Maurice Steger im Interview

«Diese Liebe ist gereift, aber so frisch wie damals.»
The Independent nannte Maurice Steger "The world's leading recorder virtuoso". In der Tat glückte es dem Künstler, sich mit seiner weltweiten Konzertätigkeit sowie zahlreichen, zum Teil mit höchsten Preisen ausgezeichneten CD-Einspielungen als einer der beliebtesten Solisten auf dem Gebiet der Alten Musik zu etablieren. Dank seiner lebendigen Art und seiner persönlich ebenso spontanen wie technisch brillanten Spielweise gelang es Maurice Steger zudem, die Blockflöte als Instrument aufzuwerten und sie neu zu positionieren.
Classicpoint.ch: Es gibt ja viele verschiedene Blockflöten, die sich in Tonlage und Größe unterscheiden. Wie viele Instrumente haben Sie, die Sie regelmäßig spielen?
Ja, das stimmt. Ein Geiger braucht nur ein fantastisches Instrument, wir Blockflötisten brauchen viele unterschiedliche Flöteninstrumente, die sich auch in Bauart und Stimmungen unterscheiden. Wenn ich meine Instrumente unterteile, so sind dies moderne Blockflöten, historische Instrumente in den verschiedensten Bauweisen und nach Originalen rekonstruiert sowie Spezialanfertigungen – zusammen wohl etwas mehr als 70 Blockflöten, alle ganz wunderbar und auf hohem Niveau einsatzbereit.
Sie sind ein weltweit gefragter Spezialist für Alte Musik. Wie haben Sie sich dieses Wissen angeeignet?
Zum einen habe ich Alte Musik studiert und mich dabei nicht nur mit Schulen für Bläser befasst, sondern mich auch mal über den Gartenzaun zu den Streichern gewagt, habe viele Partituren gelesen, später Continuo studiert und erst dann, mit den Papieren in der Tasche (meine liegen auf dem Estrich in meinem Elternhaus), hat die eigentliche Arbeit begonnen. Ich hatte das große Glück, schon in jungen Jahren bei den berühmten Alte-Musik-Gruppen groß zu werden, ebenso hat mich das Lernen über deutsche Musik mit Reinhard Goebel weitergebracht. Die italienische Spielweise kennenzulernen war eine wunderbare Sache, später habe ich Dirigieren studiert und in den letzten Jahren arbeitete ich auch mit englischen Orchestern. Durch 'Europa Galante', 'Musica Antiqua Köln', 'Akademie für Alte Musik Berlin', 'I Barocchisti' und 'The English Concert' habe ich eine europäische Barockreise mit vielen Eindrücken, Lernmomenten und Herangehensweisen unternommen – wohl besser als jede Lernstätte.
Die Blockflöte gilt als Einstiegsinstrument, bevor man ein „richtiges“ Instrument lernt. Wie sind Sie zur Blockflöte gestoßen und geblieben?
Ich hatte anfangs große Probleme mit dem Instrument, war feinmotorisch wirklich sehr ungeschickt. Deshalb musste ich die Flöte für einige Jahre in meinem Schrank verstauen und habe erst als 10-Jähriger begonnen, das Instrument zu lernen. Zu lieben begonnen hab ich sie mit 13 und mit 15 gab es nichts anderes mehr in meinem Leben. Diese Liebe ist gereift, aber noch immer so frisch wie damals.
Mit dem Projekt Tino Flautino sprechen Sie Schülerinnen und Schüler an. Können Sie uns etwas über das Projekt erzählen und was für Sie den Reiz ausmacht?
