieren sondern bin auch sehr gerne zuhause. Und auch wenn es nicht allzu häufig der Fall ist, geniesse ich das sehr und widme mich vor allem den leiblichen Genüssen wie Kochen und Essen, Wein bestellen und trinken. Ich gehe leidenschaftlich gerne ins Theater und bin ein grosser Film-Fan.
Was sind Ihre nächsten Pläne?
Am Jahresanfang unterrichte ich nach ein paar freien Tagen meine Studenten, bevor ich mit der Jungen Deutschen Philharmonie nach Italien und Frankfurt reise, wo ich das Cellokonzert von Gulda spielen werde. So geht es im Prinzip immer fort: Konzerte, Unterrichten, dazwischen kurz zuhause zum Erholen und Vorbereiten. Im Februar mache ich allerdings zwei Wochen Urlaub vom Berliner Winter und werde an einem schönen warmen Plätzchen gemeinsam mit meiner Freundin in die Sonne blinzeln.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 5.01.2015
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