Isabelle van Keulen im Interview

«Das ist wieder eine ganz neue Dimension, Trio zu spielen.»
Die Geigerin und Bratschistin Isabelle van Keulen zählt zu den gefragtesten Künstlerinnen ihrer Generation. In den Niederlanden aufgewachsen, ist sie heute auf den grossen Bühnen und den wichtigen Festivals ein regelmässiger Gast. Seit Herbst 2012 unterrichtet sie an der Musikhochschule in Luzern.
Classicpoint.ch: Sie sind sowohl Geigerin wie auch Bratschistin. Was gefällt Ihnen an diesen beiden Instrumenten besonders?
Das Erfreuliche ist, dass ich ja nicht zwischen beiden Instrumente wählen muss! Die Geige darf immer singen (die 'erste' Geige spielen!), dagegen darf die Bratsche, und das besonders in der Kammermusik, mehr die Farbe bestimmen. Als Mittelstimme kann man zwischen hoch und tief vermitteln, man kann die Verbindung zwischen den anderen Stimmen gestalten. Auch klangtechnisch profitiert man stark, wenn man beide Instrumente beherrscht. Man lernt sehr viel für die Klangbildung auf der Bratsche, um auch die Geige wieder 'satter' klingen zu lassen.
Sie haben mal gesagt, dass Sie ganz bewusst gewisse grosse klassische Werke nicht spielen, die Ihnen nicht zusagen. Welche Stücke sind das?
Es ist immer gefährlich, sich auf das Glatteis zu bewegen, auf das man verführt wird: Favoriten (oder auch im Gegenteil: nicht-Favoriten) zu benennen. Es gibt im Leben Phasen, in denen man bestimmte Werke manchmal so oft gespielt hat, dass man eine Auszeit braucht. Das hat weniger mit den besagten Werken zu tun, als mit der eigenen Situation! Und meistens entdeckt man solche Kompositionen wieder in einem anderen Licht, weil man selber weiter gekommen ist und sich neu darauf einlassen kann.
Sie engagieren sich sehr stark für zeitgenössische Musik. Was reizt Sie an neuer Musik?
Wir sind als allround-Musiker verpflichtet, uns mit der ganzen Musiktradition und mit den verschiedenen Stilen auseinanderzusetzen. Das heisst, dass man z.B. Mozart aus der Tradition von Haydn und Bach sehen muss. Daraus haben sich dann wieder Beethovens Ideen, Schubert, usw. entwickelt, bis in die heutige Zeit. Wir leben jetzt, und ich fühle mich persönlich berufen, um in gleichem Masse zeitgenössische wie in der Vergangenheit komponierte Werke zu spielen. Natürlich gibt es manchmal moderne Werke, die vielleicht nicht ewig überleben werden, die aber dennoch interessant sind, da sie einen Zeitgeist repräsentieren.
Wie motivieren Sie sich, wenn Sie ein extrem schwieriges zeitgenössisches Stück spielen müssen, bei dem Sie viel Übezeit investieren und genau wissen, dass Sie das Stück kaum ein weiteres Mal aufführen werden?
In dem Bewusstsein, dass man ein Stück nur einmal spielt, darf man nie an die Arbeit gehen: Es kann ja durchaus wieder geplant werden. Ausserdem sehe ich das Einstudieren dieser anspruchsvollen Werke auch als Sport. Gerade weil sie so schwer sind, kann man auch eine Menge 'Gymnastik' dabei ausüben und eine grosse Fingerfertigkeit erwerben. Das ist weniger langweilig als immer die gleichen Übungen zu spielen! Zudem bin ich der Meinung, dass das Studium von zeitgenössischer Literatur auch den Geist fit hält.
Sie haben soeben eine Dozentenstelle an der Musikhochschule in Luzern angetreten. Was für Erwartungen haben Sie?
Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich mich freue, die Erfahrungen, die ich in den letzten fast 30 Jahren gesammelt habe, an junge, talentierte Leute weiter zu geben. Ich erwarte von meinen Studenten auf alle Fälle Neugier, die Bereitschaft, offen zu sein und selbständig arbeiten zu wollen und selbstverständlich Disziplin. Ich bin aber auch der Meinung, dass beim Musizieren Freude dazu gehört und werde grossen Wert auf Stilbewusstsein legen und die Fähigkeit, mit dem Publikum zu kommunizieren. Auch werde ich versuchen, die Studenten vielseitig zu erziehen, damit es eher Musiker als 'nur' Geiger werden!
Sie sind 2009 dem Leopold String Trio beigetreten. Haben Sie bewusst diese Besetzung gesucht oder hat es sich einfach so ergeben?
Es hat sich so ergeben. 2007 wurde ich von meinen beiden Kollegen gefragt. Das Trio-Repertoire ist nicht sonderlich gross, dafür aber recht fein, nur dass, ausser wenigen Stücken, wie z.B. Tanejev, die ganze Romantik mehr oder weniger fehlt. Wir werden demnächst das Triple Concerto von Michael Tippett aufführen. Das ist wieder eine ganz neue Dimension, Trio zu spielen! Die Trio-Besetzung ist sehr heikel. Das sieht man nicht zuletzt daran, dass alle Komponisten versucht haben, mindestens für vier Stimmen zu schreiben. Ausserdem sind die drei Instrumente sehr exponiert und haben einen individuellen Klang. Die grosse Aufgabe ist der Versuch, dennoch die Verschmelzung zu finden!
Seit über 20 Jahren spielen Sie mit dem Pianisten Ronald Brautigam zusammen. Verändert sich die Interpretation von Stücken, die Sie immer wieder spielen?
Die Zusammenarbeit mit Ronald Brautigam hat sich natürlich sehr eingelebt über die 22 Jahre. Wir haben in unserem grossen Repertoire bestimmt Stücke, die immer wieder zurückkehren. Dazu gehören z.B. die Beethoven-Sonaten. Sie haben sich vielleicht über die Jahre in dem Sinne entwickelt, dass Ronald sich in den letzten Jahren stark mit dem Fortepiano auseinandergesetzt hat und damit auch meine Klangbildung und Interpretation beeinflusst hat. Nichtdestotrotz haben wir immer versucht, so natürlich und nah an der Quelle zu spielen wie möglich und uns nicht mit Show oder falschen Beweggründen mit Musik auseinander zu setzen. Wir haben uns glücklicherweise in den vergangenen Jahren auch nicht auseinandergelebt, sondern sind der Musik beide sehr treu geblieben.
Haben Sie Projekte für die Zukunft?
Seit etwa einem Jahr habe ich mich aktiv, nachdem ich als Kind schon leidenschaftlich begeistert war, mit den Tangos vor allem von Piazzolla beschäftigt. Ich habe ein Quartett mit Christian Gerber (Bandoneon), Ulrike Payer (Klavier) und Rüdiger Ludwig (Kontrabass) gegründet. Wir werden nächsten Sommer eine schöne Tournee haben mit Konzerten bei den Festivals Schleswig-Holstein, Rheingau, in Amsterdam. Bis dahin wird auch unsere erste Tango-CD aufgenommen sein.
Was machen Sie privat, wenn Sie nicht mit Musik beschäftigt sind?
Ein gesunder Geist in einem gesundem Körper: Ich mache regelmässig Sport, mag es auch sehr, im Garten zu arbeiten, da das fast eine meditative Arbeit ist. Ansonsten koche ich gerne und lese sehr viel.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 3.12.2012
© Foto: Marco Borggreve
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