Mit unserem ersten Tino-Flautino-Projekt mit Musik alter Komponisten erreichten wir sehr viele Kinder und wir erlebten unsere Aufgabe, den Jüngsten etwas als wunderbar und wertvoll mit auf den Weg zu geben. Der große Erfolg motivierte uns, eine Fortsetzung zu der Geschichte zu entwickeln mit Musik, die der junge französisch-schweizerische Komponist Rodolphe Schacher eigens dafür geschrieben hat. Wie bereits im ersten Märchen sind wir von Stimmungsbildern ausgegangen, die für Kinder wichtig sind, und haben versucht, mit textlichen und musikalischen Mitteln Naturelemente, menschliche Gefühlszustände und Szenen darzustellen und sie in ein Gesamtkunstwerk, in dem eine spannende Geschichte erzählt und eingängige Musik gespielt wird, zusammenzufassen. Kinder sind ein fantastisches, ehrliches, direktes Publikum. Sie merken, ob etwas echt ist. Das ist eine gute Schule für uns Musiker! Und auch nach vielleicht 200 Kinderkonzerten fasziniert es mich immer wieder, für Kinder zu spielen. Im Frühling 2011 habe ich zudem die Uraufführung von Victor Fortins 'Pinocchio und der Flötenspieler' dirigiert und einige hervorragende Jugendliche als Solisten mit eingeladen, um eine Brücke zu den Kleinen zu schaffen – das war schön!
Sie dirigieren auch. Als Experte für Alte Musik werden Sie als Dirigent oft von modernen Orchestern eingeladen, die keine große Erfahrung haben mit historischer Aufführpraxis. Wie offen sind die Orchestermusiker wirklich für neue Sichtweisen?
Hierzulande sind die Sichtweisen nicht mehr neu, die Orchester arbeiten an sich und es stellt sich heute die Frage, was ein Dirigent mit und bei Alter Musik machen muss. Das eigentliche Dirigat, eine großartige Geschichte zu erzählen, wie dies ein guter Dirigent bei einer Beethoven-Sinfonie tun sollte, entfällt beim Dirigieren von barocker Musik zu einem beträchtlichen Teil. Vielmehr geht es bei dieser Arbeit um die Vermittlung von spieltechnischen Eigenschaften, um eine Realisierung von musikalischen Ideen und deren möglichst guten handwerklichen Umsetzung, um die Motivation, großartige Musik zu machen und den Witz, die Sprache, ja, auch den Dialekt einer Musik zu erkennen, damit zu spielen und sich nicht eingeengt zu fühlen, bloß, weil das übliche Vibrato oder der massive Bogendruck entfällt. Das ist eine schöne Aufgabe, die bei jedem Orchester neue Energien entfacht und das sinnliche Erlebnis von Alter Musik steigert – und mich erfüllt.
Sie arbeiten mit dem ZKO zusammen. Was genau ist Ihre Funktion?
Mit dem ZKO verbindet mich eine wirklich lange Zusammenarbeit. Schon als Student durfte ich mein erstes Solokonzert dort spielen. Später wurde ich immer wieder eingeladen, mit dem Orchester zu konzertieren. Ich durfte die Kinderkonzerte mitentwerfen und war schließlich in den letzten beiden Saisons der 'Baroque Director' des Orchesters. In dieser Funktion habe ich die Barockkonzerte mit sehr illustren und inspirierenden Gästen, einem klaren Konzept und viel guter Musik salonfähig gemacht – in dieser Zeit erlebte ich viele schöne Konzerte mit dem ZKO, sei es dirigierenderweise oder als Gast im Publikum. Das Barockabo hat sich mittlerweile etabliert und meine Funktion läuft diesen Sommer aus. Mit Roger Norrington ist ein Mann für das Orchester da, der sehr viel Erfahrung mit barocker Musik hat.
Fühlen Sie sich manchmal eingeengt und begrenzt durch das Repertoire?
Nein. Einengungen haben doch meist mit den Personen und nicht mit der Sache zu tun.
In welchem Verhältnis steht für Sie das Wissen aus dem Quellenstudium zur interpretatorischen Freiheit eines Künstlers?
Die Kunst besteht darin, sich innerhalb von Gesetzen und Gebräuchen frei zu fühlen. In einer gewissen Weise bin ich ein seriöser Musiker, der aufgrund einer fundierten Repertoire- und Quellenkenntnis weiß, wie die Freiheit eines ausübenden Musikers auszusehen und sich anzuhören hat. Diese Freiheiten optimal auszuloten, ist eine Kunst. Ich glaube, dass diese Bandbreite der Freiheit heute etwas größer ist als damals, kennen wir doch viele Stile und Epochen. Auch die Musiziergewohnheiten, die Größe der Säle und die Orchesterzusammensetzungen sind doch anders. Es geht um die wunderbare Mischung von emotionalem Musizieren, stilbewusst, echt, modern und den heutigen Gegebenheiten angepasst und zugleich einladend, in barocke Welten einzutauchen.
Wie erleben Sie als Solist die Zusammenarbeit mit den führenden Spitzenensembles Alter Musik? Herrscht da eine gewisse Einigkeit bei der Aufführungspraxis oder gibt es da noch große unterschiedliche Herangehensweisen?
Wir haben alle die gleichen Informationen und wir interpretieren sie alle unterschiedlich. Welch eine schöne Feststellung! Die meisten der überlieferten Quellen sind in deutscher Sprache verfasst und diese werden anders gelesen, ausgesprochen und interpretiert von einem Berliner als von einem Franzosen, der den Inhalt versteht, aber übersetzt. Genauso mit italienischen Anweisungen, französischen Regelbeschreibungen oder mit englischen Traktaten. Hinzu kommt, dass jede Herkunft eines Musikers durch seine Muttersprache per se definiert wird. Ein Norddeutscher versteht es schon als Kind perfekt, lange Sätze zu bilden, diese deutlich zu akzentuieren und dadurch eine klare Definition des Gesprochenen zu schaffen. So geschehen auch in der Musik: Man lese Bach oder Telemann, erkennt man doch schnell, dass diese konstruierte Musik sehr wohl mit den Akzentuierungen und der Artikulation derselben einen Sinn ergibt. Ganz anders beispielsweise die Italiener. Die Sprache singt, sie verzichtet auf Akzente, die klar artikuliert sind, sonst klingt sie wie eine gebildete Dame aus Hannover, die im Hotel in Rom ihr Mittagessen bestellt: Das klingt definiert, die Konsonanten werden artikuliert, es wird perfekt gesprochen, doch der italienische Kellner verkneift sich das Lachen, denn dadurch wird seine Sprache entstellt, es geht in ihr weniger um die Definition, vielmehr um den Klang. Und genau so ist es in der Musik. Natürlich haben wir alle gelernt, unsere Nachbarn zu verstehen, uns zu integrieren, doch – es leben die unterschiedlichen Kulturen – noch immer ist es so, dass ich beim Hören einer Bach-Suite mit der Akademie für Alte Musik Berlin nicht nur alles verstehe, ja, ich fühle dabei dialektale Ausdeutungen bis ins Detail und der Hörgenuss übermittelt mir auch Informationen. Und wenn ich mir in Neapel eine Barockoper anhöre, geht mir dies genauso, ich bin vom Klang der Sprache überwältigt.
Die Zuschauerzahlen in den klassischen Konzerten sinken. Ist die Klassik ein Auslaufmodell?
Nein, das glaube ich nicht. Die Klassik ist eine Musikform, die nur einen kleinen Teil der Menschen anspricht, dies auf hohem Niveau. Dem ist doch schon seit langem so. Es entstehen ständig neue Mischformen zwischen Klassik, Volksmusik, Pop und Unterhaltungsmusik. Eine Entwicklung, die Brücken zwischen den Stilen schafft und auch ein größeres Publikum anspricht. Die reine Klassik bleibt den Insidern vorbehalten.
Ich persönlich bin überaus glücklich, dass meine Konzerte immer wieder bestens besucht werden. Mit bekanntem Repertoire oder mit Spezialitäten des Hauses. Gerade habe ich in der ausverkauften Kölner Philharmonie ein Konzert eines unbekannten Herrn Graupners aufgeführt: abstruser könnte es nicht sein – die Leute kamen in Scharen, auch bei dieser Musik, die nochmal eine Spezialisierung der Barockmusik darstellt! Auch meine CD mit frühbarocker Musik um 1625 ist seit Erscheinungsdatum ein gern gehörter Gast in vielen Haushalten. Die Musik und deren Komponisten sind selbst Klassikfans unbekannt. Ebenso ist unsere Kammermusikformation mit Blockflöte, Gambe und Laute – drei vergessene Instrumente – die erfolgreichste Gruppe, mit der ich in den größten Sälen Europas konzertiere. Dies zeigt mir, dass es um Inhalt, um Begeisterung für Musik, um Interpretationen und um die Freude für Neues geht. Das macht glücklich.
Interview von Florian Schär | Classicpoint.ch | 22.08.2011
Foto: MARCO BORGGREVE
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